Ein Spitzel der Stasi verriet 1982 die Fluchtpläne von Diskuswerfer Wolfgang Schmidt - und steht jetzt vor Gericht: Ein Vietnam-Pilot sollte ihn in den Westen fliegen

Jäh endete Im Juli 1982 die Karriere des Diskuswerfers Wolfgang Schmidt. Wegen Fluchtvorbereltun. gen nahm die Stasi damals den DDRSpitzensportler fest und steckte Ihn ins Gefängnis. Ein Freund aus dem Westen, der ehemalige inoffizielle Mitarbeiter Ludwig Sch., soll Schmidt verraten haben. Gestern begann vor dem Berliner Landgericht der Prozeß wegen Freiheitsberaubung."Ich muß jetzt über meine Naivität lachen." Tatsächlich entfährt dem früheren Diskuswerfer Wolfgang Schmidt im Moablter Kriminalgericht ein Lachen. Es wlrkt nicht gequält, sondern offen. Es paßt zu dem dunkelbionden, leicht ergrauten Hünen, der schon in jenen Jahren, als er zu den DDR-Spltzensportlern zählte, durch seine Eigenwilligkeit auffiel -- und damit Ins Visier des Staatssicherheitsdienstes geriet.Pfiffe in MoskauNoch genau erinnert er sich daran, wie ihn 1980 bei der Olympiade in Moskau Zehntausende Zuschauer auspfiffen, weil er "nur" den vierten Platz belegt hatte. Er zeigte den Zuschauern die Faust. Ein Verhalten, daß in der Heimat nicht geschätzt wurde. Unangenehm fiel Schmidt den Behörden auch bei den DDRMeisterschaften 1981 in Jena auf. Er reiste nicht nur zu spät an. Er mietete sich in einem anderen als dem vorgesehenen Hotel ein und lud die Frauen an der Rezeption zum Sekt ein.Vor allem aber zweifelte das MfS an der politischen Zuverlässigkeit von Schmidt. Seine West-Kontakte waren der Stasi suspekt. Bemühungen, ihn davon zu überzeugen, daß der Kapitalismus der falsche Weg ist, scheiterten. Schmidt wollte sich selbst davon überzeugen, setzte sich mit amerikanischen Kollegen zusammen -- und feierte Partys. Er machte keinen Hehl daraus, daß ihm die politischen und geselischaftilchen 2ustände in der DDR nicht paßten. "Ich hatte politische Zwiespalte", schildert er seine damalige Einstellung. "Man versuchte, mich auf Veranstaltungen als Genossen hochzuziehen. Für so etwas war ich aber nicht geeignet."Treff im "Metropoll, Die Staatssicherheit reagierte auf ihre Weise. Spitzel wurden auf den Leistungssportler angesetzt. Schmidt, der 1978 Europameister wurde, 1976 bel den Olympischen Splelen In Montreal die Silbermedaille gewann und von 1978 bis 1983 mit 71,16 Meter den Weltrekord hlelt, wurde mit einem Netz von Informellen Mitarbeitern umgeben. "Ich ahnte, daß die Stasl eine Akte über mich angelegt hat", sagt er der Berliner Zeitung. Aber wie penibel und umfangreich die Mielke-Behörde Informationen über ihn sammelte, davon besaß der Dlskuswerfer keine Vorstellung. Bls heute hat er nur Teile seiner Akte in der Gauck-Behörde eingesehen."Werfer". Unter diesem nicht sehr einfallsreichen Titel hatte die Hauptabteilung XX, die für die Überwachung der Sportler zuständig war, den "Operativvorgang" eingeleitet. In fünf Bänden sind persönliche Daten von Schmidt sowie Spitzelberichte zusammengefaßt. Zunächst oberflächliche Berichte, die kaum etwas über die Gedanken und Planungen des Spitzensportlers aussagten.Das aber änderte sich mit "IM Ludwig", dem Angeklagten Ludwig Sch. Im November 1980 lernte Schmidt den aus dem Westen stammenden Mann kennen. Dle Männer trafen sich im Hotel "Metropol", in dem die Freundin des Sportlers arbeitete. Schnell faßte der Diskuswerfer Vertrauen. "Ich habe mich gefreut über einen guten Bekannten im Westen", erinnert er sich. Aber er räumt auch ein: "Ich war völlig naiv und gutgläubig. Was Ich gedacht habe, habe ich auch erzählt." Und Schmidt dachte an Flucht.TräumereienNicht nur das freiere Leben im Westen reizte ihn. Nach Aussagen des Angeklagten glaubte Schmidt, daß seine Leistungen in der DDR nicht ausreichend honoriert wurden.,, Er war der Meinung, er war der Größte. Er wollte sich im Westen vermarkten lassen", betont der 46 jährige Ludwig Sch.Die abenteuerlichsten Pläne entwickelte der Diskuswerfer. "Träumereien" nennt er dies heute. Mal wollte er sich bei einem Auslandsaufenthalt absetzen. Dann einen Urlaub In Ungarn nutzen, um Durchbruchstellen an der Grenze zu erkunden. Beim Leichrathletik-World-Ct~xp in Rom im September 1981 wollte er den Höhepunkt seiner Karriere erreichen und einen Weltrekord aufstellen -- um sich anschließend im Westen niederzulassen.Im August 1981 verfiel er auf die Idee, sich mit Hilfe eines Diplomaten in dessen Wagen In den Westen bringen zu lassen. Acht Monate später wollte er einen Tralnlngsaufenthalt In der syrischen Hauptstadt Damaskus nutzen, um sich an die Botschaft der Bundesrepublik zu wenden. Dann sollte Ludwig Sch. In West-Berlin einen "amerikanischen Piloten mit Vietnam-Erfahrung" anheuern, der Schmidt per Hubschrauber in den Westen bringt. Sogar Fotos von möglichen Landeplätzen nahe der Grenze hatte der Sportler Sch. In die Hand gedrückt.Was Schmidt nicht wußte: Sein vermeintlicher Freund arbeitete für die Stasi. Der Spediteur aus Flensburg hatte sich als IM anheuern lassen, damit seine Freundin in Ost-Berlin ausreisen konnte. Das MfS, dem alle Fluchtplane bekanntwurden, reagierte mit Zuckerbrot und Peitsche. Um den Abtrünnigen zu halten, erhielt er finanzielle Zuwendungen und ein Auto. Auch sein Hausbau in Hohen Neuendorf wurde unterstützt. Ziel war es, Ihn von seiner Sportkarrlere abzubringen und Ihm eine Arbeit als Sportlehrer anzubieten.Gleichzeitig wurde Schmidt bei Wettkämpfen gesperrt, im Mai 1982 schließlich aus der Leichtathletik-Nationalmannschaft ausgeschlossen. Drei Monate später wurde der Diskuswerfer verhaftet. Da waren seine Hubschrauber-Fluchtpläne bekanntgeworden.Vergeblicher Protest Zwei Monate saß er in Hohenschönhausen in Untersuchungshaft. Am S. Oktober 1982 verurteilte ihn das Stadtbezirksgericht Lichtenberg unter Vorsitz von Richter Jürgen Wetzenstein-Ollenschläger zu eineinhalb Jahren Haft. Hauptbelastungszeuge: Ludwig Sch.Ein Jahr verbüßte Schmidt im Gefängnis In Frankfurt/ Oder. Sel~,e sportliche Karriere in der DDR war damit beendet. 1987 verwirklichte er seinen Traum -- diesmal auf legale Weise. Er durfte ausreisen. Noch einmal griff er -- diesmal für den anderen deutschen Staat -- zum Dikus und kehrte mit 68,22 Metern in die Weltklasse zurück.Vergeblich versuchte die DDRSportführung vor dem deutsch-deutschen Länderkampf 1988 in l)üsseidorf seinen Start im Trikot der bundesdeutschen Mannschaft zu verhindern. Ende Juni 1993 zog sich Schmidt wegen seines lädlerten Rükkens aus dem Leistungssport zurück. Heute arbeitet er in Stuttgart als kaufmännischer Angestellter bei Mercedes-Benz. "Es ist schon interessant, wie krank diese Gesellschaft mit ihrem Stasi-System war. Was für eine Angst vorhanden war, die politische Macht zu verlieren", sagt er rückblickend.Er ist überzeugt, daß das MfS den Angeklagten zielgerichtet auf ihn angesetzt hat. Die Staatsanwaltschaft teilt diese Meinung. Für sie ist klar, daß die Stasi ohne Ludwig Sch. niemals von den Fluchtplänen des Sportlers erfahren hätte. Der Angeklagte, dessen Freundin schließlich ausreisen durfte, dagegen sagt: "Die haben genügend Leute gehabt, die Schmidt 24 Stunden am Tag überwacht haben."In der kommenden Woche ist das Urteil zu erwarten.Wolfgang Schmidt als Zeuge der Anklage gestern vor dem Berliner Landgericht.