GARMISCH-PARTENKIRCHEN, 1. Januar. Von weitem sind die Athleten leicht zu verwechseln, wenn sie, die Ski auf den Schultern, durch den Zielraum stapfen. Nur der Helm macht den Unterschied, auf dem ein gelber Drache klebt. "Ein Glückszeichen", lässt Zhandong Tian den Dolmetscher übersetzten, "ich habe es gewählt, weil es ein fliegender Drache ist."Es war, in der Tat, ein langer Flug von Harbin in der Mandschurei bis in die Bergwelt Mitteleuropas. Und kosmischer Beistand kann auch kaum schaden, wenn man als Chinese, weder des Hochdeutschen, Bayerischen noch Tirolerischen mächtig, in Stams nahe Innsbruck wohnt und mit Brettern an den Füßen von gigantischen Türmen springt. Ein Zeitvertreib, der den Chinesen exotisch vorkommen muss: Von ihren 1,2 Milliarden Landsleuten sind nur 25 Skispringer, was aber nicht ewig so bleiben muss, wie Heinz Koch, der Trainer von Zhandong Tian, findet: "Die Chinesen sind prädestiniert für diesen Sport."In Garmisch-Partenkirchen haben nun die ersten beiden, Zhandong Tian und Yang Li, beide 20, ihr Weltcup-Debüt gegeben, und das Medieninteresse war nur unwesentlich geringer als beim ersten bemannten Raumflug der Chinesen im Oktober dieses Jahres. Bis spät in den Abend erzählte Heinz Koch, bis 1995 Cheftrainer der Österreicher, dann Sprungdirektor der Franzosen, immer wieder, welche außerordentlichen Talente er da betreue. Lehrstück des KapitalismusNur eine einzige Sprungschanze gibt es in ganz China, im Nordosten nahe der russischen Grenze. Nie hatten Kochs insgesamt fünf Athleten Kunstschnee oder Matten gesehen, bis sie im Juli zum Skistützpunkt Stams in Tirol kamen - später übrigens, als geplant, weil sie wegen der in China grassierenden Lungenkrankheit Sars zunächst nicht ausreisen durften. Jetzt haben sich Zhandong Tian und Yang Li, als frühere Turner mit erheblichem Bewegungstalent begabt, nach 500 Mattensprüngen im Sommer und den erforderlichen Resultaten im europäischen Continentalcup, rechtzeitig zum zweiten Springen für die Vierschanzentournee qualifiziert. Das dürfte, neben dem chinesischen Volk, vor allem die Computerfirma Gericom freuen, weil sie die Skisprungambitionen von Zhandong Tian, Yang Li und ihren Freunden finanziert sowie die Wiener Kommunikationsagentur ASP, die für zehn Jahre die Vermarktungsrechte vom chinesischen Skiverband erwarb. "China ist ein riesiger Wirtschaftsbereich. Da versuchen viele Unternehmen, Fuß zu fassen, die Firma Gericom gehört dazu", sagt Peter Auzinger, der Geschäftsführer von ASP. Trainer Heinz Koch ist überzeugt, dass über den Skisport noch mehr Firmen den Weg nach China finden könnten. Es ist die konsequente Weiterentwicklung einer Geschäftsidee, die Maos Erben ein neues Lehrstück des Kapitalismus erleben lässt. Seit längerem ist bekannt, dass sich ein weltweites Publikum für Bobfahrer aus Jamaika mehr begeistern kann als für Bobfahrer aus dem Gebirge. Diesen Umstand hatte bereits bei den Olympischen Winterspielen von Nagano 1998 eine Sportartikelfirma genützt, als sie Läufer aus Kenia in die olympische Loipe schickte. Nun entdecken auch andere Branchen, wie man sich neue Märkte erschließt. Zum Beispiel die Wiener Agentur, deren Mutterkonzern damit wirbt, "neuartige Vermarktungstechniken abseits der bereits etablierten Marketinginstrumente" zu nutzen. Skispringer, die für einen Computerkonzern fliegen, sind tatsächlich eine bahnbrechende Idee. "Das Ganze ist lukrativ - oder könnte es werden", sagt Heinz Koch, der als Trainer auf eigene Rechnung arbeitet, denn der chinesische Skiverband, so hat er festgestellt, bestehe "im Grunde nur auf dem Papier". Vor zwei Jahren wurde die Idee geboren, auf Chinas einziger Sprungschanze eine Talentsichtung zu organisieren. Von den 25 Skispringern des Landes konnten neun über die 90-Meter-Anlage hüpfen. Sieben wurden ausgewählt, mit fünfen zieht er nun durch die Lande. Für ihn hat die Arbeit mit der normalen Cheftrainertätigkeit nur wenig zu tun: "Das ist eher so, als ob man ein Radrennteam aufbaut." Mit dem Unterschied, dass er in seiner Mannschaft auch noch einen Dolmetscher beschäftigt, der an der Universität Innsbruck lehrt und mit dem er zunächst im Privatunterricht Skisprung-Theorie paukte, damit die Botschaften nicht sinnentstellt bei den Athleten ankamen. Nur wer weiß, was eine "Haferllandung" ist, kann diese schließlich vermeiden. Anfangs haben die Kollegen Koch belächelt, der in die Mandschurei aufbrach, um eine Artistentruppe für seinen Luftzirkus zu suchen. Inzwischen lacht Koch, auch weil seine Skispringer der Elite näher kommen. In Garmisch haben Zhandong Tian und Yang Li mit 91 und 95,5 Metern die Plätze 67 und 65 in der Qualifikation belegt, das reichte noch nicht fürs Neujahrsspringen. Aber bis 2006 soll chinesisches Skispringen konkurrenzfähig sein. Und so wird Heinz Koch auch bei den restlichen Tourneespringen auf dem Turm stehen und seine Springer mit dem Fähnchen zu Tale winken. Ein Fähnchen, das kein gelber Drache ziert - sondern der Schriftzug Gericom."Das ist, als ob man ein Radteam aufbaut. " Chinas Cheftrainer Heinz Koch.Foto: Vom Glück spendenden Drachen begleitet: Tian Zhandong.