Ein Salon mit Überraschung

Die Anziehungskraft von Wundertüten nimmt mit den Jahren ab, denn als Erwachsener erkennt man knallbunte Nutzlosigkeiten besser als solche.----Trotzdem kann das Prinzip Wundertüte auch noch ausgewachsene Exemplare der Gattung Mensch neugierig machen und zusammenführen. Zum Beispiel, wenn auf der Tüte das gerade wieder sehr in Mode kommende Wort "Salon" steht. Dann versammeln sich 70 Leute für einen Abend, ohne vorher zu wissen, wer der Ehrengast sein wird. So jedenfalls lautet das Prinzip des noch sehr jungen "Salons Berliner Mitte", zu dem die Publizistin und Streiterin Lea Rosh, die Benefiz-Organisatorin Ulla Klingbeil und der Fernsehproduzent Jaro Stanislav monatlich ins Ermelerhaus am Märkischen Ufer in Mitte bitten. Zwar denkt Lea Rosh gerade darüber nach, ob man in die nächste Einladung nicht doch den Namen des Ehrengastes schreiben sollte, aber damit würde sie wohl die einzigartige Mischung ihres Salons verderben.Wo sonst treffen wie am Montag abend Politiker wie die möglicherweise künftige EU-Kommissarin Michaele Schreyer (diesmal der Überraschungsgast), der scheidende Europaabgeordnete Wolfgang Ullmann und Berlins PDS-Chefin Petra Pau auf Schriftsteller Lutz Rathenow, Rockmusiker Uwe Hassbecker und Richy Barton (Silly), Sängerin Gerlinde Kempendorff, Galerist Michael J. Wewerka, Fernsehleute wie Carla Kniestedt und Gerald Meyer, Bankier Siegfried M. Berger (Merck Finck & Co.), Radiochef Stefan Schwenk (Spreeradio), Schauspielerin Jutta Wachowiak? Silly-Mann Uwe Hassbecker ist ehrlich: "Wenn ich gewußt hätte, daß die Schreyer der Ehrengast ist, wäre ich wohl nicht gekommen." Sein Bandkollege Richy Barton war sogar davon ausgegangen, daß er einer Fernsehaufzeichnung beiwohnt.Schriftsteller Lutz Rathenow, der am Häppchenbüfett beim Beladen seines Tellers erstaunliche Fertigkeiten als Turmbauer offenbarte, gehört zu den Veteranen dieses Salons. Er hat auch die beiden bisherigen Veranstaltungen besucht und dabei immer interessante Gesprächspartner gefunden. Vorigen Monat drehte sich in der Runde um Aufbau-Verleger Bernd F. Lunkewitz alles um Rathenows Lieblingsthema Buch.Und auch diesmal ließ sich trefflich über den bevorstehenden Fall der Buchpreisbindung streiten, den EU-Kommissar Karel van Miert betreibt. Die bunte Mischung der Gäste läßt Rathenow, der sich eigentlich nicht als Salonlöwe sieht, beim "Salon Berliner Mitte" monatlich eine Ausnahme machen: "Das gehört dazu in Berlin, daß man seine Kreise auch mal verläßt."Das Zitat des Abends stammt übrigens von Wolfgang Ullmann, der damit sehr elegant auf eine ziemlich dumme These reagierte: "Entweder stimmt es nicht, oder es ist so schlau, daß ich es nicht verstehe."ZU GAST: Die singende Nußecke Guildo Horn (im Grand Hyatt).----Stadtgeflüster Telefon 23 27 53 96 Telefax 23 27 51 14