Am Abend des 30. Mai 1985 trainieren Taucher des schwedischen Küstenschutzes in den trüben Fluten des Hammarby-Kanals in Stockholm. Gegen 20.40 Uhr meldet einer der Taucher, er habe unter Wasser das Wrack eines Autos entdeckt. Zweieinhalb Stunden später hebt ein Kran das Fahrzeug aus dem Kanal. Im Fonds des Wagens liegen zwei Leichen ­ die schwedische Journalistin Cats Falk und ihre Freundin Lena Graens. Beide Frauen wurden seit sechs Monaten vermißt.Gut anderthalb Jahre später, am 15. Januar 1987, stürzt um 17.54 Uhr ein Mann auf der Stockholmer U-Bahn-Station Östermalmstorg vor den einfahrenden Zug. Er ist sofort tot. Bei dem Opfer handelt es sich um Carl-Fredrik Algernon, den obersten schwedischen Rüstungskontrollinspektor. In beiden Fällen kommen die schwedischen Untersuchungsbehörden nach kurzer Zeit zu dem Urteil, daß ein Mord auszuschließen sei.Spur nach Kiel Vor zwei Jahren hatte die Berliner Zeitung schon einmal über den rätselhaften Tod der beiden Frauen und des Regierungsbeamten berichtet. Anlaß für unsere Recherchen war ein anonymes Schreiben aus dem Jahre 1993, in dem die drei in eine vage beschriebene "Rostock-Kiel-Stockholm-Connection" eingeordnet wurden. Es ging um angeblichen Waffen- und High-Tech-Schmuggel über die Ostsee, um KoKo- und Stasi-Firmen und den Tod Uwe Barschels.Anfang April dieses Jahres haben sich die anonymen Informanten nach vierjährigem Schweigen wieder gemeldet. Diesmal schickten sie einen in englischer Sprache abgefaßten Brief an die schwedische Sicherheitspolizei SÄPO. Der Inhalt: Cats Falk, Lena Graens und Carl Algernon seien durch ein Mordkommando der Stasi liquidiert worden. Seit eine Stockholmer Tageszeitung den Brief vor einigen Tagen publizierte, hören die Spekulationen in Schweden über die Hintergründe der mysteriösen Tode nicht auf.Die in Schweden sehr populäre Fernsehreporterin Cats Falk hatte im Herbst 1984, kurz vor ihrem Tod, in den Kreisen internationaler High-Tech- und Waffenschmuggler recherchiert. Dabei habe sie etwas aufgedeckt, was noch von keinem Journalisten vor ihr herausgefunden worden sei, rühmte sie sich damals einer Freundin gegenüber.Aus ihren von der Polizei sichergestellten Notizen geht hervor, daß Cats Falk den Geschäften des schwedischen Unternehmers Sven-Olof Haakansson nachspürte. Haakansson betrieb in Stockholm die Computerfirmen Isotronic und Fannyudde, über die Hochtechnologie und elektronische Waffensysteme in den Ostblock geschmuggelt wurden.Doch der Schwede war nur ein Mittelsmann, um die Lieferung über das neutrale Land abzusichern. Eingefädelt hatte die Lieferungen der Kieler Embargohändler Richard Müller, ein Agent des Sowjetischen Militär-Geheimdienstes GRU.Müller war 1983, als ihm im Westen der Boden zu heiß wurde, über Moskau nach Ostberlin geflohen. Hier richtete ihm Alexander Schalck-Golodkowski auf Mielkes Weisung eine Lagerhalle in Berlin-Blankenburg ein, damit der Embargohändler seine einträglichen Geschäfte für den Ostblock fortsetzen konnte. Die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) von Markus Wolf nahm Müller unter ihre Fittiche und stattete ihn mit den Falsch-Papieren unter dem Namen John Edgar Brent aus. Anfang 1989 kehrte Müller in die Bundesrepublik zurück, bekam eine Bewährungsstrafe, zahlte Steuern nach und setzte unbehelligt seine Ostgeschäfte fort. Nach der Wende kassierte er von der Stasi zweieinhalb Millionen Mark, was dem jetzt in Achterwehr bei Kiel lebenden Millionär eine Anklage wegen Untreue eingebracht hat.War Cats Falk 1984 auf die brisante Verbindung Stockholm­Ostberlin gestoßen? Die unbekannten Informanten der schwedischen Geheimpolizei schreiben, die Journalistin habe sterben müssen, weil sie illegalen Waffenlieferungen aus Stockholm nach Rostock auf der Spur gewesen sei. Mit Container-Schiffen seien in den 80er Jahren Erzeugnisse des Rüstungskonzerns Bofors in die DDR geschmuggelt worden, die Transporte hätten Stasi-Mitarbeiter begleitet. Kenntnis von den geheimen Fahrten über die Ostsee haben auch schwedische Regierungsmitglieder gehabt, so die Briefverfasser. Algernon, oberster Wächter über Schwedens Rüstungsexporte, habe erst 1987 von Cats Falks Recherchen erfahren. Er sei darüber schockiert gewesen und habe geplant, die Waffengeschäfte zwischen Bofors und der DDR öffentlich zu machen. Deshalb habe er wie auch Cats Falk sterben müssen.Geschickte Melange Der anonyme Brief, der der Berliner Zeitung im Wortlaut bekannt wurde, ist eine geschickte Melange aus belegbaren Fakten und kühnen Behauptungen, deren Plausibilität kaum nachprüfbar ist. Ein geradezu klassischer Text aus der Küche geheimdienstlicher Desinformationsabteilungen. So führen die Verfasser in ihrem Schreiben einzelne Ereignisse auf, die nur einem sehr überschaubaren Kreis von Personen bekannt sind, gleichwohl aber nichts mit den angeblichen Morden zu tun haben. Auf diese Weise erwecken sie den Eindruck, über Insiderinformationen zu verfügen, was die Glaubwürdigkeit des übrigen Briefinhalts erhärten soll.Auch Namen werden in dem Brief erwähnt. Allerdings nicht die der Mörder, sondern die von insgesamt sechs "Mitwissern", die in die Waffenlieferungen zu DDR-Zeiten eingeweiht gewesen sein sollen, darunter Rostocks damaliger Oberbürgermeister Schleif und SED-Bezirkschef Timm."Zwei der drei Mörder leben in Birkholzaue bei Bernau", heißt es in dem anonymen Brief. In dem Dorf sollen ­ so die oder der Verfasser ­ noch weitere Leute leben, die von den Morden wissen.Birkholzaue ist eine kleine Siedlung an der Verbindungsstraße zwischen Blumberg und Bernau. Es liegt mitten in einem etwa 36 Quadratkilometer großen Gebiet zwischen Blumberg und Bernau, das zu DDR-Zeiten in der Tat eine ungewöhnlich hohe Dichte an strenggeheimen Stasi-Objekten aufwies. In einer Übersicht des Bundesinnenministeriums über die Objekte und Grundstücke des ehemaligen MfS tauchen hier allein acht Adressen auf: konspirative Objekte, unbebaute Grundstücke, Bunkeranlagen, Führungsstellen und Funkobjekte für den Kriegsfall.Geheimes Camp Am perfektesten getarnt war ein bis zuletzt streng bewachtes Anwesen in Helenenau, nur zwei Kilometer östlich von Birkholzaue. Nur durch Zufall waren im Frühjahr 1990 Bürgerrechtler auf einen Feldweg gestoßen, der zu diesem Objekt führte: das Ausbildungscamp einer geheimen Sondereinheit der Stasi. Wer worin und zu welchem Zweck hier ausgebildet wurde, gehört zu den noch ungelösten Rätseln der Stasi-Geschichte. Unterlagen zu Helenenau sind in den Archiven unauffindbar. Und auch von Alteingesessenen bekommt man keine Antworten. Hier war man gewohnt, nicht übermäßig neugierig zu sein.In der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) in Berlin ist man von den schwedischen Zeitungsmeldungen überrascht worden. "Auf diese angeblichen Mordanschläge der Stasi in Schweden hatten wir bislang keine Hinweise", so ZERV-Direktor Manfred Kittlaus. Die Behörde werde sich aber umgehend über Interpol an Stockholm wenden, um Informationen zu erhalten und Amtshilfe anzubieten. "Das ist zuallererst ein Fall für die schwedischen Behörden, wir wollen uns da nicht einmischen, nur unsere Hilfe anbieten", so Kittlaus.Einige Erkenntnisse haben die Ermittler von der ZERV über Mordanschläge der Stasi schon in Erfahrung bringen können. Derzeit ermittelt eine Sonderabteilung in 16 Fällen von möglichen Auftragsmorden durch MfS-Agenten. Sämtliche Fälle sind im westlichen Ausland geschehen, überwiegend in der Bundesrepublik. Allerdings, so Kittlaus, seien als Täter stets westliche Agenten durch die Stasi gedungen worden. Daß es Killerkommandos der Stasi gegeben habe, die im Ausland operierten, dafür habe man bislang keine Hinweise gefunden.Plan zur Liquidierung Eine Planung für "Einsatzgruppen und Einzelkämpfer", die sowohl terroristische Anschläge gegen Einrichtungen als auch die Liquidierung von Personen im westlichen Ausland durchführen sollten, hat es bei der Stasi aber tatsächlich gegeben. Das geht aus einem als "Geheime Verschlußsache" deklarierten Papier von 1981 hervor, das von dem für Spezialaufgaben zuständigen Arbeitsgebiet "S" aus Mielkes "Arbeitsgruppe des Ministers" (AGM) verfaßt wurde. Das Dokument belegt die Existenz von Sonderkommandos der Stasi, die mit "aktive(n) Aktionen gegen den Feind und sein Hinterland" beauftragt waren. Und das nicht nur im Kriegsfall ­ schon unter "relativ friedlichen Bedingungen" seien die Terrorkommandos für nicht näher definierte "spezifische Einzelaufgaben" sowie für die "Liquidierung oder Beibringung von Verrätern, die Liquidierung bzw. Ausschaltung führender Personen von Terrororganisationen, deren Tätigkeit gegen die staatliche Sicherheit der DDR gerichtet ist" einzusetzen. Auf keinen Fall dürften bei den Aktionen "Rückschlüsse und Zusammenhänge für den Feind erkennbar werden". Das könne unter anderem erreicht werden "durch Tarnung und Vortäuschung von Havarien, Unfällen und anderes".War möglicherweise eine dieser "Einsatzgruppen" 1984 und 1987 in Stockholm? Die schwedischen Behörden haben die Chance verpaßt, Näheres über die angeblichen Morde und die Täter zu erfahren. Die anonymen Briefeschreiber hatten weitere Informationen angekündigt, wenn die Ermittlungsbehörden eine Anzeige in der Ausgabe der "Zweiten Hand" vom 12. April dieses Jahres schalten. "Grüße aus Stockholm von Rapport" sollte sie lauten, für den telefonischen Kontakt war ein Codewort vereinbart. Aber die Säpo wie auch die Reichspolizei verzichteten auf die Anzeige.