Feuilleton: "Das Waffenarsenal der Heiligen Schrift" von Gerd Lüdemann (28. Juli):Professor Lüdemann beschreibt große religiöse Traditionen mit einer über-selbst-bewussten Sicherheit - als ob er persönlich anwesend war, als bestimmte Bücher geschrieben worden sind. Und er lässt außer Acht, dass alle religiösen Traditionen mehr auf ihren Interpretationen als auf den Ur-Texten selbst gegründet sind.Alle menschlichen Gruppierungen definieren sich - natürlich - als besser als die anderen, jeder Stamm, jede Familie, jeder Fußballverein, jede Nation, jede Universität - nicht nur jede Religion. Nur so kann man ein gewisses Selbstvertrauen und eigene Identität aufbauen und erhalten.Die Frage ist nur: Was macht man mit diesem Gefühl? Findet man trotzdem einen Weg, mit Nachbarn und Mitstreitern in einen Dialog zu kommen? Findet man, wenn nötig, einen Kompromiss? Kann man sowohl inklusiv als exklusiv leben? Das ist eigentlich die Hauptfrage in allen multi-kulturellen Gesellschaften durch die ganze Geschichte. Wo sind die Grenzen, was ist akzeptabel für die Mehrheit und was wird von den Minderheiten verlangt?Lüdemann übergeht zum Beispiel alle Gedanken zu den Noachidischen Gesetzen, eine spätere Tradition, die erklärt, was für ein Minimum an Anpassungen erwartet wird, wenn Nichtjuden in einem jüdischen Staat lebten.Die fünf Bücher Mose - wer auch immer die einzelnen geschrieben hat - stammen aus ein Periode, als das Judentum anscheinend die einzige monotheistische Religion war. Und aus einer Zeit der Stammeskultur, wobei die Stammesidentität sehr wichtig war, um zu entscheiden, wer dazugehört und wer nicht. In einem solchen Kontext kann man einen hohen Zaun gegen Synkretismus und Assimilation erwarten. Spätere jüdische Traditionen entstammen anderen Zeiten und anderen Kontexten. Genauso wie das Christentum sich entwickelt hat.Ich hoffe, wir sind nicht noch immer im Kreuzzug-Zeitalter, trotz der paar Fanatiker hier und dort. Die großen etablierten Kirchen haben sicher heute andere Prioritäten, als alle Atheisten und Andersgläubigen zu bekehren oder zu ermorden; das war damals, nicht jetzt.Aus alten Texten zu zitieren, ist interessant, aber nicht relevant. Möchten alle Italiener heute noch immer Frankreich und Großbritannien erobern? Ich könnte aus Julius Caesars "De Bello Gallico" zitieren, um dies zu behaupten. Möchten alle Deutschen noch immer in einem "Heiligen Römischen Reich" leben? Ich denke, nicht."A Text without a Context is a Pretext". Ein Text ohne Kontext ist nur eine polemische Ausrede. Vorsichtig! Auch Professoren sind (soweit ich weiß) nur Menschen.Dr. Walter Rothschild, Landesrabbiner von Schleswig-Holstein-----------------------An dieser Stelle können Leser Einspruch gegen einen Beitrag einlegen. Wer sich gern zu Wort melden möchte, wende sich an:leserbriefe@berliner-zeitung.de. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.