BERLIN. Sie spüre den unterschwelligen Vorwurf, den ihr viele hier in Deutschland machten, hat Claudia R. einem Nachrichtenmagazin gesagt. Dass sie doch hätte wissen müssen, dass "so etwas" passieren kann, wenn sie "so einen" heiratet. Es geht um ihren Ex-Mann, einen Moslem, der sich vom scheinbar integrierten Ausländer zum islamischen Hardliner entwickelt hat. Und darum, dass er die gemeinsamen Kinder in ein arabisches Land entführt hat und Claudia R. um ihr Recht als Mutter kämpft.Seit Betty Mahmoodys Bestseller "Nicht ohne meine Tochter" aus dem Jahr 1987 hat man viele solcher Geschichten gehört. Dass die von Claudia R. derzeit durch die Medien geht, liegt sicher daran, dass sie sehr erfolgreich um öffentliche Aufmerksamkeit für ihre schlimme Lage streitet. Die Geschichte passt aber auch perfekt in eine Zeit, in der so viel vom Kampf der Kulturen geredet und der Islam von vielen als Bedrohung empfunden wird.Plötzlicher WandelClaudia R.'s Ex-Mann Mohammed, ein gebürtiger Tunesier, brachte im August vergangenen Jahres die beiden Söhne, acht und zehn Jahre alt, einfach nicht mehr aus einem Urlaub in seiner Heimat zurück. Zwölf Jahre lang hatten die 40 Jahre alte Floristin aus einer Kleinstadt in Bayern und der Hotelbetriebswirt aus Tunesien eine glückliche Ehe geführt. Mohammed wurde deutscher Staatsbürger, rauchte, trank, feierte Weihnachten.Dann wandte er sich seiner Religion zu. Plötzlich durften die Kinder keine Wurst mehr essen, gingen samstags mit dem Vater in die Koranschule. Mohammed ließ sich einen Bart wachsen, verbot selbst Gästen das Trinken, besuchte eine Münchner Moschee, die laut dem Magazin Der Spiegel vom Verfassungsschutz überwacht wird. Die Eheleute entfremdeten sich, lebten schließlich getrennt. Mohammed nahm die Kinder mit nach Tunesien und verlangte die Scheidung.Seitdem tut Claudia R. alles, um ihre Söhne zurückzubekommen. Ein tunesisches Gericht hat ihr das Sorgerecht zugesprochen, doch ihr Ex-Mann ist mit den Kinder abgetaucht, hält sich vermutlich in Saudi-Arabien auf. Er wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Das letzte Lebenszeichen der Kinder erhielt Claudia R. im Januar. Ihr Sohn schrieb: "Liebe Mama, uns allen geht es sehr gut. Wir sind schon zu einer weiteren Sure im Koran gekommen und können sehr flüssig sprechen." Claudia R. hat viel Geld ausgegeben für Anwälte, Flugtickets, Telefonate. Sie fordert Hilfe von deutschen Politikern, fühlt sich von den Behörden allein gelassen. Doch Fälle wie ihrer sind schwierig. 155 Anträge auf Rückführung von ins Ausland entführten Kindern zählte die Bundesanwaltschaft allein 2005. Eine rechtliche Handhabe hat die Behörde aber nur in Ländern, die das Haager Übereinkommen unterzeichnet haben. Und das haben die arabischen Länder nicht.Fälle wie der von Claudia R. sind beim Auswärtigen Amt angesiedet, dort sind ständig etwa 30 solcher Entführungen in Bearbeitung. Mit geringen Erfolgen: "Die wenigsten Fälle lassen sich im Sinne der Mutter lösen", heißt es. Während man im Westen davon ausgehe, dass sich grundsätzlich Vater und Mutter das Sorgerecht teilen, gelte in der arabischen Welt, dass der Vater als Familienoberhaupt über die Kinder bestimmt. Es handele sich eben um "unvereinbare kulturelle und rechtliche Grundsätze".------------------------------Ehen mit ausländischen PartnernEtwa 56 000 binationale Ehen wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge im Jahr 2004 in Deutschland geschlossen. Knapp 33 000 deutsche Männer heirateten eine ausländische Frau. Etwa 23 000 deutsche Frauen schlossen eine Ehe mit einem Ausländer, am häufigsten einem türkischen Partner (etwa 5 000 Eheschließungen).Entführungen von Kindern durch ein Elternteil ins Ausland wegen Sorgerechtsstreitigkeiten kommen häufiger vor. Die Bundesanwaltschaft zählte vergangenes Jahr 155 Anträge auf Rückführung entführter Kinder. Arabische Staaten vertreten den Standpunkt, dass dem Mann das Sorgerecht zugesprochen werden muss.------------------------------Foto: In arabischen Ländern sind Mütter benachteiligt. Das Sorgerecht für ältere Kinder wird dem Vater zugesprochen.