Ein Sängerin, die nicht singt; ein erotisches Weltwunder bar jeder Erotik: Britney Spears zeigt sich im Berliner Velodrom auf dem Tiefpunkt ihrer Karriere: Der Traum, ein Vamp zu sein

BERLIN, 17. Mai. Britney Spears hat einen Traum. Er handelt davon, dass die Menschen sie endlich für eine männerverschlingende Verführerin halten. Seit über einem Jahr arbeitet sie daran, ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Es gab den Kuss mit Madonna, das bemüht schlüpfrige Album "In The Zone", die betont freizügigen Fotostrecken in unzähligen Hochglanz-Magazinen, die ebenso alkoholselige wie auch verblüffend kurze Ehe mit ihrem Jugendfreund Jason Alexander. All das diente nur dem Zweck, auf die Verwandlung vom naiven Mädchen zum Vamp vorzubereiten. Ihre "Onyx Hotel Tour", die Britney Spears am Wochenende ins Berliner Velodrom führte, sollte diese Wandlung besiegeln. Doch statt den letzten Pinselstrich am Bild der neuen Britney zu setzen, machte die Show die 22-Jährige zur Karikatur ihrer selbst. Nachdem ein gepuderter Hoteldirektor im Faschingskostüm das Publikum auf die Besonderheiten seiner sagenhaften Absteige eingestimmt hatte, öffnete das Hotel Onyx auch schon die Pforten und Britney Spears ritt zu den Klängen von "Toxic" wie eine Walküre auf einem riesigen Gepäckwagen ins Foyer. Um ihre Verwegenheit zum Ausdruck zu bringen, hatte man sie in einen schwarzen Gummianzug gestopft, der allerdings nur zum Ausdruck brachte, das auch Superstars nicht vor plötzlicher Gewichtszunahme gefeit sind.Das Klavier spielt weiterTänzerinnen und Tänzer wurden als Pagen und Zimmermädchen verkleidet von der Decke herabgelassen. Die Gegenwart der Sängerin versetzte ihnen dann augenscheinlich einen erotischen Schock - so dass sie außer Rand und Band versuchten, sich beckenkreisend an Britney Spears zu reiben. So folgte in der Show ein Tiefpunkt auf den nächsten. Nach der Foyerszene kam die Barszene, in der Spears ein Medley mit Jazzversionen ihrer alten Hits "... Baby One More Time", "Oops! . . . I Did It Again'" und "(You Drive Me) Crazy" zum Besten gab - nur passte der Gesang leider nicht zur Musik. In der Hotelgartenszene setzte sie sich an ein Klavier, um ihre aktuelle Single "Everytime" vorzutragen - doch als sie sich nach der ersten Strophe vom Klavier erhob, spielte es überraschenderweise von selbst weiter. In der Badezimmerszene trug sie einen hautfarbenen Ganzkörperanzug und nahm ein Bad in einer gläsernen Wanne, um in der Schlafzimmerszene schließlich mit einem Tänzer akrobatisch durch ein Bett zu turnen. Obwohl es hieß, dass Britney Spears mit ihrer Show einem neuartigen Trend namens Pornopop Vorschub leiste, blieb die gesamte Darbietung bar jeder Erotik. Es traf sich in diesem Zusammenhang gut, dass die angeblich so gewagte "Onyx Hotel Tour" ausgerechnet von dem erzkonservativen und Bush-nahen Mediengiganten Clear Channel gesponsort wird. Er will Amerikas Radioprogramme mit den geheimen Freuden puritanischer Unterhaltungskunst beglücken. Und so verklemmt wie Britney Spears versuchte, gewagte Erotik darzubieten, so krumm und verkniffen klang auch die Musik. Wie die New York Times bereits zum Tourstart zu berichten wusste, erklingt ihr Gesang über weite Teile der Show vom Band. Zwar hatte Spears daraufhin erklärt, dass sie sehr wohl singe, doch ausgerechnet ihr Manager Larry Rudolph gab der Zeitung Recht. Er erklärte, dass eine Britney-Spears-Show kein herkömmliches Konzert sei und man von seinem Schützling nicht verlangen könne, gleichzeitig zu tanzen und zu singen. Und weil Britney Spears in ihrer Show ständig tanzen muss, blieb ihr zum Singen nur noch ein Song. Also hörte man ihre Stimme nur bei "Everytime" wirklich live, was allerdings den vorsichtigen Mann am Mischpult dazu bewog, unberechenbare Gesangsfehler mit einem ordentlichen Halleffekt zu vertuschen. Auch für den Fall, dass die Zuschauerschaft diesen kleinen Trick nicht mit der gewünschten Begeisterung goutiert, hatte man eine Idee. Man hatte Mikrofone bereitgestellt, die selbst den kleineren Jubel der Fans im Umweg über die Hallenlautsprecher augenblicklich in einen größeren Jubel verwandeln konnten. Britney Spears schien dieser Jubel gut zu gefallen, also lächelte sie nett und ignorierte professionell, dass von den Rängen nur wenig Beifall kam. Wie ein Cheerleader Denn was das Publikum sah, war eine Sängerin, die nicht singt, um sich mit einer Show, in der keine Erotik vorkommt, als erotisches Weltwunder zu präsentieren. Kein zweiter Star steht sich derzeit so konsequent selbst im Weg wie sie. Und so wirkte Britney Spears im Berliner Velodrom denn auch wieder wie ein Cheerleader aus der zweiten Reihe, den man aus bislang ungeklärten Gründen auf die Bühne geschickt hat.------------------------------Foto: Britney Spears steht auf der Bühne, die Stimme kommt vom Band.