Die Danziger Zeitungen jubelten Ende Juni, als hätte der Bremer Bürgermeister trojanisches Gold mitgebracht. Dabei hatte Henning Scherf für die polnische Partnerstadt "nur" 853 Bibliotheksstücke im Gepäck. Es sind Bücher zur Naturkunde und Mineralogie, Reiseberichte und Architekturbände, einiges davon aus dem frühen 17. Jahrhundert, manches kostbar illustriert. Es sind alte astronomische und meteorologische Handschriften aus dem Danziger Raum. Das Schriftgut stand dereinst in der Technischen Hochschule Danzig, seit Kriegsende lagerte es in Bremen. Jetzt kam es zurück. Die Honoratioren der beiden Hansestädte ließen die Gläser klingen auf den Akt guten politischen Willens, wie er einer "Gelehrtenrepublik" im neuen Europa so recht anstünde.Man konnte das ganz wörtlich nehmen. Erst wenige Tage zuvor hatten sich wieder Intellektuelle aus beiden Ländern in Danzig getroffen, um ihre inzwischen fünfte "Begegnung zu Wissenschaft und Kultur im zusammenwachsenden Europa" vorzubereiten. Bei diesen Symposien sieht man sich in würdiger Tradition. Vom Geist der Aufklärung inspiriert, hatte seit 1743 die "Danziger Naturforschende Gesellschaft" (NFG) weit über die Region gewirkt. Ihr Leben erlosch mit dem Krieg und der Vertreibung der deutschen Danziger. Polnische Bürger etablierten 1956 ihre Gdanskie Towarzystwo Naukowe; 1993 ließ sich in Lübeck auf der Grundlage der alten Statuten eine neue Danziger NFG als Verein eintragen; beide Sozietäten entwickelten ein ersprießliches Miteinander. Dass es dazu kam, hat viel mit jenen 853 Büchern zu tun. Aber diese Geschichte ist weniger freundlich, als zu vermuten wäre.Zur Übergabefeier im Artushof sah man die polnischen Wissenschaftler um den emeritierten Physikprofessor Andrzej Januszajtis ohne ihre deutschen Partner. Für sie war es kein Freudentag. Sie betrachten die Bücher als das überkommene Eigentum ihrer wiederbegründeten Gesellschaft. Sie haben das Land Bremen verklagt, unrechtmäßig darüber verfügt zu haben, und wollen die Bände gegebenenfalls per Vollstreckungsakt nach Deutschland zurückholen lassen.Es ist eine lange, verwickelte Geschichte um diese Werke, die schicksalhaft mit Krieg und Nachkrieg in Europa verbunden sind. Es war einmal eine stattliche Bibliothek von 145 000 Bänden, die stand in der Technischen Hochschule zu Danzig und hatte im Deutschen Reich einen guten Ruf. 37 700 dieser Bücher gehörten der Danziger Naturforschenden Gesellschaft, die sie 1923 der Hochschule treuhänderisch anvertraut hatte. Als die Rote Armee vor Danzig stand, evakuierte man Teile des Technikums ins thüringische Schmalkalden; einige Zehntausend besonders wertvolle Bücher waren mit an Bord des Schnelldampfers "Deutschland", der im Januar 1945 Lehrkräfte mit ihren Familien westwärts brachte. Von der in Danzig zurückgebliebenen Bibliothek verbrannte das meiste im Feuer des Krieges.Bevor Anfang Juli 1945 in Thüringen die amerikanischen von den sowjetischen Besatzern abgelöst wurden, zogen die Wissenschaftler aus den provisorischen Danziger Instituten eilends weiter nach Württemberg. Die evakuierten Bücher ließen sie zurück. In 284 Kisten brachte sie der sowjetische Militärzug 176/8036 im August 1946 nach Moskau. Seither hat man sie nie wieder gesehen.So blieb nur noch jene kleine Kollektion von 853 Objekten, um die nun der Streit geht. Die Route ihrer Odyssee ist nicht bekannt, wohl aber ihr Retter. Der Architekturprofessor Ernst Witt, der an der TH Danzig lehrte, hatte sie in seinem Umsiedlergepäck, übergab sie 1946/47 in zwei Etappen dem Bremischen Staat zur Verwahrung. Ein Teil der Bücher kam in die Kunsthochschule, ein anderer in die Staatsbibliothek, wo man beide Bestände 1952 zum "Depositum Danzig" zusammenführte.In den 70er-Jahren hörten die Gdansker Stadtväter von dem kleinen Schatz und wollten ihn zurück. Anfang der 90er-Jahre schien Bremens damaligem Bürgermeister Hans Koschnick die Zeit dafür gekommen. Als Prof. Januszajtis, seinerzeit der Stadtpräsident von Gdansk, 1993 Bremen besuchte, überreichte man ihm zwei der ältesten und schönsten Bücher aus der Wittschen Kollektion. Diese Geste sollte unerwartete Folgen haben. Nicht zufällig gründeten daraufhin alte Danziger ihre neue NFG zu Lübeck. Ein verbissener Streit riss die Restbibliothek nun aus ihrer jahrzehntelangen Ruhe. Nur einige der Bücher waren bis dahin ab und zu ausgeliehen worden, weiß Annette Rath-Beckmann, die Direktorin der Bremer Staats- und Universitätsbibliothek, zu berichten. Als jetzt das "Depositum Danzig" verpackt wurde, fand der mit dessen Geschichte bestens vertraute Bibliothekar Thomas Elsmann "manches noch so verschnürt, wie Witt es seinerzeit angebracht haben muss".Um die 853 Objekte entbrannte ein aufwendiger Prinzipienstreit. Mit dem Staub, den man von den Regalen fegte, wurde europäische Nachkriegsgeschichte aufgewirbelt, auf dem Rücken dieser Bücher noch einmal ausgefochten, was "bewältigt" schien. Wem gehört das "Depositum Danzig"? Wohin gehört es? Wer redet da von Heimkehr? Wird es jetzt nicht endgültig seiner deutschen Heimatbindungen entrissen? Sollte die Naturforschende Gesellschaft einmal untergehen oder sich auflösen, so hatten die alten Statuten verfügt, dann sei ihr Eigentum "dem hiesigen Rathe" zu sinnfälliger Bewahrung zu übergeben. Was aber heißt "hiesig" in diesem speziellen Falle?Zwei Gutachter lieferten sich darüber eine heftige Kontroverse. Das damals CDU-geführte Bundesinnenministerium, das den Bremer Alleingang nicht guthieß, hatte den Marburger Völkerrechtler Gilbert H. Gornig, die Bremer Senatskanzlei den Bremer Juristen und Politologen Gerhard Stuby um eine Beurteilung des komplizierten Falls gebeten. Beide Professoren holen historisch weit aus; als Streitwert erscheinen nicht mehr nur zwei oder 853 Bücher, sondern gleich die ganze europäische Nachkriegsordnung.Gornig, Jahrgang 1950, hält wie sein Würzburger Doktorvater Dieter Blumenwitz die "deutsche Frage" nach wie vor für offen, weil alle territorialen Nachkriegsregelungen vom Potsdamer Abkommen bis zu den Verträgen der 90er-Jahre nur als "vorläufig" zu betrachten seien. In seinem 125-seitigen, 1999 auch als Buch erschienenen Gutachten geht er davon aus, dass die Freie Stadt Danzig de jure noch immer bestehe, da ihre Einverleibung ins Deutsche Reich durch Hitlerdeutschland von den Alliierten nie sanktioniert worden sei. Für Gornig, der Mitglied der neuen NFG zu Lübeck ist, können darum die heutigen polnischen Behörden von Danzig nicht als der "hiesige Rath" gelten. Die Treuhänderstellung für die Bücher komme der Bundesrepublik Deutschland zu, da sie das vertriebene Staatsvolk der Freien Stadt Danzig samt seinem Eigentum diplomatisch zu schützen habe. Gornig fordert, dass die "Danziger Exilorgane" - der "Rat der Danziger" und die "Vertretung der Freien Stadt Danzig" - "hierbei beteiligt werden".Gerhard Stuby kann "bei aller kollegialen Zurückhaltung" nicht umhin, Gornigs Argumentation "unverbesserlich" und "ewig gestrig" zu nennen. Zweifel an der Gültigkeit des Potsdamer Abkommens seien "spätestens mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 und den Nachfolgeverträgen be-seitigt" worden. Für Stuby ist die "Freie Stadt Danzig" 1939 als Staat untergegangen, ihr Territorium den anderen ehemals deutschen Gebieten gleichgestellt, die Polen von den Alliierten "adjudiziert" wurden. Der Anspruch auf die in Deutschland lagernden Bücher müsse hingenommen werden, da der polnische Staat auch nicht durch kriegsrechtliche Regelungen gehindert gewesen sei, das Eigentum der untergegangenen Danziger NFG zu konfiszieren.Für Hans Viktor Böttcher, der für den Vorstand der neuen Danziger NFG die Geschäfte führt, sind Stubys Positionen "überlebte Ideologien der 60er- und 70er-Jahre". Der heute 79-jährige Jurist Böttcher hatte als junger Offizier der deutschen Kriegsmarine seine Heimatstadt Danzig für Jahrzehnte zum letztenmal von See aus gesehen, als sie im Frühjahr 1945 in Flammen stand. In der Bundesrepublik wurde er zu einem der Akteure in der Vertriebenenorganisation "Bund der Danziger"; bis zu seiner Pensionierung arbeitete er in der Rechtsabteilung des Bundesverteidigungsministeriums. Im Gespräch mit ihm erlebt man einen verletzten Menschen, der den Verlust der Heimat bis heute nicht verwunden hat und sich den Nachkriegsrealitäten nur schwer beugen kann. "Die alten Wunden schmerzen wieder", sagt er, "die Bücher gehören zu dem wenigen, was uns von der Heimat geblieben ist, nachdem man uns dort rausgeschmissen hat. " Den um eine Generation jüngeren Gilbert Gornig dagegen "verbindet emotional gar nichts mit den Büchern". Ihm gehe es einzig um die "richtigen Rechtspositionen", auch wenn sie der bundesrepublikanischen Politik "nicht immer gepasst haben und man schnell in die rechte, revanchistische Ecke gestellt wurde". Gilbert Gornig äußert seine Genugtuung, dass er sich heute den Folgen des Zweiten Weltkrieges "viel nüchterner und unverkrampfter" zuwenden könne als etwa noch sein Großvater oder sein Onkel, die bei ihrer Wiederbegegnung mit der Heimat wie Kinder geweint hätten. Er leitete das letzte deutsch-polnische Symposium in Gdansk-Gdingen, er ediert auch die Protokollbände zu diesen Veranstaltungen. Die "glänzenden Beziehungen", die sich entwickelt haben, dürfe man sich von dem Bücherstreit nicht zerstören lassen.Wie Böttcher und Gornig einhellig erklären, habe man sich mit den Polen über die gemeinsame Nutzung der Bibliothek per Austausch und Fotokopie selbst kollegial einigen wollen. Der damaligen Bundesregierung sei das entgegengekommen, sagt der seit Jahren mit dem Fall befasste Ministerialbeamte Herbert Güttler, bis 1998 in der Kulturabteilung des Innenministeriums und heute im Kanzleramt beim Bundeskulturbeauftragten Michael Naumann tätig. Güttler sah in dieser deutsch-polnischen Kulturpartnerschaft ein "tragfähiges Modell", sich unterhalb der staatsoffiziellen Verhandlungsebene mit praktischer Vernunft auf diesem schwierigen Feld zu bewegen. Er äußert Unmut darüber, dass "Bremen macht, was es will". Um sich in Danzig feiern zu lassen, habe der Bremer Senat das Prinzip "Rückgabe nur bei Gegenleistung" verletzt, die Politik der Bundesregierung wie schon im Falle des Steinmosaiks aus dem Bernsteinzimmer unterlaufen. Schließlich lagere in Krakau und anderen polnischen Orten noch viel Kulturgut, das nach Deutschland gehört.Im vergangenen Jahr spitzte sich der Streit zu einem Duell von advokatischen Winkelzügen zu. Die Lübecker NFG kündigte der Stadt Bremen den mit Ernst Witt vereinbarten Vertrag. Noch ehe geklärt war, ob dies rechtens sein kann, entschloss sich der Bremer Senat zu einer "Translokation" des Streitguts und hat nun seine Treuhandschaft - zunächst für zehn Jahre - an die Politechnika Gdanska weitergegeben, die Eigentumsverhältnisse nach wie vor salomonisch umgehend. Hans Viktor Böttcher suchte vergebens, eine einstweilige Verfügung dagegen zu erwirken. In den USA hat man jetzt eine betagte Tochter von Ernst Witt ausfindig gemacht, die nun als Erbin von dessen Verfügungsrechten mit der neuen NFG in die Berufung und ins streitige Verfahren eintritt. Herbert Güttler hält es für unverantwortlich, dass Bremen es darauf ankommen ließ.Inzwischen sind die Bücher aus Bremen in der Politechnika Gdanska, im wiedererrichteten Hochschulgebäude in der Ulica Narutowicza, eingetroffen. Im Bibliothekssaal, ihrem angestammten Domizil, hat Professor Januszajtis sie mit Freude begrüßt. Von der alten Danziger Gesellschaft sind nur 125 Bände, 6 Hefte und rund 100 Manuskripten dabei, weitere 150 NFG-Bücher fanden sich noch in Danzig. Januszajtis ist überzeugt davon, "dass das alles hierher gehört, an seinen Ursprung".Die Klage der deutschen Kollegen hat Januszajtis enttäuscht und verstimmt. Doch zum nächsten Symposium mit ihnen, in vierzehn Tagen in Travemünde, wird er kommen und einen Vortrag halten. Er sagt, dass er die Ressentiments der vertriebenen Deutschen versteht, "darum gehen wir auch milde mit den Herren um". Aber mit einem Beschwören alter Verhältnisse, als habe es Hitlers Eroberungskrieg nie gegeben, sei nicht gut Gehen ins gemeinsame neue Europa. Januszajtis kann sich anderes vorstellen: "Viele von uns Polen könnten der neuen Danziger Naturforschenden Gesellschaft in Lübeck beitreten, und warum sollte diese nicht bald auch wieder ihren Sitz in Danzig haben, den Büchern folgend? Wir Polen haben Danzig wieder aufgebaut, und wir halten es offen für alle, die zu seiner und zu neuer europäischer Blüte beitragen wollen. Das ist der einzige Weg für eine Heimkehr. ""Wir Polen haben Danzig wieder aufgebaut. Es ist offen für alle, die zu seiner und zu Europas neuer Blüte beitragen wollen. " Danzigs Ex-Präsident Andrzej Januszajtis --- BERLINER ZEITUNG/MICHAEL BREXENDORFF Politechnika Gdansk, August 2000: Prof. Januszajtis betrachtet die nach 55 Jahren zurückgekehrten Bücher.