MEININGEN, im Januar. Christoph Gann hat Raoul Wallenberg im Schlussverkauf entdeckt. Im Jahr 1992 räumte eine Buchhandlung in Frankfurt am Main ihre Bestände und der Jurastudent Gann fand ein Buch über Wallenberg. "100 000 Juden gerettet" stand auf dem Einband. "Ein ungewöhnlicher Titel", sagt Gann. Damals war er 22, er wusste noch nicht, dass er sein Thema gefunden hatte. Im Januar 1945 verschwinden ein schwedischer Diplomat und sein Fahrer in Budapest. In diesen Tagen ist das kein ungewöhnlicher Vorgang. Es ist Krieg, in den Straßen wird geschossen, Menschen werden willkürlich verhaftet. Ungewöhnlich ist der Mensch, der verschwindet. Raoul Wallenberg, Attaché der schwedischen Gesandtschaft in Budapest, bewahrte von Juli 1944 bis Januar 1945 zehntausende ungarischer Juden vor der Deportation in die deutschen Vernichtungslager. Er nahm Budapester Juden in die Obhut des Staates Schweden, indem er ihnen so genannte Schutzpässe ausstellte.Nach dem Kalten Krieg"Dieses positive Beispiel war mir damals neu", sagt Christoph Gann. "Ich hatte bis dahin weder den Namen Wallenberg noch die Namen anderen Retter gehört. Wer kannte denn Oskar Schindler, bevor Spielberg den Film über ihn zeigte?" Am Tag seines Verschwindens, dem 17. Januar 1945, ist Raoul Wallenberg auf dem Weg in das Hauptquartier der sowjetischen Armee in Debrecen, um Marschall Malinowski um Beistand für seine Schützlinge zu bitten. Der sowjetische Geheimdienst NKWD nimmt Wallenberg und seinen Fahrer in "Schutzhaft", sie werden später nach Moskau verbracht. "Wallenbergs Verschwinden war, wie wir heute wissen, keine unmittelbare Kriegsfolge, sondern ist ein Teil der Geschichte des Kalten Krieges", sagt Christoph Gann. Aus dem Jurastudenten ist ein Richter geworden; er ist aus Frankfurt am Main nach Thüringen gezogen und arbeitet am Landgericht Meiningen. Wallenberg ist sein schwierigster Fall geblieben, weil, wie es scheint, die Beweisaufnahme nie abgeschlossen werden wird. Als Gann den Namen Wallenberg zum ersten Mal hört, ist der Kalte Krieg vorbei. Und doch ist nur wenig bekannt über den Mann aus Schweden, der den jungen Deutschen so fasziniert. In den neunziger Jahren beginnt Gann alles zu sammeln, was er über den Diplomaten finden kann. Schließlich organisiert er eine Ausstellung über Wallenberg, er nennt sie "Lichter in der Finsternis". Gann findet immer mehr Material und bald hat er die Idee, eine Biografie über Wallenberg zu schreiben. "Ich wollte etwas beitragen, das wirklich neu ist", sagt er, "aus zwei Wallenberg-Biografien eine dritte zusammenzuschreiben, hätte den Aufwand nicht gelohnt." Mit kriminalistischem Eifer rollt Gann den Fall Wallenberg auf, reist nach Schweden und Ungarn, überprüft Zeugenaussagen und bemüht sich um eine lückenlose Beweisführung. Manchmal, sagt er, ist es gut, dass man zu Beginn einer Arbeit nicht weiß, was auf einen zukommt. Das habe wohl auch Wallenberg nicht gewusst, als er nach Budapest ging.Der junge Schwede aus reicher Familie kommt im Sommer 1944 als Vertreter einer Firma nach Ungarn. Versehen mit einem Diplomatenpass und im Rang eines Attachés der schwedischen Gesandtschaft in Budapest beginnt er "der Situation von Juden und anderer Minoritäten nachzugehen und darüber zu berichten" - so lautet sein Auftrag. Die Mission Wallenbergs vollzieht sich auf Initiative der schwedischen Regierung, die um Hilfe für die Budapester Juden gebeten worden war, unter anderem vom Jüdischen Weltkongress. Seit März 1944 ist Ungarn von der deutschen Wehrmacht besetzt, die zusammen mit der SS und der Gestapo die Gewalt im Land ausübt. Der ungarische Reichsverweser Admiral Horthy ist eine Marionette Hitlers. Adolf Eichmann organisiert die Deportation ungarischer Juden in die Vernichtungslager. Bis zum Eintreffen Wallenbergs in Budapest werden 437 000 Menschen verschleppt. Von den 200 000 noch in Budapest verbliebenen Juden "so viele Menschen retten wie möglich" ist das Ziel Raoul Wallenbergs. Diese Aussage wird Christoph Gann Jahrzehnte später zum Titel seines Buches machen. "Erst hat mich vor allem diese Rettungsaktion interessiert, später wollte ich mehr über Wallenbergs Schicksal wissen", sagt Gann. "Ich wollte herausbekommen, was mit ihm geschehen ist." Als er mit seinen Untersuchungen beginnt, ist er nicht der Einzige, der Wallenberg nachspürt. Schon im Jahr 1991 hat hat eine offizielle schwedisch-russische Kommission die Arbeit aufgenommen und beginnt Wallenbergs Geschichte zu schreiben.Was wissen die Geheimdienste?Um sein Ziel zu erreichen hat Raoul Wallenberg die Kontakte seiner Familie genutzt. Die Wallenbergs sind einflussreiche schwedische Industrielle, sie unterhalten Kontakte im nationalsozialistischen Deutschland. Ihre Verbindungen reichen sowohl in Widerstandskreise als auch zu Heinrich Himmler. Vor allem Jakob Wallenberg, Raoul Wallenbergs Onkel, pflegt geschäftliche Verbindungen mit Deutschland, steht aber auch mit Karl Goerdeler in Verbindung, einem der Köpfe des deutschen Widerstands. Nach dem misslungenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 bemüht sich Himmler darum, Jakob Wallenberg als Emissär für Verhandlungen über einen Separatfrieden mit den Alliierten zu gewinnen.Die Rolle der Familie Wallenberg im Zweiten Weltkrieg ist bis heue nicht völlig geklärt. Dass Jakob Wallenberg mit deutschen Firmen auch in den Kriegsjahren Geschäfte machte, die der deutschen Rüstungsindustrie zugute kamen, darf aber als sicher gelten. In den vergangen Jahren ist sogar häufiger spekuliert worden, dass Wallenbergs Verschwinden mit den Geschäften seiner Familie in Zusammenhang stehen könnte. "Niemand weiß das genau", sagt Christoph Gann. Sicher ist, dass die deutschen Verbindungen der Familie Wallenberg dem sowjetischen Geheimdienst ebenso bekannt waren wie den Amerikanern. Und vermutlich waren sie auch ein Grund für die Verhaftung durch den NKWD, sagt Gann. Er ist vorsichtig in seinem Urteil, vorsichtiger als Alexander Jakowlew, der Vorsitzende der "Russischen Rehabilitierungskommission", der im vergangenen November nicht nur Christoph Gann überraschte. Jakowlew erklärte, Wallenberg sei 1947 in Moskau erschossen worden. Beweise konnte er nicht vorlegen, doch er sorgte für Schlagzeilen. Am Tag der Gefangennahme Wallenbergs hatte der stellvertretende sowjetische Außenminister, Nikolaj Bulganin, nach Ungarn telegrafiert: Wallenberg sei nach Moskau zu bringen. In der Moskauer Zentrale des sowjetischen Geheimdienstes, der Lubjanka, verliert sich die Spur Wallenbergs. Was folgte war ein Gewirr diplomatischer Protestnoten, Dementis und wahrheitswidriger Erklärungen. Die schwedische Regierung verlangte Aufklärung über das Schicksal ihres Gesandten, die Sowjetunion erklärte, nichts dazu beitragen zu können. Wallenberg befinde sich nicht in der Sowjetunion, hieß es. Erst zwölf Jahre nach Kriegsende, am 6. Februar 1957, hatte der damalige Vizeaußenminister Andrej Gromyko dem schwedischen Botschafter in Moskau eine Erklärung übergeben, in der die Sowjetunion die Verhaftung Wallenbergs zugab. Damals hieß es, ein handschriftlicher Bericht aus dem Jahr 1947 belege, dass der Gefangene in einer Zelle des Lubjanka-Gefängnisses an einem Herzinfarkt verstarb. Mit der Feststellung des Todes von Raoul Wallenberg schien der Fall zunächst abgeschlossen zu sein. Doch sowohl vor der so genannten "Gromyko-Note" von 1957 als auch danach tauchten immer wieder Zeugen auf, die darauf beharrten, Wallenberg auch nach 1947 noch in sowjetischen Gefängnissen und Lagern gesehen zu haben. Manche sagen sogar, sie hätten Wallenberg noch Ende der achtziger Jahre in einer psychiatrischen Anstalt in Russland getroffen. Auch Christoph Gann schließt nicht aus, dass Raoul Wallenberg noch nach 1947 gelebt hat. Zwei Jahre hat Gann an seiner Biografie Wallenbergs gearbeitet, die er 1999 vorlegte. Er sagt, er habe Angst gehabt, dass die russisch-schwedische Kommission ihm zuvorkommen werde. Doch am Ende brauchte die Kommission neun Jahre und kam am 12. Januar 2001 zu dem Ergebnis, dass immer noch nicht zweifelsfrei geklärt sei, wann, wie und wo Wallenberg umgekommen ist. Die russischen Kommissionsmitglieder erklärten zwar erneut, Wallenberg sei 1947 erschossen worden; die Schweden aber sagten, es gebe keine Beweise.Christoph Gann muss seine Geschichte Wallenbergs nicht neu schreiben, weil er nicht vorgegeben hat, zu wissen, was geschehen ist. Aber er wird die Geschichte weiterverfolgen. Die schwedische Regierung habe Angebote ausgeschlagen, Wallenberg nach dem Krieg gegen sowjetische Gefangene austauschen, heißt es in dem Bericht der Kommission. "Das liest sich ja sehr interessant", sagt Christoph Gann. Diesen Fall lässt sich der Richter nicht aus der Hand nehmen.BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Der Meininger Richter Christoph Gann ist Jahrgang 1970, schon als Student beschäftigte er sich mit Raoul Wallenbergs Verschwinden.