Kurz nach vier reißen uns die Bahnen aus dem Bett", sagt Gerald Hamann. Wie ihm geht es hunderten Blankenburgern, die entlang der Rudelsburg- und Ilsenburgstraße wohnen. Denn zwischen beiden Straßen verläuft eine S- und Fernbahntrasse. Mit dem allmorgendlichen Betriebsbeginn der S-Bahn beginnt für die Anwohner der Lärm. Jetzt befürchten sie, dass sich die Situation noch mehr verschärft. "Die Deutsche Bahn plant den Bau eines zweiten Fernbahngleises", sagt Hamann.800 S-Bahn- und Fernzüge täglichDas Bauvorhaben firmiert bei der Bahn unter der Bezeichnung Nordkreuz Karow. Es ist Bestandteil der neuen Fernbahnverbindung zum Berliner Außenring, über die künftig der Güter- und Personenverkehr Richtung Norddeutschland und Skandinavien abgewickelt werden soll. "Wir rechnen dann mit täglich 800 S- und Bahnzügen auf dieser Strecke", sagt Hamann. Bislang waren es 400. Entsprechend werde auch der Lärmpegel steigen. 160 Anwohner gründeten deshalb eine Bürgerinitiative. Sie fordern von der Bahn Lärmschutzmaßnahmen wie zum Beispiel den Bau einer Lärmschutzwand parallel zu den Wohnhäusern. Bei der Bahn AG wird nicht bestritten, dass der Lärmpegel in den angrenzenden Wohngebieten mit der Inbetriebnahme eines zweiten Gleises steigt. "Ohne lärmtechnische Gegenmaßnahmen würde sich eine wesentliche Änderung an 99 Anwesen ergeben", heißt es in den Planungsunterlagen für das Karower Kreuz. Damit, sagt Hamann, wird anerkannt, dass wir Anspruch auf Lämschutz haben. Doch statt einer Lärmschutzwand, die nach Berechnungen der Bürgerinitiative, nicht einmal einen Kilometer lang sein müsste, plane die Bahn eine Mogelpackung. Das Unternehmen will ein so genanntes besonders überwachtes Gleis anlegen lassen. Das werde regelmäßig von einem Schallmesswagen kontrolliert und Riffel in den Schienen - sie sind unter anderem für den Geräuschpegel verantwortlich - abgeschliffen, erläutert Gabriele Schlott von der Bahn-Tochter Projekt Verkehrsbau. "Damit wird der Schienenverkehrslärm an der Entstehungsquelle beseitigt", sagt sie. Schallschutzwände und Fenster würden so überflüssig. Ein ähnliches, drei Kilometer langes Gleisstück wurde Mitte der 90er- Jahre unweit eines Spandauer Wohngebietes innerhalb der Bahnstrecke Berlin-Hamburg installiert. "Es ist wirkungsvoll", versichert Schlott.Doch der 58-jährige Hamann und die anderen Mitglieder der Bürgerinitiative fühlen sich über den Tisch gezogen. Die Bahn senke so den Lärmpegel um zwei oder drei Dezibel und könne dann das ganze Problem zu den Akten legen, sagt Hamann. Die Blankenburger haben ihre Einwendungen per Rechtsanwalt bei einer öffentlichen Erörterung mit Vertretern der Bahn und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vorgebracht. Letztere arbeiten jetzt an einer abschließenden Stellungnahme zu dem Streit, die dann dem Eisenbahnbundesamt vorgelegt wird. Dieses soll entscheiden, ob eine Lärmschutzwand nötig ist oder das Spezialgleis ausreicht. "Wir erwarten, dass nicht zugelassen wird, dass sich die Bahn aus ihrer Verantwortung stiehlt", sagt Hamann. "Schließlich leiden die Leute hier vor Ort unter dem Lärm."Das Nordkreuz Karow // Die Fernbahnstrecke Nordkreuz Karow ist Teil der ehemaligen Stettiner Bahn und eine wichtige Verbindung in den nordostdeutschen Raum und zu den Ländern Skandinaviens. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das östliche der beiden Fernbahngleise im Rahmen von Reparationsleistungen demontiert. Seitdem ist der Fernverkehr stark eingeschränkt.Nach Wiederherstellung des zweiten Gleises soll die Strecke mit Geschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometern pro Stunde befahren werden können. Auf 4 930 Metern wird von der Bahn ein besonders überwachtes Gleis gebaut, das lärmmindernd wirken soll. Die Bürgerinitiative befürchtet, dass die Lärmbelästigung Spitzenwerte von bis zu 90 Dezibel erreicht.BLZ/KATRIN BORN Die Fernbahnstrecke parallel zur S-Bahn-Trasse soll ausgebaut werden.