Es ist gar nicht so schwer, in diesen Roman hineinzukommen. Aus der Dresdner Innenstadt mit der Straßenbahnlinie 6 bis zur Loschwitzer Brücke, die besser als das Blaue Wunder bekannt ist, dort geht es über die Elbe, weiter bis zum Körnerplatz mit der Konditorei "Wittler", jetzt scharf nach links und schon erreicht man die Talstation der Standseilbahn zum Weißen Hirsch. Eine rote Digitalziffer zeigt: Abfahrt in acht Minuten.Die Zeiger der Bahnhofsuhr über dem Schaffnerhäuschen schienen sehr langsam vorzurücken. Der Schaffner sitzt in seinem Kabuff und nimmt einen Schluck aus der Thermosflasche. Er scheint wie alles hier unter Denkmalschutz zu stehen. Darf man sich schon reinsetzen? "Nu klar." Die Türen schließen. Der Wagen blieb noch einen Moment reglos am Ort, setzte sich dann ruhig in Bewegung, glitt aus der Haltebucht heraus und empor. Die Kabine verschwindet in einem Tunneloval, taucht wieder auf und rollt in leichtem Bogen den Elbhang hinauf. Die Fahrt, die in Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" neun Seiten dauert, ist tatsächlich in drei Minuten geschafft.An der Bergstation steht Uwe Tellkamp, der Schriftsteller persönlich. Mit seinem schwarzen Barett, das zu seinem Markenzeichen geworden ist, erkennt man ihn sofort. "Herr Tellkamp ..." Kräftiger Händedruck, ruhiger Blick, direkt in die Augen. Dieser Moment der Verlegenheit, wie er oft entsteht, wenn Fremde sich begrüßen, ist schnell vorüber. Es war nicht damit zu rechnen, ihn hier zu treffen, denn es hieß, er sei zurzeit sehr eingespannt. Seine Lesereise führt ihn jeden Tag an einen anderen Ort. Seit er vor kurzem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, reißen sich alle um ihn. Am Abend hat er in Dresden eine Lesung. Er ist für Filmaufnahmen auf den Weißen Hirsch gekommen. Heute früh war er noch in Rostock, morgen fährt er nach Freiburg, dann geht es nach Basel. "Der Turm" ist das Buch dieses Herbstes. Es ist eine Geschichte vom Untergang der DDR. Sie beginnt mit Leonid Breschnews Tod 1982 und endet am 9. November 1989. Auf fast tausend Seiten begleitet Tellkamp die Helden seines Buches, die allzu oft nicht zum Helden taugen, durch die Jahre der Agonie, des Stillstands und der Lüge.Uwe Tellkamp erzählt von Dresden und von Menschen, die sich in ihren eigenen Schatten zurückgezogen haben. Eingesponnen in einen Kokon aus Literatur, Musik, Historie und Alltagssorgen erlebt die Turmgesellschaft auf ihren Hochsitzen über der Elbe das Ende einer Zeit, die nicht die ihre war. Das Stadtviertel im Osten von Dresden mit seinen hundert Jahre alten Villen ist eine Nachbarschaft von Medizinern, Künstlern, Dichtern, Professoren, die es so wahrscheinlich wirklich nur auf dem Weißen Hirsch gegeben hat. Man verachtet den Sozialismus, weiß aber oft genug auch seine kleinen Vorteile aus dem System zu ziehen."Der Turm" ist ein Roman, an den man sich in Dresden und anderswo noch lange erinnern wird. Uwe Tellkamp hat nicht nur den Weißen Hirsch literarisch verewigt, er hat eine eigene Welt geschaffen, die jetzt auf die Realität zurückwirkt.Der Autor schildert die Topografie dieses Ortes so präzise, dass die Leser heute mit dem aufgeschlagenen Buch in der Hand über den Weißen Hirsch spazieren. "Bekannte von mir wollten das Karree neulich ablaufen und sind dauernd an irgendwelche Mauern gestoßen", sagt Tellkamp. Und die, die von damals noch hier sind, untersuchen den Roman nach Hinweisen auf ihre Person. Mehr als hundert Figuren hat Uwe Tellkamp entworfen, fast alle folgen einem Vorbild. Doch nur wenige nennt er bei ihrem richtigen Namen. Einige von ihnen sind leicht zu erraten, so ist sein Baron Arbogast als Manfred von Ardenne zu identifizieren, der auf dem Weißen Hirsch ein privates Forschungsinstitut mit fünfhundert Mitarbeitern führte, hinter dem jovialen Barsano steckt Hans Modrow, der als SED-Bezirkssekretär viele Jahre lang Dresden regiert hat. Dann gibt es da auch noch den Bäcker Frank Walther und den Heimatforscher Horst Milde. Und nach der Begegnung mit ihnen steht hier nun sogar das wirkliche Ich der Hauptfigur.Längst sind wir mittendrin in Tellkamps Welt. Da ihm Welt und Wort auf wundersame Weise ineinander fließen, möchte man in dem jungenhaft wirkenden Mann, der mit schnellen Schritten durch das Viertel führt, nicht allein den Autor erkennen, sondern auch den Abiturienten Christian, dessen Familiengeschichte Tellkamp in seinem autobiografischen Roman erzählt.Abends ging Christian, wenn er bei seinen Eltern war, gern allein spazieren. Er sah wenige Menschen, meist lag das Viertel in tiefem Schweigen. Den Christian aus dem "Turm" muss man sich in einem grünen Parka vorstellen. Uwe Tellkamp, vor Kurzem vierzig geworden, trägt einen blauen Kapuzenmantel mit Ziernähten und weite Cargo-Hosen, zu denen die ledernen Halbschuhe nicht so recht passen. Diese Kappe, die ein wenig nach Spezialeinheit aussieht, erklärt sich auf angenehm friedliche Weise. Es handelt sich um eine Dresdner Winzermütze, mit der der Dichter seine Heimatliebe beweisen will. Jetzt, da er in Süddeutschland lebt und nur noch selten auf den Hügel seiner Jugend zurückkehrt."Hier sind wir als Jungs mit den Skiern runter." Tellkamp biegt in die Jahnstiege ein, einen schmalen, sehr steilen Weg, der direkt auf eine Straße führt. Wer dort nicht einen perfekten Stemmbogen hinbekam, war arm dran. "Wir waren verrückt", sagt Uwe Tellkamp. "Ich kann Ihnen noch eine Narbe am Schienbein zeigen." Auch heute ist kein Mensch zu sehen. Das Laub raschelt unter den Füßen, im Geäst der kahlen Bäume flitzen zwitschernd Meisen herum. Hin und wieder flüchtet ein Eichhörnchen vor der tiefen Männerstimme. Tellkamp spricht dieses akzentuierte Hochdeutsch, wie es für jene Sachsen typisch ist, die etwas vorhaben in ihrem Leben."Sehen Sie, die Villa San Remo. In der mittleren Etage wohnte Hans Vonk, Leiter der Staatskapelle." Tellkamp zeigt auf eine Art Märchenschloss, dessen Turm in perfekter Lage den Hang dominiert. In seinem Roman heißt das Haus "Rapallo". Er erzählt, dass dort die Witwe von Erhard Kästner gelebt hat, der zwei Jahre lang der Sekretär von Gerhart Hauptmann gewesen ist. Und dann gibt es natürlich noch die Geschichte von Charles Nobel, jenes amerikanischen Konstrukteurs und Unternehmers, der 1939 die erste Kleinbildspiegelreflexkamera Praktiflex auf den Markt gebracht hat. Vom Balkon der Villa San Remo aus soll Nobel mit einem Funkgerät die Bomber der Alliierten bei ihrem Angriff auf Dresden geleitet haben. "Eine Legende", sagt Tellkamp. Sie sei längst widerlegt.Christian hatte sich bei Malthakus erkundigt, der nicht nur Briefmarken und Ansichtskarten sammelte, sondern auch Geschichten über die Häuser hier oben und ihre Bewohner. Dieser Herr Malthakus heißt in Wirklichkeit Horst Milde, er wohnt mit seiner Frau Gisela im Lahmannring. Milde ist Ortschronist. Im Wohnzimmer hängt das Wappen der Stadt Dresden, "von der Tochter gestickt". Daneben drei gerahmte Karten: Dresden, Sachsen und die deutschen Länder in den Grenzen von 1823.Und so sind sie hier oben alle, am liebsten würden sie im Alten Dresden leben, dieser fein-barocken Puppenstube und pseudoitalienischen Zuckerbäckerei. Im "Turm" nennt Tellkamp dieses Leiden an der Gegenwart "die süße Krankheit Gestern".Seit 1941 lebt Horst Milde auf dem Elbhang. Vierundachtzig Jahre ist er jetzt alt, seine Frau achtzig. Während der Nazizeit war er Gefolgschaftsführer der Hitlerjugend für den Weißen Hirsch. Kurz vor dem Ende musste er in den Krieg. Er wurde bei der Ardennen-Offensive verwundet und überlebte das Bombardement Dresdens in einem Lazarett im Stadtzentrum. Er hat gesehen, wie die Rote Armee auf dem Weißen Hirsch eingezogen ist und die Sanatorien des Kurortes besetzt hat. Von 1949 bis 1989 führte Horst Milde auf dem Weißen Hirsch sein Briefmarkengeschäft. "Meinen Laden gab es genauso lange wie die DDR", sagt er.Vor ein paar Jahren bekam Milde einen Brief: "Sehr geehrter Herr Milde: Als gebürtigem Dresdner, ehemaligem Bewohner des ,Weißen Hirsch' und regelmäßigem Leser des ,Elbhangkurier' sind mir nicht nur Ihre Artikel (einige jedenfalls) vertraut, sondern ich habe auch Erinnerungen an Sie, denn das Schaufenster Ihres Geschäfts Bautzner Landstraße 16 konnte keinem aufgeweckten Jungen unbemerkt bleiben. Erlauben Sie mir zunächst, mich Ihnen vorzustellen: Mein Name ist Uwe Tellkamp, ich habe von 1977 bis 1998 auf dem Hirsch gelebt und bin von Beruf Schriftsteller und Arzt. ... Ich möchte als Autor meine Heimat bewahren; vor dem Vergessen und vor manchen Ahnungslosigkeiten, die uns begegnen."Von nun an gingen Briefe hin und her. Es gab Treffen und Telefonate, in denen Milde sein Wissen mit Tellkamp teilte. "Ich habe gedacht, der Spinner kommt nie wieder", erinnert sich Milde an seine erste Begegnung mit dem Dichter. "Der wollte alles umbenennen. Die Elbe hieß bei ihm elbischer Fluss." Als er dann die Auszüge aus dem "Turm" las, sah er sich bestätigt. Namen, Wege, Häuser, kaum etwas stimmte mit dem überein, wie er es im Kopf hatte. Uwe Tellkamp erklärte ihm in einem weiteren Brief das Wesen seiner Arbeit: "Romane sind keine Chroniken, sie sagen nicht die Wahrheit, sondern suchen sie, oder besser: Sie stellen die Umstände dar, aus denen man so etwas wie Wahrheit ableiten kann."So konnte Gisela Milde doch noch ihren Frieden mit dem Buch machen. "Wir haben das alles erlebt, was Tellkamp beschreibt", sagt sie. Wie im Winter die Kohlen knapp wurden, wie die Häuser verfielen, wie sie zum Schluss 23 Schüsseln auf dem Dachboden stehen hatten, die das Regenwasser auffingen. Und ihr Mann hat jetzt eine Liste zusammengestellt, auf der die Originalnamen neben den Buchnamen stehen. Das ist für ihn der Schlüssel zum Roman. Nun ist auch seine Welt wieder in Ordnung.Die alten Häuser mit dem angegriffenen Putz ... findet man auf dem Weißen Hirsch kaum noch. Alles ist saniert, viele der früheren Bewohner sind weggezogen oder "wurden weggezogen", wie Uwe Tellkamp sagt. Aber eine der Villen hat sich ihre literarische Aura bewahrt, das "Haus Abendstern" seines Romans. Hier wohnte einmal Tellkamps Onkel, dem er die Liebe zur klassischen Musik verdankt. Derselbe Onkel war es, der den Tellkamps den Tipp gegeben hatte, dass auf dem Weißen Hirsch eine Wohnung frei geworden ist. Bis dahin hatten sie in einem Plattenbau auf der anderen Elbseite gewohnt. Für den Jungen änderte sich nicht nur die Umgebung. Die Kindermannschaft von Dynamo Dresden, wo er Fußball gespielt hatte, war bald nicht mehr so wichtig. Sein Onkel spielte ihm den "Tannhäuser" vor, in fünf verschiedenen Aufnahmen."Das da oben war das Musikzimmer", sagt Tellkamp und blickt zu einem Fenster im ersten Stock des Hauses hoch. "Wenn ich Turm denke, denke ich an das Musikzimmer in der Oskar-Pletsch-Straße 10."Sein Cousin Wieland kommt kurz vor die Tür. Er ist etwas jünger als Tellkamp und der Einzige aus der Verwandtschaft, der in dem Viertel geblieben ist. Der Cousin erzählt, dass er oft bei den Tellkamps gewesen sei. "Uwe hatte nämlich eine riesige Mosaik-Sammlung." Jene Comics, die im Osten sehr begehrt und schwer zu bekommen waren.Was war denn sein erstes Heft?"Die Nummer 207", sagt Tellkamp. "Das Waffenlager."Mein erstes war die 136, Flucht durch die Dardanellen."Nee, das war die 126", sagt er. "Schauen Sie zu Hause nach."Er hatte recht.Tellkamps Gedächtnis kommt einem unheimlich vor. Sein Wissen scheint unendlich zu sein. Mit Richard Wagner kennt er sich so gut aus wie mit Ritter Runkel, er kann zum Thema Metallurgie extemporieren, um gleich darauf über die Punkband Feeling B. zu reden. Woher kommt das alles? "Zuhören, lesen und merken", sagt er.Lernen, unerbittlich, unermüdlich, unersättlich, musste man, wenn man eines Tages zu den Großen gehören wollte.Es sieht so aus, als ob er es geschafft hat. Seit Wochen führt er die Bestsellerlisten an, die Feuilletons übertreffen sich in Lobeshymnen. Wenderoman, Volksbuch, Sittengemälde. Einer nannte den Roman "Epopöe von der untergehenden DDR". Formuliert sein Buch nun wirklich das gültige Urteil über die DDR, wie manche meinen?"Ich habe mir viel Mühe gegeben", sagt Tellkamp, "aber es wird nicht so sein." Andere werden das Ihrige zu sagen haben. "Ist es ein gutes Buch?" fragt er sich. "Ich denke schon." Tellkamp hat viel zu lange daran gearbeitet, um jetzt noch mit sich zu hadern. Er hat alles mit der Hand geschrieben und das Ganze hundertmal überarbeitet. "Ist es ein großes Buch? Ich habe Zweifel." Es gelingt ihm dann aber recht schnell, die Zweifel zu zerstreuen. Große Bücher hätten eine einfache Kernaussage, "denken Sie an Kafkas ,Schloss'. Da will einer ins Schloss und kommt nicht rein." Bei ihm gehe es darum: "Wie verteidige ich mich gegen eine feindliche Umwelt." Einfache Kernaussage.Schloss Arbogast zeigte sich im Glanz seiner Pracht. Die Bezeichnung "Schloss" trug es nicht offiziell, der Baron bevorzugte das schlichtere "Haus". Das Anwesen der Familie von Ardenne liegt am Ende einer Sackgasse, die von Institutsgebäuden gesäumt wird. Nach dem Tod ihres Vaters vor elf Jahren haben die Brüder Thomas und Alexander von Ardenne dessen Erbe angetreten. Durch ein schmiedeeisernes Tor gelangt man zur Auffahrt, die von Baufahrzeugen verstellt ist. Die Ardennes haben die Handwerker im Haus. "Wir machen die Heizung", sagt Thomas von Ardenne. "Strom, Wasser, Gas, alles war noch von 1960." Die beiden Männer, die sich nicht ähnlich sehen, sind reserviert. Sie sitzen mit gefalteten Händen nebeneinander an einem Konferenztisch und beantworten die Fragen knapp. Sie sind Naturwissenschaftler.Thomas von Ardenne ist mit dem Roman noch nicht weit gekommen, Seite 50 ungefähr. Ihm fehlt einfach die Zeit. "Wenn man selbst drin ist, liest man es ganz anders", sagt er, "man stößt auf Dinge, die man akzeptieren muss, auch wenn man sie anders erlebt hat. Das ist eben dichterische Freiheit." Zum Beispiel? "Zum Beispiel hätte unser Vater am Eingang niemals ein Transparent ,Für Sozialismus und Frieden' aufgehängt." Er habe darauf geachtet, dass die Partei nicht zu viel Einfluss gewinnt. Es gab in seinem Institut keine Kampfgruppen und keinen sozialistischen Wettbewerb. Das sei immer eine Gratwanderung gewesen, denn manchmal schaute Erich Honecker persönlich nach dem Rechten.Manfred von Ardenne war in der DDR eine Ausnahmeerscheinung. Als er 1931 bei der Funkausstellung in Berlin das erste vollelektronische Fernsehen vorstellte, berichtete die New York Times auf ihrer Titelseite über ihn. Er war einer der wenigen Wissenschaftler von Weltruf, die nach dem Krieg im Osten Deutschlands Karriere machten. Durch geschicktes Taktieren mit den Mächtigen schuf er sich einen Freiraum, wie ihn sonst keiner hatte.Thomas von Ardenne ist als älterer der beiden Brüder 1943 noch in Berlin zur Welt gekommen. Alexander wurde 1949 in Suchumi geboren, wohin der alte Ardenne von den Sowjets zwangsverpflichtet worden war, um an der Entwicklung der Atombombe mitzuarbeiten. Als er 1955 mit seiner Familie in die DDR kam, siedelte er sich auf dem Weißen Hirsch an. Seitdem leben Alexander und Thomas von Ardenne Tür an Tür in ihrem Vaterhaus. Die Geschäfte laufen gut, ihre Firmen für Medizintechnik und diverse physikalische Apparaturen sind etabliert. Sie haben insgesamt sogar noch fünfhundert Mitarbeiter, wie einst ihr Vater.Vom Garten aus überblickt man das Elbtal bis zur Dresdner Altstadt. Es ist leicht, sich vorzustellen, wie hier im Sommer Feste gefeiert wurden. "Eine gewisse Bürgerlichkeit hatte sich an diesem Platz wirklich erhalten", sagt Alexander von Ardenne. An den Wochenenden war im Haus meist Bach oder Beethoven zu hören. Man ging gemeinsam in die Kirche. "Jeder konnte seine Nische kultivieren, so gut es eben ging."Vor ein paar Wochen hat Uwe Tellkamp die Villa Ardenne zum ersten Mal seit Langem wieder besucht. "Unsere Patenbrigade kam aus dem Ardenne-Institut", sagt er. "An runden Geburtstagen des Barons sind wir da angetreten und haben gesungen."Im Haus der Linkspartei am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz sitzt Hans Modrow. Er ist in diesem Jahr achtzig Jahre alt geworden. Er leitet den Ältestenrat der Linken und ist gerade von seiner ersten Reise nach Israel zurückgekehrt. Als er hört, dass er in einem Roman vorkommt, fragt er: "Kriege ich eins auf den Deckel?"Das kann man so nicht sagen, Modrow ist in Tellkamps Barsano allenfalls äußerlich zu erkennen. In seinem Wesen steht er für alle Funktionäre, die man so kennt. In einer Szene des Buches wird das Arbeitszimmer des Dresdner Parteichefs beschrieben.Holztäfelungen, einige Furnierschränke, ein flächiger Schreibtisch."Gut beobachtet", sagt Hans Modrow. "So sah das aus. Als ich in Dresden anfing, hing hinter meinem Schreibtisch ein Bild des modernen Dresdens. Das habe ich abnehmen lassen. Mir war klar, dass unser Augenmerk jetzt auf das Historische gerichtet werden musste." Hans Modrow ist 1973 nach Dresden versetzt worden, wo er sechzehn Jahre lang als Erster Sekretär der Bezirksleitung der SED amtierte. In Berlin war er mit Honecker nicht klargekommen. Lotte Ulbricht habe ihm damals gesagt: "Wer am Hof nicht gern gesehen ist, lebt als Teilfürst besser, geh' nach Dresden."Modrow nimmt sich ein Blatt Papier und malt ein Rechteck mit einem Quadrat hinten dran. Das sei die Semperoper, wie die Architekten sie geplant hatten. Das Quadrat soll das neue Funktionsgebäude darstellen. "Ich habe gesagt, ihr legt der Oper einen Rucksack an. Das gefällt mir nicht."Er zeichnet eine zweite Skizze, auf der das Gebäude ein paar Anbauten bekommt. Seine Idee. So wurde das dann gemacht.Modrow war eine Villa auf dem Weißen Hirsch angeboten worden, "aber ich wollte nicht", sagt er. Er zog in den zehnten Stock eines Plattenbaus in der Johannstadt.Der Weiße Hirsch habe für die Bezirksleitung keine besondere Rolle gespielt, erinnert sich Modrow. "Die Bevölkerung war gemischt, es gab vielleicht ein paar private Handwerker mehr als üblich, aber auch ein Theo Adam wohnte da, ein Peter Schreier, die gehörten dort hin." Man besuchte sich gelegentlich. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit schickte Hans Modrow seinen Fahrer Siegfried auf den Weißen Hirsch, zur Bäckerei Walther, "die hatten sehr guten Stollen".Butter, Zucker, Mehl, Sukkade, Sultaninen - es falle ihm von Jahr zu Jahr schwerer, die exotischen Zutaten zu besorgen; Bäcker Walther sehe sich mehr und mehr gezwungen, gegen Abgabe der Zutaten zu backen.Vor Kurzem bekam Frank Walther ein Päckchen, darin "Der Turm" und eine Karte: "Viele Grüße von einem guten, alten Kunden." Erst habe ihn die gedrechselte Sprache des Prologs etwas abgeschreckt, aus Neugier habe er dann aber doch weitergelesen. "Es gibt sehr viele Sachen in dem Büchlein, die tatsächlich so gewesen sind", sagt er. "Ich kenne den Uwe ja noch aus der Schule, er war zwei Klassen unter mir."Die Bäckerei Walther hat Tellkamp unverändert übernommen. Hier stand er als Junge fast jeden Sonnabend in der Schlange, um Semmeln zu holen.Frank Walther, Jahrgang 66, hat nach der zehnten Klasse Bäcker gelernt und ist dann ins Geschäft seines Vaters eingestiegen, der den Betrieb seit 1965 führt. Die Bäckerei Walther ist auf dem Weißen Hirsch genau so ein Fixpunkt wie das Institut des Barons. "Der alte Ardenne hat gern Pfannkuchen gegessen, zu seinem Siebzigsten haben wir ihm einen in Brezelform gebacken, den hatte er sich gewünscht." Prominente Kunden gab es einige, denn die Bäckerei war Lieferant des Gästehauses der SED, das auch auf dem Weißen Hirsch lag. Der nordkoreanische Führer Kim Il Sung, der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu, sie alle haben Walthers Brot gegessen. "Moment, ich hab' noch was." Frank Walther kramt in einem Stapel Papiere. Dann hat er gefunden, was er sucht, ein Schreiben mit dem Briefkopf des Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein. "Ich bedanke mich für den leckeren Weihnachtsstollen". Unterzeichnet mit Björn Engholm. "Es war schon eine spezielle Gegend", sagt der Bäcker. "Es wohnten ja auch sehr viele Leute hier oben, die äußerst systemtreu waren, Direktoren, Offiziere der NVA und der Staatssicherheit."Und wie war das mit den Zutaten, musste man die wirklich mitbringen?"Bei uns nie", sagt Frank Walther.Es ist Nachmittag geworden. Auf der anderen Seite des Flusses senkt sich die Sonne als orangefarbener Ball. Vom Ufer kriecht Nässe herauf. Uwe Tellkamp wird am Abend dort drüben im Stadtteil Strehlen aus seinem Buch lesen. Aufgeregt? "Immer." Und ganz besonders in Dresden. Sie verzeihen ihm hier nichts. Die Dresdner geben die Deutungshoheit über ihre Stadt nicht ab. Noch dazu an einen, der fortgegangen ist.Der Ortswechsel hatte vor allem praktische Gründe. Nach seinem Medizinstudium in Leipzig war Uwe Tellkamp mit seiner Frau nach München gezogen, da sie nur dort gemeinsam Arbeit fanden. Die Architektin Annett Tellkamp hatte sich gleich nach dem Diplom zur Krankenschwester ausbilden lassen, da sie in ihrem eigentlichen Beruf keine Chance für sich sah. In München lebte das Paar in einem winzigen Wohnheimzimmer. Uwe Tellkamp schob Dienste auf der Unfallstation, seine Frau in der Notaufnahme. Inzwischen sind sie nach Freiburg am Schwarzwald weitergezogen, wo sie in einem Architekturbüro für medizinische Fachbauten verantwortlich ist und er nur noch schreibt, sofern sie sich nicht um ihren kleinen Sohn Meno kümmern.Gibt er den Arztberuf ganz auf?"Ich arbeite doch schriftlich immer noch als Arzt", sagt Tellkamp. Arzt und Dichter würden sich mit demselben Phänomen beschäftigen, dem Verfall - hier dem des Körpers, dort dem von Utopien. Beides hänge für ihn zusammen. Alle Utopien scheiterten letztlich an der Endlichkeit des Menschen.Im Schaufenster der Buchhandlung, in der die Lesung stattfinden soll, hängt ein Zettel. Wegen des großen Andrangs wird die Veranstaltung ins Gemeindehaus der Strehlener Christuskirche verlegt. Der Saal, in dem 360 Menschen Platz finden, ist überfüllt. Viele Besucher müssen stehen. Auf der Guckkastenbühne liest unter einem riesigen Holzkreuz der Autor. Er hat ein Kapitel gewählt, in dem sehr viel dresdnerisch geredet wird. Die Leute sind entzückt. Bei jedem sächsischen Einsprengsel geht ein zufriedenes Gurren durch den Raum.Seine Leser sind zum Widerspruch nicht aufgelegt. Vielleicht aber haben sie den Roman auch noch gar nicht gelesen.Es ist fast Mitternacht, als Uwe Tellkamp den Kirchhof verlässt. Mit einem Rucksack, einer Umhängetasche und einem riesigen roten Rollkoffer verschwindet er in der Nacht. Er fährt zu seinen Schwiegereltern. Zurück über den elbischen Fluss.------------------------------Die kursiv gesetzten Sätze sind Zitate aus Uwe Tellkamps Roman "Der Turm".------------------------------Foto (7) :"Wenn ich Turm denke, denke ich an das Musikzimmer in der Oskar-Pletsch-Straße 10."Uwe Tellkamp vor dem Haus seines Onkels (großes Bild). In dieser Villa hat die Familie Tellkamp 1977 eine Wohnung bezogen ( links oben). Die Standseilbahn vom Dresdner Körnerplatz auf dem Weißen Hirsch (links unten).Die Brüder Thomas (l.) und Alexander von ArdenneDer Bäcker Frank Walther (r.) mit seinem Vater HartmutDer Ortschronist Horst Milde auf dem Weißen HirschDer frühere Dresdner SED-Bezirkssekretär Hans Modrow