BERLIN, 19. November. Am Dienstagmorgen wusste man zunächst nicht genau, ob man sich wirklich in einer Verhandlung des ehrwürdigen Landgerichts Berlin befand oder in einer der schrillen Nachmittagsgerichtsshows. Im Saal 143 wurde um zehn Uhr ein Verfahren eröffnet, dass als "Penis-Prozess" in die Geschichte eingehen wird. Der Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, hatte die Tageszeitung taz wegen eines satirischen Beitrags auf Unterlassung und 30 000 Euro Schmerzensgeld verklagt. In dem Artikel hatte Autor Gerhard Henschel am 8. Mai auf der Satire-Seite "Wahrheit" eine misslungene Penis-Verlängerung des Bild-Mannes kolportiert. Unter der Überschrift "Sex Schock! Penis kaputt?" schreibt Henschel über eine Operation des Genitals beim Bild-Chef, die aber unglücklich verlaufen sei - mit Folgen für Diekmanns Liebesleben und die Karriere. Das war alles ausgedacht. Eine solche Penis-Operation hat es nie gegeben.Wahrscheinlich wäre der Artikel auch nicht weiter aufgefallen, nur einige Journalisten waren sehr amüsiert. Schließlich hat Kai Diekmann, mit 38 Jahren schon Chef der größten Zeitung Europas, nicht nur Freunde. Manche neiden dem Mann, der keinen Uni-Abschluss besitzt, seinen steilen Aufstieg, manche seinen Schlag bei Frauen. Andere kreiden ihm seine engen Verbindungen zu Helmut Kohl an, über den er eine Biografie geschrieben hat. Kohl wiederum war Trauzeuge auf der Hochzeit von Kai Diekmann. Man weiß nicht, was Kai Diekmann gedrängt hat, diese Penis-Geschichte öffentlich zu verhandeln. Seinen Gegnern liefert sie jedenfalls gute Unterhaltung. Neugier und SchadenfreudeAuch am Dienstag sind viele Journalisten gekommen, aber nicht alle, um über den Prozess zu berichten. Manchen treibt eine Mischung aus Neugier und Schadenfreude. Diekmann ist dafür bekannt, gleich zum Telefon zu greifen, wenn er das Gefühl hat, eine Zeitung würde über ihn ungerecht berichten. Eine Journalistin aus Stuttgart, die von Diekmann im vergangenen Jahr verklagt wurde, sagt: "Den Spaß muss ich mir geben." Ein Kamerateam des Norddeutschen Rundfunks filmt für ein Feature zum Thema "Satire vor Gericht".Viel zu sehen gibt es für die Fernsehleute allerdings nicht. Kai Diekmann erscheint nicht vor Gericht. Das hatte wohl auch niemand erwartet. Sichtlich heiter schlendern dagegen taz-Chefin Bascha Mika und der Verfasser der "Penis-kaputt"-Geschichte, Gerhard Henschel, in den Saal. Irgendwann muss der Gerichtsdiener zwei Bänke dazustellen, damit die gut dreißig Leute Platz finden, einige drängeln sich noch immer an den Rand.Die Zuschauer werden nicht enttäuscht. Zunächst darf taz-Anwalt Johannes Eisenberg seine Sicht der Dinge darlegen. Er argumentiert, der Artikel sei eine Auseinandersetzung mit der Art von Journalismus, für die Kai Diekmann als Bild-Chef steht. "Wer selbst Schweinejournalismus betreibt, könne nicht erwarten, dass man geschmackvoll darüber schreibt." Eisenberg, der etliche Gegendarstellungen in Bild durchsetzen konnte, genießt seine Rolle sichtlich. Er ist polemisch, scharf und lässt keine Möglichkeit aus, Diekmann bloßzustellen. Irgendwie schafft er es in den ersten zwei Minuten dreimal, die Worte "Schwanz operiert" zu sagen. Das klingt komisch in einem Gerichtssaal. Selbst der Richter kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Tatsächlich muss man nicht lange in der Zeitung blättern, um Bestätigung dafür zu finden, dass Bild die Untenrum-Berichterstattung sorgfältig pflegt. Da bettelt Naddel um Sex, zeigt Michelle ihre Sex-Tattoos, braucht Franzi van Almsick Sex wie Brot und Wasser. Gerade kürzlich lief die Serie "Neue Geschichten aus dem Bettkästchen", in denen zum Beispiel Consuela über Sex auf dem Ikea-Parkplatz berichtet. Bürger und Politiker protestierten, dass Bild in Bushaltestellen Plakate aufhängte, auf denen dünnbekleidete Mädchen ausgiebig über ihre sexuellen Vorlieben Auskunft gaben ("Ich mags sanft. Hinterher").Andererseits ist es immer einfach auf Boulevardjournalismus einzuschlagen. Der Nachweis, dass die Moral unter Diekmann tatsächlich tiefer gesunken ist als unter seinen Vorgängern, steht noch aus. Bislang sank nur die Auflage. Und das hat mit Sex nichts zu tun. Der Medienrechtler Christian Schertz sagt, die Sache sei ein Grenzfall. Im Allgemeinen sei ein derartiger Text, der einen Menschen nur auf die Penisgröße reduziert, natürlich diffamierend. "Beim Chefredakteur der Bild-Zeitung, die täglich Intimes in die Öffentlichkeit zerrt, ohne die Betroffenen zu fragen, stellt sich jedoch die Frage, ob so etwas als Satire ausnahmsweise möglich sein darf."Der taz-Anwalt Eisenberg hat sich in Fahrt geredet. Als Beleg für die Diekmannsche "Durchseuchung der Öffentlichkeit" muss seine Frau, die Klatschkolumnistin Katja Kessler, herhalten. In der von ihr mitverfassten Biografie von Dieter Bohlen werden gar doppelte Schwanzbrüche kolportiert, sagt Anwalt Eisenberg.Diekmann-Anwalt Peter Raue versucht das Ganze wieder auf die sachliche Ebene zurückzubringen: "Hier wird nicht verhandelt, was der Bohlen mit seinen Schwellkörpern anstellt." Und dann wendet er sich dem Publikum zu: "Auch wenn Sie es lustig finden: Herr Diekmann ist tief getroffen und verletzt." Gelächter im Saal. Ein älterer Herr ruft von hinten: "Es ist aber wirklich lustig." Nach Ansicht von Anwalt Raue ist der Artikel eine grobe Verletzung der Intimsphäre Diekmanns. Dann beschreibt er, wie sehr seinem Mandanten die Sache Sorgen macht: Er, Diekmann, wolle nicht im Ausland, wo man die Satire-Seite der taz nicht als solche erkennt, darauf angesprochen werden, was er denn mit seinem Penis gemacht hätte. Ausgerechnet die taz mit ihrer kleinen Auflage von 57 000 Exemplaren als Meinungsmacher im Ausland? Egal. Anwalt Raue appelliert: "Lasst den Mann mit seinem Geschlechtsleben in Ruhe." Am Nachmittag gibt das Gericht sein Urteil bekannt: Die taz darf den Text nicht noch mal veröffentlichen, muss aber auch kein Schmerzensgeld zahlen. Begründung: Der Eingriff in die Intimsphäre sei nicht so schwer gewesen, dass ein Schmerzensgeld berechtigt wäre. Der Diekmann-Anwalt Raue sagte, er sei zufrieden mit dem Ergebnis. Die taz-Chefin Bascha Mika kommentiert die Unterlassungspflicht lapidar: "Wir hatten ohnehin nicht die Absicht, den Artikel noch einmal zu drucken." Ihrer Ansicht nach hat die taz den Prozess gewonnen.Werbung in eigener SacheIn jeder Hinsicht. Zunächst muss die chronisch klamme Zeitung, die für ihre Abo-Bettel-Aktionen bekannt ist, die 30 000 Euro nicht zahlen. Außerdem hat die Redaktion mal wieder bewiesen, was sie am besten kann: provokant Werbung in eigener Sache machen. Dazu hat die Zeitung den Prozess kräftig ausgekostet: Bereits vergangene Woche widmete sich die "Wahrheit"-Seite dem Thema Verlängerung - illustriert mit einem geflickten Penis. Dort wurde Tag für Tag gegen Kai Diekmann und die Bild gestichelt. Unter der Überschrift "Stundenlang die Nudel verlängern" wurden Methoden der Penisverlängerung ausgebreitet (übrigens schmerzfrei und sehr angenehm: Placebocreme von der Gespielin auftragen lassen).Viele Leute fanden das alles sehr lustig, vielleicht springt für die taz auch das eine oder andere Abo dabei raus. So haben alle was davon. Nur Kai Diekmann nicht.MAURIZIO GAMBARINI "Herr Diekmann ist tief getroffen. " Der Bild-Chefredakteur verlor vor Gericht im sogenannten Penis-Prozess.