MÜNCHEN, 17. August. In Bayern ist es verbreitete Tradition, dass die Biertrinker nach dem Anstoßen den Krug noch einmal auf dem Tisch absetzen, bevor sie ihn leeren. Auch der Münchner Werner Tschernoussow folgte diesem Brauch lange Zeit, doch als er vor drei Jahren in einem Biergarten die Frage stellte, warum man das eigentlich tut, war betretenes Schweigen das Ergebnis.Als er auch im Bekannten- und Kollegenkreis keine befriedigende Erklärung erhielt und selbst der Deutsche Brauerbund keine Antwort wusste, fragte der 38 Jahre alte Tschernoussow auf der eigens eingerichteten Website www.anstossen-und-absetzen.de um Rat.Gefährlicher MaßkrugSeitdem haben mehr als 20 000 Menschen die Seite besucht, doch eine akzeptable Erklärung ist noch nicht gefunden. Mehrere meinten, da beim schwungvollen Anstoßen oft Bier überschwappe, würden die Tropfen am Boden des Glases beim Absetzen abgewischt, um die Kleidung nicht zu beflecken. Doch weshalb kennen dann vor allem Bayern dieses Ritual?Überzeugender erscheint da eine Begründung, die auf der bajuwarischen Sitte beruht, Bier aus Liter-Krügen zu trinken. Ein voller Maßkrug wiegt etwa zweieinhalb Kilogramm, weshalb man mit der Hand am besten durch den Henkel greift. Beim Anstoßen in großer Runde könne dies aber zu Handverletzungen führen. Deshalb ist es dem Experten "Hardy" zufolge "umsichtig", den Krug zum Anstoßen erst am Henkel zu fassen, danach abzusetzen und umzugreifen. Diese Technik ist bei Einheimischen in Perfektion zu bewundern. Ein kritischer User namens "KerLeone" gibt zwar zu, dass diese Erklärung rationell sei, doch das bedeute nicht, dass es die wahre sei. Denn "viele Traditionen haben ihren Sinn verloren oder hatten nie einen".Trotz dieses Einwands wurden weitere Interpretationen auf der Website veröffentlicht. Beliebt ist folgende Begründung: Das Absetzen sei entstanden, weil ehrenhafte Bürger nicht mit Dieben oder anderem Gesindel anstoßen wollten. Durch dieses "Erden" sei der Vorgang des Anstoßens "symbolisch gebrochen" worden und der gerade erwiesene Respekt rückgängig gemacht. In München ist oft zu hören, dass der Brauch in Studentenverbindungen entstand, die nicht mit Juden anstoßen wollten. Plausibler erscheint die Erklärung, dass das Absetzen Anfang des 19. Jahrhunderts eingeführt wurden, weil die bayerischen Soldaten in Napoleons Heer nicht mit den Preußen trinken wollten.Das Wissenschaftsmagazin P.M. ist der Meinung, dass das Absetzen lediglich beim Weißbier (Hefeweizen) Sinn ergebe, da sich dadurch die Hefe im Glas verteile. Andere vertreten auf www.anstossen-und-absetzen.de die Ansicht, durch das Berühren des Tisches habe man ersatzweise mit dem Erdboden angestoßen und so der Verstorbenen gedacht. Eine simple und doch schöne Erklärung bietet "Papakiesel" an: Durch diesen Brauch halte man vor dem Trinken kurz inne, um Gott dafür zu danken, "dass man dieses herrliche Bier trinken" dürfe.------------------------------Foto: Ein Liter muss es sein: Die Maß ist das Maß bayrischer Biertrinker.

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