Auf dem S-Bahnhof Ostkreuz steigen an Werktagen 100 000 Menschen um, doch es gibt weder Aufzüge noch Rolltreppen. Die Züge in Richtung Westen fahren von drei Bahnsteigen ab, doch schon seit 1985 werden die Fahrgäste nicht mehr darüber informiert, an welchem denn nun die nächste S-Bahn einrollt. Einige Male wurde der Umbau dieses unglaublich provisorisch wirkenden Knotenpunkts geplant (erstmals 1937), doch geschehen ist nichts. Fast nichts: Auf dem Ringbahnsteig F wurde ein einsturzgefährdeter Bereich eingezäunt und mit sieben Pflanzentöpfen als niedliche "Blumeninsel" dekoriert. Andreas Butter, Hans-Joachim Kirsche und Erich Preuß haben Recht. "Der Bahnhof war und ist ein Albtraum", schreiben sie in ihrem Buch "Berlin Ostkreuz", das jetzt erschienen ist. Gleich vorweg: Den Autoren ist ein Spagat gelungen. Ihr 160-seitiges Buch bedient nicht nur Bahn-Freaks, die sich erst bei Fachbegriffen wie "Streckenblock" oder "AB 70 S" Wohlwollen abringen. Es ist auch für Menschen lesenswert, die an der mitunter verworrenen Geschichte dieser Stadt interessiert sind.Dazu trägt vor allem die reichhaltige Bebilderung bei, die zweierlei zeigt: den maroden Charme dieses Bahnhofs, der angeblich nur noch von den angeklebten Plakaten aufrecht gehalten wird, und die Bedeutung des Ostkreuzes für den Alltag der Berliner. Um die seit 1882 bestehende Anlage (die von oben eher wie ein Dreieck aussieht) kommt man kaum herum. Auf sieben Gleisen halten dort täglich rund 1 400 S-Bahn-Züge, neun der 15 Berliner S-Bahn-Linien kreuzen sich im Osten Friedrichshains. Von früh bis spät drängen sich Menschen auf den ausgetretenen Treppenstufen und dem holprigen Pflaster. Ein oft tristes Defilee zwischen Verkaufsbuden und Reklametafeln. Ein Foto zeigt den damaligen Bundespräsidenten Herzog, wie er 1998 mit anderen Anzugträgern durch dieses zusammengestoppelte Wunderland des Verfalls läuft - er wirkt irgendwie unpassend. Passender sind da schon jene Fotos aus DDR-Zeiten, die graugesichtige Winterjacken-Träger beim Umsteigen im Morgengrauen abbilden. So ist es noch heute am "Rostkreuz". Das neue Berlin ist weit, weit weg.Nicht überall können die Fachautoren verheimlichen, dass sie schon lange mit dem Thema Bahn zu tun haben. Erich Preuß war Mitarbeiter der Reichsbahn-Zeitschrift "Fahrt frei". Dennoch gelang es dem Trio fast immer, verständlich zu schreiben (nur das Kapitel über das Baudenkmal Ostkreuz ist ungenießbar). Oft scheint die gequälte Ironie des langjährigen DDR-Bürgers durch. Zum Beispiel dann, wenn die Verfasser auf die winzigen Verbesserungen der "Reisekultur" eingehen. Zu DDR-Zeiten wurden die neuen tschechischen Zugzielanzeiger "begeistert" gefeiert, nur weil sie nicht ganz so lahm waren wie ihre Vorgänger aus der Sowjetunion. Selbst ein simples Hinweisschild galt bereits als Fortschritt. Kein Umbau ohne PolitbüroNoch spürbarer wird die humorige Skepsis, zu der das Ostkreuz offenbar herausfordert, beim Thema Um- und Neubau. In der DDR galt die komplizierte Materie als so heikel, dass manch ein Politiker dafür einen Politbüro-Beschluss für erforderlich hielt (der nie kam). Inzwischen ließ die DB neue Pläne zeichnen, doch erneut wirkt Geldknappheit als Bremse. "Wenn dieses Buch erscheint, hat es noch keinen Ersten Spatenstich gegeben", schreibt das Trio. Es hat auch damit Recht.A. Butter, H. - J. Kirsche, E. Preuß: Berlin Ostkreuz. Verlag GeraMond, München 2000, 159 Seiten, 39,80 Mark.