So prachtvoll wie andere Straßen in Zehlendorf ist sie nicht. Villen gibt es entlang der Onkel-Tom-Straße nur wenige, dafür Häuser, die Architekturgeschichte geschrieben haben, eine berühmte Ladenstraße im U-Bahnhof und sehr viel Wald. "Raus aus den Mietskasernen mit ihren dunklen Hinterhöfen" war in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Leitmotiv für den modernen Städtebau. Auch Arbeiter sollten das Privileg genießen können, in der Natur zu leben.In den Jahren 1926 und 1927 ließ die Wohnungsbaugesellschaft Gehag unter der künstlerischen Gesamtleitung des Architekten Bruno Taut an der Onkel-Tom-Straße sowie links und rechts der Argentinischen Allee eine Siedlung mit bezahlbaren Reihenhäusern und Mietwohnungen für 2 200 Menschen errichten. Den Bankiers, Kommerzienräten und Professoren rundum passte es gar nicht, dass in ihrer Nachbarschaft "kleine Leute" einziehen sollten. Sie diffamierten die Taut-Siedlung als Papageiensiedlung, weil der Architekt die Fassaden der damals im modernen sachlichen Stil gebauten Flachdachhäuser bunt angemalt hatte: in Blau, Rot, Grün, Gelb und Orange.1928 formierte sich eine Gegenbewegung, es brach der so genannte Zehlendorfer Dächerkrieg aus. Angeführt von der Wohnungsbaugesellschaft Gagfah, die an der Straße am Fischtal, einer Querstraße der Onkel-Tom-Straße, für den gehobenen Mittelstand Häuser mit konventionell spitzen Dächern bauen ließ.Doch die Idee von Taut ließ sich nicht ganz realisieren. "Arbeiter zogen nicht in seine Siedlung. Selbst die kleinen Wohnungen waren für sie noch zu teuer. Die waren eher etwas für die untere Mittelschicht", sagt Hans-Jürgen Sinell, ein emeritierter Professor für Veterinärmedizin an der Freien Universität. "Außerdem gab es am Anfang noch keine U-Bahn-Verbindung, so dass die Arbeiter nicht in die Fabriken in Oberschöneweide gelangten." 1929 wurde dann die U-Bahn-Linie vom Thielplatz bis zur Krummen Lanke verlängert. Die Onkel-Tom-Straße hatte ihren eigenen U-Bahnhof.Als Kind zog Hans-Jürgen Sinell mit seinen Eltern aus Kreuzberg in die neue Siedlung. In eine 70 Quadratmeter große Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung für 70 Reichsmark Miete im Monat. Sein Vater arbeitete bei der Reichsbank. Sinell sagt: "Ich habe mich damals geschämt, in der Papageiensiedlung zu leben."Der Pensionär engagiert sich in der Gemeinde der evangelischen Ernst-Moritz-Arndt-Kirche gegenüber dem U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte. Im Innenhof des hellen Sandsteinbaus werden Zelte für einen Basar aufgebaut. Familien, aber auch viele alte Menschen würden in der Siedlung leben, sagt der Pfarrer Jörg Lischka. "Hier tragen die Leute die Nase nicht so hoch wie in Dahlem oder drüben am Mexikoplatz." Doch nachdem die Gehag angekündigt hat, die Wohnungen zu sanieren, fürchten viele Bewohner, sich die Miete danach nicht mehr leisten zu können. Bis vor zehn Jahren hatte Lischka eine Pfarrstelle in Tempelhof. "Das war das wahre Leben", sagt er. Kriminalität gebe es in seiner heutigen Gemeinde kaum: "Von Berlin sind wir weit weg."Das Zentrum der Onkel-Tom-Straße ist die Ladenstraße im U-Bahnhof. "Sie ist unser Dorfanger", sagt Lischka. Die Passagen an den Seiten der Bahnsteige wurden 1931 von Otto Rudolf Salvisberg errichtet, der zur Gruppe der Architekten um Taut gehörte. "Die Ladenstraße war damals eine Attraktion", sagt Hans-Jürgen Sinell. "Es gab sogar ein Kino." Das Onkel-Tom-Kino existiert schon lange nicht mehr. Heute findet man in den Passagen Supermärkte, Bäckereien, eine Post, ein Reisebüro. Ein Laden steht leer, darin war früher ein Feinkostgeschäft. Im Grill-Bistro mit Hertha-BSC-Fahne und Premiere-TV sitzen am Vormittag zwei Männer vor ihrem Bier, in der Ladenstraße sind vor allem ältere Frauen unterwegs. Radio Blaesche ist seit 45 Jahren dort angesiedelt. "Früher gab es hier viele Fachgeschäfte, sagt der Inhaber Frank Michel. "Aber dann stiegen die Mieten, und jetzt haben wir hier nur noch Filialisten."Bis in die 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts war Zehlendorf ein Bauerndorf. Dann erschlossen Terraingesellschaften die Grundstücke und verkauften sie an wohlhabende Bürger. Diese fuhren sonntags im Vierspänner zum Ausflugslokal Onkel Toms Hütte am Riemeisterfenn im Grunewald, an der heutigen Onkel-Tom-Straße, die bis 1933 noch Spandauer Straße hieß. Das Lokal, das der Wirt mit Vornamen Tom nach dem Roman "Onkel Toms Hütte" von Harriet Beecher-Stowe benannt hatte, fungierte wiederum als Namensgeber sowohl für die Onkel-Tom-Straße als auch für den U-Bahnhof Onkel Toms Hütte."Die Reichen", erzählt der Archivar im Heimatmuseum Zehlendorf, Benno Carus, "wurden im Garten von Onkel Toms Hütte auf der oberen Terrasse platziert. Die Tische waren mit schwerem Silber und Porzellan eingedeckt." Einfacher ging es auf den unteren Ebenen zu. Hier durfte das Volk Platz nehmen.Man kann die Überreste der Terrassen noch sehen. Ein Waldweg, auf dem man die Krumme Lanke erreicht, führt daran vorbei. Auf dieser Höhe der Onkel-Tom-Straße, unterhalb des Quermatenwegs, hört die Bebauung auf. Die Onkel-Tom-Straße macht eine Linkskurve und verschwindet im Grunewald.Die Häuser an der Onkel-Tom-Straße sind im Zweiten Weltkrieg unversehrt geblieben. "Die Amis", sagt Sinell, "haben während des Krieges Flugblätter abgeworfen mit der Parole: 'Zehlendorf, das wollen wir schonen. Denn da wollen wir später wohnen.'" Und tatsächlich war von 1945 bis 1949 die Argentinische Allee von der Waltraudstraße bis zur Onkel-Tom-Straße Sperrbezirk der Alliierten.So sind an der Onkel-Tom-Straße, zwischen den Seitenstraßen Wilskistraße und Im Gestell, auch jene vier Reformhäuser im Terrassenstil erhalten geblieben, die bereits 1923 unter der Leitung des Architekten Erich Mendelsohn gebaut wurden. Das berühmteste der vier Häuser ist das des Architekten Richard Neutra, der im Büro Mendelsohn arbeitete. Es ist als "Haus mit der Drehbühne" bekannt geworden. Auf der Drehbühne standen verschiedene Module mit Einrichtungsgegenständen. Je nachdem, in welche Richtung man die Bühne drehte, verwandelte sich der Raum in eine Couchlandschaft oder in ein Büro. Heute wohnt hier ein Manager. Er ist ziemlich stolz darauf, in so einem berühmten Haus zu leben. Nur eines stört ihn. "Hier wohnen viele Leute aus der unteren Mittelschicht. Im Grunewald, wo wir früher lebten, war die Klientel angenehmer", sagt er.Die Texte dieser Serie sind ungekürzt unter dem Titel "Berliner Straßen neu entdeckt - 34 Streifzüge durch die Hauptstadt" im Jaron Verlag als Buch erschienen. Es ist für zehn Euro im Buchhandel und im Kundencenter der Berliner Zeitung, Karl-Liebknecht-Straße 29, erhältlich.------------------------------Bekanntes LokalKarte: Die 3,7 Kilometer lange Onkel-Tom-Straße beginnt am Kleinen Stern, überquert die Argentinische Allee und endet kurz vor der Potsdamer Straße.Die Onkel-Tom-Straße wurde nach dem bekannten Ausflugslokal "Onkel Toms Hütte" am Riemeisterfenn im Grunewald benannt. Bis zu ihrer Umbenennung am 8. April 1933 hieß die Onkel-Tom-Straße Spandauer Straße.------------------------------Foto: Die Ladenstraße im U-Bahnhof bildet das Zentrum der Onkel-Tom-Straße. "Sie ist unser Dorfanger", sagt der Pfarrer Jörg Lischka.