Das Teatro "Massimo" in Palermo ist ein weltberühmtes Opernhaus, nicht zuletzt weil es große Zeiträume, weit mehr als ein Drittel seiner Geschichte, geschlossen gewesen ist. Das "Massimo" ist seit seiner ersten Vorstellung vor hundert Jahren ein Mythos gewesen, ein Traumtheater, dem Opern-Alltag entrückt, der Katastrophe näher als dem musikalischen Glück, am Ende mußte man glauben, es werde verfallen wie die prachtvolle, jahrhundertealte Innenstadt Palermos, Mahnmal der sizilianischen Lethargie, Opfer der Mafia.Am Montag ist das Teatro "Massimo" nach 23jähriger Schließung wiedereröffnet worden. Chor und Orchester des Hauses spielten Opern-Hits. Claudio Abbado und das Berliner Philharmonische Orchester gaben ein Konzert mit der 1. und der 3. Symphonie von Johannes Brahms.Die Eröffnung wurde innerhalb und außerhalb des Theaters gefeiert wie ein Wunder, wie ein Akt der Erlösung, wie die Überwindung der Lethargie und der Sieg gegen das organisierte Böse. Tausende Palermitaner waren bereits an den Abenden vor der Eröffnung auf die Piazza Verdi zusammengekommen, um das festlich illuminierte, hoch aufragende Opernhaus zu bestaunen. Tausende sahen sich am Montag den Einmarsch der prominenten Gäste an und verfolgten die Übertragung des Konzerts auf einer Leinwand.An den Absperrgittern am Fuß der großen Freitreppe hingen Transparente, die den Oberbürgermeister der Stadt, Leoluca Orlando, hochleben ließen. Bürger applaudierten, als er als letzter der Gäste die Freitreppe herunterstieg. Orlando ist in Palermo eine Heldenfigur im Kampf gegen die Mafia, die Wiedereröffnung des Theaters und die Wiederbelebung des heruntergekommenen Stadtzentrums versteht er als symbolische Akte im Kampf gegen die Feinde einer urbanen Zivilisation.Seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren betreibt Orlando eine Neubegründung, oder, wie er sagt, die Wiedergeburt der bürgerlichen Kultur in der Hauptstadt Siziliens. In den vergangenen Jahren sei es gelungen, so Orlando, die kulturelle Hegemonie der Mafia zu brechen. Früher hätten die Dinge in der Stadt "niemand" gehört, oder aber der "Mafia", in jedem Fallen habe man als Privatmensch die Finger davon gelassen. Mittlerweile betrachteten die Palermitaner die Entwicklung der Stadt als ihr ureigenes Interesse, und tatsächlich fällt auf, mit welchem Stolz Hotelportiers, Kioskbesitzer und Taxifahrer die Restaurierung "ihres" Theaters verfolgen. Jahrzehntelang hatte die zuständige Regionalverwaltung Siziliens das Teatro Massimo verkommen lassen und statt dessen ein System von Begünstigungen und Subventionsbetrügereien aufgebaut. Nach dem Amtsantritt Orlandos übernahm die Stadt das Theater.Kritiker behaupten, damit sei nur ein System von Begünstigungen durch ein anderes ersetzt worden. Tatsächlich hat die städtische Baukommission aber gute Arbeit geleistet. Im Teatro "Massimo" ist heute eines der schönsten Opernhäuser überhaupt zu erkennen, eleganter als die Oper in Wien, luftiger, heiterer als die "Scala". Mehr als andere Opern macht das "Massimo" des Architekten Ernesto Basile durch seine Exotismen das Inszenierte, auch das Traumhafte des Opernbetriebs deutlich. Das Theater liegt in Sichtweite des Meeres. Hundertjährige Palmen stehen an beiden Seiten des Portals, hinter der Freitreppe ragt eine klassizistische Fassade, die mit ihrem Wandocker, Ziegel- und Goldtönen die afrikanischen Farben des Binnenlandes aufgreift und veredelt.Das Innere, die hohe Empfangshalle, die Fluchten von Wandelgängen, Kabinetten und luftigen Rotunden sind reich mit Arabesken, Blumenbuketts, Füllhörnern, Nymphen und Musen ausgemalt ­ das Theater als Allegorie unvergänglichen Frühlings und ewiger Jugend. "Die Kunst erneuert die Völker und erhält ihnen ihre Geschichte", steht über dem Portal der sechs korinthischen Säulen: "Vergebens alles Vergnügen auf der Bühne, wenn es nicht auf die Gestaltung der Zukunft zielt."Die Akustik in dem 1 800 Plätze zählenden Opernhaus ­ zu seiner Zeit nach Paris und Wien das drittgrößte in Europa ­ ist ausgezeichnet, so ausgezeichnet, daß das Konzert der Philharmoniker zeitweise gefährdet war. Im Zuschauerraum hörte man jedes Rascheln eines Bonbonpapiers, jeden geflüsterten Kommentar, jedes Piepsen eines Taschentelefons. Vor allem in den langsamen Sätzen der Symphonien, in denen das Orchester wie weltentrückt sich mit sich selbst verständigte, mußte man hören, wie die Türen heimlich verlassener Logenplätze schlugen, wie Wachen auf den Korridoren schwatzten und der Partyservice das Büfett abtrug.Umfallende Holzlatten und knirschende Schritte aus entlegenen Teilen des Gebäudes machten überdies deutlich, daß das Einweihungskonzert nur ein vorläufiges war, daß die Bühne bislang nichts weiter ist als ein bodenloser Betonschacht, daß ganze Wandelsäle und Treppenhäuser bislang nur im Rohbau dastehen, kurz, daß noch gewaltige Arbeit geleistet werden muß, wenn im Mai des kommenden Jahres ein geregelter Opernbetrieb aufgenommen werden soll. Und auch dann bleiben Fragen. Der Oberbürgermeister erzählt von künftigen Programmen, die dem Mittelmeer einen Mittelpunkt verleihen sollen. Bodennäher hören sich die Ausführungen des künstlerischen Leiters des "Massimo", Marco Bepta, an, eines jungen Komponisten, der von erfolgreicher Arbeit an den Schulen der Stadt erzählt und von einem Festival für neue Musik, doch ein Programm ist auch dies nicht. Es ist nur alles sehr schön, und bequemer sitzt man in keiner anderen Oper.