Der Junge hüpft auf und ab. "Mama, Mama", kreischt er, "der Mann ist tot!" Er zeigt aufgeregt auf den reglosen Körper vor ihm im Sand. Die Sonne ist gerade untergegangen, der Himmel über Kreuzberg leuchtet glutrot, und der Mann ist nach einem Dolchstoß vor den Stufen Pamukkales zusammengesackt. Stille. Der kleine Junge und mit ihm etwa dreihundert weitere Zuschauer halten den Atem an angesichts von Percy Hotspurs vermeintlichem Tod im Schlussakt von Shakespeares "Heinrich IV". Quer durch den Görlitzer Park sind sie dem Stück bis hierher gefolgt. Der erschrockene Junge ist ein zufälliger Zuschauer. Er gehört zu den Roma-Familien, die derzeit in dem Park übernachten.Noch an den kommenden drei Wochenenden wird Percy, der Verräter, zusammensacken, erdolcht von seinem Erzfeind Henry V., dem Sohn von Henry IV., König von England. Bis Mitte September wird die so strapazierte Grünfläche zur Kulisse für einen Klassiker der Theatergeschichte, wird der Krater in der Mitte zu England, die Hügel gegenüber vom Café Edelweiß zu Wales, die sandige Fläche an seinem Fuß zum Schlachtfeld von Shrewsbury.Inszeniert hat das Stück eine Gruppe junger Theatermacher: Katrin Beushausen und Brandon Woolf führen Regie, den Text haben Maxwell Flaum und Christina Kettering geschrieben.Tradition aus New YorkShakespeare in einem Großstadtpark aufzuführen, hat lange Tradition. Seit Beginn der Sechziger werden seine Stücke ein Mal im Jahr für ein paar Wochen im New Yorker Central Park gegeben, nach und nach übernahmen Metropolen in der Welt das Konzept: Shakespeare draußen und umsonst. In New York kommen bis zu 80 000 Zuschauer zu den Vorstellungen, campieren im Park, um Plätze zu ergattern. Auf der Bühne standen bereits Stars wie Meryl Streep, Natalie Portman oder Alec Baldwin. Ein riesiges Event."Wir wollten diese Idee neu denken", sagt Brandon Woolf. Keine Stars, keine Bühne, keine Sitzplätze, dafür "dieser verrückte Park" als Teil des Stückes. Die Schauspieler sollen wie zu Shakespeares Zeiten im Londoner Globe Theatre in direkten Kontakt mit den Zuschauern und den Besuchern des Parks treten. Positiv seien die Reaktionen bislang gewesen während der Proben und der ersten Vorstellungen.Brandon Woolf sagt, sie wollen das Stück niemandem aufzwingen. Deswegen laufen sie vor den Vorstellungen herum und erklären den Besuchern, dass sie hier gleich spielen werden und bitten ihre Zuschauer, respektvoll mit dem Park umzugehen. Das klappt, meistens. Nur vorigen Sonntag wurden sie von Betrunkenen angepöbelt. Am Ende kam die Polizei. Die Theatergruppe zog rasch weiter. "Wir wussten, dass das passieren kann", sagt Woolf, "aber wir glauben ans Konzept."Zu diesem Konzept gehört, dass große Teile des Textes in Shakespeares Englisch gehalten sind, unterbrochen von deutschen Passagen. Das passe zum internationalen Berlin, sagen die Dramaturgen. Übrigens auch zu ihrem Ensemble, dessen Mitglieder aus neun Ländern kommen, und das während der Proben in einem Englisch-Deutsch-Mix plaudert. Das Team arbeitet ohne Gagen, genauso wie die 16Schauspieler, darunter Errol Shaker, ein Jamaikaner, der seit Jahren in zahlreichen deutschen Filmen zu sehen ist. Er spielt den hedonistischen Freund des Prinzen John Falstaff.Die moderne Inszenierung funktioniert auf mehreren Ebenen. Kenner können sich über die Auftritte der Shakespeare-Verehrer Harold Bloom und Orson Welles amüsieren, die Whiskey berauscht über ihre Lieblingsfigur Falstaff fachsimpeln. Neulinge lauschen zwischen den einzelnen Stationen den urkomischen Zusammenfassungen eines struppigen Monsters mit acht Brüsten am Bauch. "Wir wollen auch Leute erreichen, die sonst nicht ins Theater gehen", sagt Regisseurin Katrin Beushausen, "wir wollen sie verführen, zuzuschauen."------------------------------Shakespeare im Park: bis zum 10.September immer sonnabends und sonntags um 18.30 bzw. 16 Uhr, Treffpunkt Eingang zur Ecke Görlitzer Straße/Oppelner Straße, Eintritt frei, alle Infos unter shakespeareimpark.wordpress.com.------------------------------Foto: Vieles bleibt unklar. Zum Beispiel auch, warum der Orson-Welles-Darsteller an ein Bäumchen gefesselt ist.Foto: Stimmungsvoller Shakespeare. Vor den Stufen Pamukkales ist alles bereit für die Abschlussschlacht.