Ich stehe zurzeit mindestens einmal die Nacht auf, um das Bettlaken von Anais zu wechseln. Sie pullert ein. Zwei Jahre lang ist das nicht passiert. Sie hat einen Pipi-Topf, der vor der Tür des Kinderzimmers steht. Der Pipi-Topf ist beleuchtet, damit sie ihn in der Dunkelheit findet. Neben dem Pipi-Topf steht ein Becher mit Wasser. Es gibt einen kleinen Stoffesel, der aufpasst, dass ihr nichts passiert. Es hat immer funktioniert. Jetzt nicht mehr. Irgendetwas scheint durcheinander geraten zu sein. Ich habe mit Anais gesprochen. Sie weiß auch nicht, was los ist. Sie schlägt vor, dass wir einfach nicht mehr darüber reden. "Wenn ich das nächste Mal einpullere, können wir doch sagen, dass ich geschwitzt habe." "Du hast doch gar nicht geschwitzt." "Aber wir können es sagen." "Trotzdem stimmt es nicht." "Aber ich weiß doch, was du meinst. Wenn du sagst, dass ich geschwitzt habe, dann habe ich eingepullert." Irgendetwas scheint durcheinander geraten zu sein. In meinem Erziehungsbuch steht, dass man Bettnässen nicht dramatisieren soll. Das Problem darf nicht größer gemacht werden als es ist. Man soll auf keinen Fall bestrafen, sondern spielerisch motivieren. Vorgeschlagen wird in dem Erziehungsbuch, eine Wochenliste anzulegen, in die eine Sonne gemalt wird, wenn das Laken trocken bleibt, und eine Wolke, wenn es nass geworden ist. Nach vier Sonnentagen gibt es eine große Belohnung. Anais findet die Idee mit der Liste gut. Sie will allerdings auch für die feuchten Tage eine Belohnung. Eine kleine Belohnung, sagt sie. Ich versuche, ihr zu erklären, dass das dem Prinzip unseres Sonnen-Wolken-Spiels widersprechen würde. Sie sagt, dass sie überhaupt nicht spielen will, wenn nur Sonnentage gewinnen. Vielleicht hat sie daran gedacht, wie die Wochenliste derzeit aussehen würde. Äußerst wolkenreich nämlich. Ein stabiles Tiefdruckgebiet sozusagen. Ich will, dass sie mitspielt. Deshalb schlage ich eine Wette vor. Ich wette, dass sie nicht einpullert. Wenn ich verliere, bekommt sie ein Eis. Ich finde das eine gute Lösung, weil sie in jedem Fall gewinnt, entweder bei der Wette oder beim Spiel. Außerdem stärke ich ihren Glauben an sich selbst, wenn ich sogar ein Eis darauf wette, dass sie nicht mehr ins Bett macht. Anais versteht das mit der Wette nicht. Es ist ja auch ein bisschen kompliziert. Sie sagt, dass sie für jede Wolke eine kleine Belohnung will, dass wir diese Belohnung auch Wette nennen können. Weil wir ja Einpullern jetzt auch Schwitzen nennen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Es kann ja sein, dass es Kinder gibt, bei denen diese Erziehungsbücher funktionieren. Bei Anais funktionieren sie nicht. Vielleicht ist sie zu schlau oder ich bin zu blöd, keine Ahnung. Am nächsten Morgen wacht Anais auf und hat nicht eingepullert. Am Morgen darauf ist wieder alles trocken. Sie bekommt eine große Belohnung und ich weiß immer noch nicht, woran es nun gelegen hat. Womöglich reicht es zu wissen, dass man die Dinge auch anders nennen kann. Sie verschwinden dann. So einfach ist das. Nächste Woche: Single von Jochen-Martin Gutsch