Ein US-Experte vermutet, daß in Kindern, die Probleme mit der Aufmerksamkeit haben, ein Talent aus der Urzeit fortlebt: Kleine Jäger in einer Welt voller Bauern

Max raubt seinen Eltern den letzten Nerv. Der Neunjährige kann weder stillsitzen noch zuhören. Im Unterricht platzt er ungefragt mit Antworten heraus, lenkt seine Klassenkameraden ab. Seine schulischen Leistungen lassen zu wünschen übrig. Auf Kritik reagiert er beleidigt, seine Wutausbrüche sind gefürchtet. Immer wieder bekommen die hilflosen Eltern zu hören, sie erzögen ihren Sprößling falsch. Für seinen Lehrer ist Max ein Fall für die Sonderschule.Der zappelige Junge ist weder dumm noch schlecht erzogen. Wie eine halbe Millionen anderer Kinder in Deutschland leidet er an dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS). Kinder mit dieser vermutlich angeborenen Störung sind ständig auf der Suche nach neuen Reizen, können sich nur schwer konzentrieren, reagieren impulsiv. Häufig tritt ADS, wie bei Max, in Verbindung mit Hyperaktivität auf, dem ständigen Drang nach Bewegung.Nicht als krankhafte Störenfriede, sondern als Menschen mit besonderen Fähigkeiten sieht der Amerikaner Thom Hartmann diese Kinder. Seit 28 Jahren Jahren leitet der Autor eines Buches über ADS und Hyperaktivität das New England Salem Children s Village, ein Internat für hyperaktive Kinder. ADS sei kein Defizit, erklärte Hartmann kürzlich in seinem Vortrag "ADS als Chance" zum Abschluß einer Tagung des ADD-Forums Berlin vor Eltern, Kinderärzten und -psychiatern an der Berliner Humboldt-Universität. Vielmehr handele es sich um eine nützliche genetische Erbschaft aus einer Zeit, als die Menschen noch als Jäger und Sammler ständig auf der Hut vor Gefahren sein mußten."Die rastlos wandernde Wahrnehmung der ADS-Kinder ist im Klassenzimmer eine Krankheit", sagte Hartmann, "im Wald hingegen wäre sie eine Lebensversicherung." Sonst würde der Jäger seine Beute verpassen oder selbst Opfer eines Bären werden. Ein Jäger müsse oft rasch reagieren ohne lange zu überlegen. Hartmann: "Genau das ist die Definition von Impulsivität." Und ohne Risikofreude, die dritte typische ADS-Eigenschaft, hätte sich der Jäger nie aus seiner Höhle getraut und wäre verhungert.Seit Ackerbau und Viehzucht vor etwa 8 000 Jahren das Leben der Menschen berechenbar gemacht haben, seien diese Fähigkeiten nicht mehr existentiell wichtig, so Hartmann. Die neue Gesellschaft von "Farmern" verlangte nach Hartmanns Theorie eher Eigenschaftenwie Geduld, Anpassung und Beständigkeit. Dies gelte bis heute und bestimme auch die Schulerziehung. Die Andersartigkeit der ADS-Kinder werde nicht verstanden. Sie würden häufig zu Außenseitern."Eine sehr interessante, schlüssige Hypothese", urteilte der Berliner Kinder- und Jugendpsychiater Wolfgang Droll. "Allerdings gibt es noch keinerlei Beweise für ihre Richtigkeit." Droll empfiehlt den Eltern betroffener Kinder die Lektüre des Buchs von Hartmann "Eine andere Art, die Welt zu sehen". "Diese Jäger-Farmer-Geschichte kann sehr viel Gutes für das Verständnis von ADS bewirken", so Droll. Denn Hartmann zeichne ein positives Bild des Syndroms.Auch nach Ansicht von Droll sollte ADS nicht nur als Störung angesehen werden, sondern als Andersartigkeit, aus der die Betroffenen auch Vorteile ziehen können. "Man muß lernen, damit umzugehen", sagte der Psychologe. Schließlich ist ADS nicht heilbar. Nur die Hyperaktivität nimmt mit zunehmendem Alter ab, die übrigen Symptome wie Konzentrationsschwäche und Impulsivität bleiben.Hartmann, selbst Vater eines hyperaktiven ADS-Kindes, möchte mit seiner Interpretation betroffenen Kindern zu einem Selbstbild verhelfen, mit dem sie gut leben können. Seiner Ansicht nach gibt es eine Reihe von Berufen, für die ADS-Eigenschaften sogar von Vorteil sind, beispielsweise Pilot oder Börsenmakler. Gerne verweist er auf Persönlichkeiten wie Churchill oder Einstein, die trotz ADS sehr erfolgreich waren. "Nur wer an sich glaubt, wird auch mit ADS sein Leben meistern", sagte der Amerikaner."ADS wirkt sich katastrophal auf das Selbstbewußtsein aus das ist das eigentliche Problem", betonte der Berliner Kinder- und Jugendpsychiater Detlev Thimm. Schlechte Schulleistungen oder Ärger mit den Eltern entmutigten die Kinder. Sie würden sich gerne diszipliniert verhalten, aber das gelinge ihnen selten. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gehe verloren, sie zögen sich depressiv zurück oder reagierten aggressiv.Mittlerweile gibt es immer mehr Belege dafür, daß ADS eine neurobiologische Störung ist. Die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin, sogenannte Neurotransmitter, welche regulierende Impulse im Gehirn von einer Nervenzelle zur anderen leiten, sind bei den Betroffenen nicht ausreichend vorhanden. Daher können Menschen mit ADS, so Thimm, ihre Intelligenz und Fähigkeiten erst gar nicht einsetzen, weil sie zu schnell reagieren. "Eine möglichst frühe Diagnose erspart den Betroffenen viel Leid", sagte Thimm. Doch häufig werde das in Deutschland wenig bekannte ADS nicht erkannt. Die Störung läßt sich nicht einfach durch Labor- oder Apparateuntersuchungen diagnostizieren. Auch die Verhaltensdiagnose ist schwierig. "Die einzelnen Symptome schwanken sehr stark und variieren von Kind zu Kind", weiß Thimm aus der Praxis. Häufig werde ADS mit anderen Auffälligkeiten verwechselt. Sozial verwahrloste oder durch familiäre Streitereien belastete Kinder hätten ebenfalls Schwierigkeiten in der Schule oder neigten zu Wutanfällen."Kinderärzte und -psychiater oder spezialisierte Psychologen, können die Störung erkennen", sagte Droll bei der Veranstaltung an der Humboldt-Universität. In einer Art Mosaikverfahren werden typische Auffälligkeiten in der Entwicklung der Kinder sowie spezielle Verhaltensbeobachtungen zu einem Diagnosebild zusammengefügt. Eltern und Lehrer werden angehalten, umfangreiche Fragebögen zum Verhalten des Kindes auszufüllen.Ein Ländervergleich zeigt, wie schwer die Diagnose ist. Während in den USA das Syndrom angeblich bei etwa zehn Prozent der Kinder festgestellt wird, sind es in Deutschland nur drei bis vier Prozent. Kinderpsychiater Thimm hält die amerikanischen Zahlen für übertrieben hoch. Sie zeigten, daß es sich dort um eine "Modediagnose" handele. In Großbritannien hingegen leiden weniger als ein Prozent der Kinder an ADS.Die Behandlung der Störung hängt von ihrer Schwere ab. Ist die Aufmerksamkeit der Kinder nur leicht beeinträchtigt, genügt nach Auskunft von Droll eine Verhaltenstherapie. Bei stark gestörter Lern- und Gedächtnisfähigkeit werden Psychostimulanzien verschrieben, meist das Medikament "Ritalin". Mit Hilfe dieser Mittel könnten sich die Kinder konzentrieren, in der Schule zeigten sich "erstaunliche Verbesserungen". Droll: "Organschädigungen oder eine Abhängigkeitsentwicklung von Ritalin konnten bislang, bei richtiger Diagnose und Dosierung, in keiner wissenschaftlichen Studie nachgewiesen werden." Die meist mehrjährige, medikamentöse Behandlung ist allerdings nur ein Element der Gesamttherapie. Darüber hinaus lernen die Kinder, im Rahmen einer Verhaltenstherapie nachzudenken, bevor sie reagieren."Ritalin ist ein wichtiges Hilfsmittel in diesem Lernprozeß", sagte auch Michael Garnatz, Gründer der Selbsthilfegruppe "Hypies Berlin" bei der Veranstaltung. Dennoch sei wesentlich mehr als nur eine Pille nötig, um als Jäger das Leben in einer Farmerwelt zu meistern.Kostenlose Informationen gibt es im Internet unter www.hypies.de oder bei der "Elterninitiative MCD", Tel.: 030 / 8916085 und dem "Arbeitskreis überaktives Kind", Tel.: 0511 / 3632729.