Weder der Bezirk, der sich Mitte nennt, noch die Kreuzung der U-Bahnlinien U2 und U6, die den Namen "Stadtmitte" trägt, noch die Fahne auf dem Roten Rathaus, die vom Statistischen Landesamt als Mittelpunkt Berlins bezeichnet wird, liegen wirklich geografisch in der Mitte der Hauptstadt. Die Daimler AG ließ mal verlauten, man sitze in der Mitte Berlins, denn der Potsdamer Platz liege ungefähr in der Mitte der Stadt. Auch das ist falsch, die wahre Mitte Berlins liegt ein ganzes Stück weit weg - ziemlich unglamourös in Nordneukölln.Das hat zumindest der Potsdamer Arnold Zenkert ausgerechnet. Zenkert ist ein rüstiger älterer Mann, der Geografie studiert hat und Leiter des Potsdamer Planetariums war. Seit 22 Jahren ist der 86-Jährige im Ruhestand, aber Astronomie und Geografie beschäftigen ihn noch immer. Zenkert erzählt, zuerst habe er die Mitte von Brandenburg ausgerechnet, die liege am Fahrländer See. Ein anderer Rentner aus Potsdam hat auch gerechnet, kam zum gleichen Ergebnis - und in die Zeitungen. Arnold Zenkert störte das nicht, er mache das "einfach aus Spaß". Er nahm sich Mecklenburg-Vorpommern vor, danach Sachsen und nun Berlin.Er geht dabei immer gleich vor, nach der Vier-Punkt-Methode. "Ich suche die Koordinaten des nördlichsten, südlichsten, östlichsten und westlichsten Punktes, berechne die größte Entfernung zwischen Nord und Süd sowie Ost und West und halbiere dann die Distanz, um die Mitte zu erhalten", erklärt Zenkert. Den nördlichsten Punkt hat er nördlich des Bucher Forsts im Gebiet der Rieselfelder gefunden, bei 52,6492 Grad Nord. Den südlichsten machte Zenkert am Ende des Schmöckwitzer Werders aus, östlich von Zeuthen bei 52,3388 Grad. Berlins östlichster Punkt liegt nördlich von Erkner am Flakensee bei 13,7614 Grad Ost und der westlichste Punkt ist die Glienicker Brücke mit 13,0881 Grad Ost.Auf die Tausendstel genauErmittelt hat Zenkert die Koordinaten trotz seines hohen Alters am Computer mit dem Programm Google Earth. "Ohne Computer und Internet lebt man im Postkutschenzeitalter", sagt er. Das Programm sei auf eine Tausendstel genau. Vielleicht ist seine Begeisterung für Koordinaten so groß, weil die in der DDR streng unter Verschluss gehalten wurden. "Die haben Sie gar nicht bekommen", erzählt Zenkert.Nach seiner Rechnung liegt die Mitte Berlins bei 52° 29' 38'' nördlicher Breite und 13° 25' 26'' östlicher Länge. Das ist im Häuserblock zwischen Hobrechtstraße, Spremberger Straße, Schinkestraße und Bürknerstraße, nicht weit entfernt von der U-Bahnstation Schönleinstraße. Bei einem Ausflug in das Gebiet, zeigt Zenkerts knallgelbes Navigationsgerät genau vor dem Haus Spremberger Straße 4 die Koordinaten an. Unspektakulär ist sie, seine Mitte Berlins: eine Wohnstraße mit Altbauten und Gaslaternen.Allerdings reklamiert auch Kreuzberg die Mitte Berlins für sich. 1997 wurde in einer Grünanlage in der Alexandrinenstraße 12 eine Granitplatte angebracht, auf der steht: "Hier befindet sich der Mittelpunkt Berlins". Hubert Braun, Leiter des Vermessungsamts Friedrichshain-Kreuzberg, hat damals den Punkt markiert. "Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat das berechnet, indem sie 3 745 Grenzpunkte von Berlin in einen Computer eingegeben hat", sagt er.Wer hat nun recht? Braun sagt, die Methode mit den 3 745 Punkten sei natürlich viel genauer, als wenn man nur vier betrachte. Aber da sich die Landesgrenzen seit 1997 noch geringfügig geändert hätten, sei der Punkt an der Alexandrinenstraße heute auch nicht mehr ganz exakt. "Über Mittelpunkte könnte man fast eine Doktorarbeit schreiben", resümiert er. Nicht nur in Berlin, auch in Deutschland gibt es mehrere Mittelpunkte: Niederdorla, Silberhausen, Besse, Landstreit und Krebeck konkurrieren um diesen Titel - je nach angewandter Methode.------------------------------Foto: Hat die Mitte Berlins berechnet: der Geograf Arnold Zenkert.

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