Ertan Saydam zeigt stolz auf die Europakarte an seiner Bürowand. Zwischen Helsinki und Lissabon sind unzählige Orte markiert. Überall dorthin liefert Saydams Bäckerei "tatlicilar" - türkische Süßigkeiten. Wie am Fließband produzieren Saydams 13 Mitarbeiter Baklava (honigdurchtränkte Teigrauten), Dürüm (Teigrollen mit viel Pistazien) und Dauergebäck. Die Naschfabrik "tatlicilar" steht nicht in einer türkischen Stadt, sondern in der Gerichtstraße in Wedding.Ertan Saydam ist der Chef von "tatlicilar". Mit hoher, etwas heiserer Stimme erzählt der kräftige Mann die Geschichte seines Unternehmens, die gleichzeitig seine eigene ist. Schon als Kind hat Saydam in der Kreuzberger Bäckerei seiner Eltern mitgeholfen. Als der Vater in die Türkei zurückging, übernahm der damals 16-jährige Ertan die Geschäfte des Süßwaren-Unternehmens. "Was hast du mir schon zu sagen. Du bist gerade mal so alt wie meine Kinder", haben die Mitarbeiter am Anfang zu ihm gesagt. Das ist heute anders.Auf einem Tisch im hinteren Teil des Backraums steht eine große Pfanne. Es ist 8 Uhr, Frühstückspause. Sieben Männer dippen ihr Fladenbrot in das Rührei. Anderthalb Backstunden haben sie schon hinter sich. Ihre Wimpern, ihre Arm- und Nackenhaare sind weiß vom Mehlstaub. Ertan Saydam sitzt am Kopf des Tisches. Wenn er die Tagesproduktion durchspricht, sehen ihn die Männer aufmerksam an.Anfangs verkaufte Saydam nur in seinem eigenen Laden. Sobald er 18 Jahre alt war, fuhr er mit seinem kleinen Transporter zu türkischen Großhändlern in ganz Deutschland, mit 20 Kartons Süßwaren im Kofferraum. Weil er so hartnäckig bettelte, taten die Großhändler dem jungen Unternehmer den Gefallen und stellten seine Baklava mit in ihre Hallen. Bald schon bestellten sie Nachschub. Und Saydam begann, seine Werbe-Reisen ins europäische Nachbarland auszudehnen.3 000 Mal die gleiche BewegungDie Geschäfte bei "tatlicilar" laufen gut. Im vergangenen Jahr war Saydam in Malaysia und Dubai, "Marktforschung" betreiben. Seit Februar werden ein neuer Bäcker und zwei 400-Euro-Kräfte in der Firma angelernt. Aber für die erweiterte Produktion ist es in Wedding zu eng. "Wir verhandeln gerade um ein neues Grundstück in Tiergarten", berichtet Saydam. Er will seine Firma auf 4 000 Quadratmeter vergrößern.Noch sind es 500 Quadratmeter, durch die der süße Plätzchenduft wabert. Ein Feinbäcker schiebt einen Blechturm mit heißen Keksen in einen Raum in der Mitte der Bäckerei. Fünf Frauen beugen sich hier über die Arbeitstische. Sibel Gözku, 25, mit kunstvoll drapiertem Kopftuch, greift mit jeder Hand drei Kekse, tunkt sie in eine Schüssel mit Schokoladenkuvertüre und legt sie auf dem Blech ab. 3 000 Mal am Tag die gleiche Bewegung - das hat sie präzise und effizient werden lassen. Aus dem Radio dudelt türkische Herzschmerzmusik.Bis zu zwei Tonnen Süßgebäck stellen die Weddinger Feinbäcker pro Tag her. Die Menge senkt den Preis. Saydam hat sich zudem auf Baklava spezialisiert, das bei ihm mit Walnuss statt Pistazien und Margarine statt Butter gefertigt wird. Für 3,50 statt 5 Euro kann er es zum Weiterverkauf anbieten. Die Personalkosten sind relativ gering. "Für das Geld, was ein Baklava-Meister bei mir verdient, würde in der Türkei wahrscheinlich kein Meister arbeiten", sagt Saydam.Mittagspause. Auch die Frauen sind erschöpft. Zu fünft sitzen sie in einem kleinen Raum neben dem Lager. Beine ausstrecken, Tee trinken, rauchen. Sie dehnen ihre schmerzenden Rücken. "Den größten Teil haben wir für heute hinter uns", sagt Sibel Gözku. "Jetzt träumen wir von Sonntag", dem einzigen freien Tag der Süßwarenfabrikanten. Was sie sonntags mache: "Schlafen, nichts als schlafen."Während die Frauen noch die letzten Zigarettenzüge genießen, liefert der Fahrer das frische Gebäck an türkische Geschäfte und Restaurants in Berlin. Die Gümüs Bäcke- rei in Schöneberg bezieht ihr Baklava seit 15 Jahren von Ertan Saydam. "Für den Preis können wir das nicht selber machen", sagt Kanil Akin, der 40-jährige Geschäftsführer von Gümüs. "Wir haben auch mal bei anderen bestellt, aber die Ware kam nicht so schnell und nicht so zuverlässig."Im Herbst werden die Finalisten des Großen Preises des Mittelstands gekürt. Mit 46 anderen Unternehmen hat "tatlicilar" es in die zweite Auswahlrunde des deutschlandweiten Wettbewerbs der Oskar-Patzelt-Stiftung geschafft. Dafür gab es schon mal einen kleinen Preis: Die silberne Statue hat einen Ehrenplatz unter der Europakarte in Saydams Büro.------------------------------Foto: Ertan Saydam produziert in seiner Weddinger Bäckerei "tatlicilar" - türkische Süßigkeiten. Jetzt will er sich vergrößern.Foto: Zuckersüß sind die berühmten türkischen Baklava. Die mit Sirup getränkten Teigecken werden bei "tatlicilar" mit Walnuss statt mit Pistazien und Margarine statt Butter hergestellt. Ertan Saydam hat sich auf dieses Gebäck spezialisiert.