Thomas Jänke kann es nicht mehr hören: Gesellschaftsdroge, weiche Droge, Einstiegsdroge. Diejenigen, die so etwas sagen, wissen nicht, dass das Gras der Blumenkinder nicht vergleichbar ist mit dem harten Hasch von heute.Jänke sitzt auf einer der harten Holzbänke auf dem Flur des Moabiter Kriminalgerichts. Eine Falschaussage verschlug den bis dahin unbescholtenen Mann auf die Anklagebank. Falschaussage, das klingt nach einem harmlosen Delikt, aber es wird hart bestraft. Jänke ist nervös, gleich muss er in den Gerichtssaal und wieder wird er zwischen Wahrheit und Lüge balancieren. Dabei geht es ihm um nichts weniger als die Rettung seines Sohnes.Marcel* war "Drogenscout" auf dem Gymnasium, das sind speziell geschulte Jugendliche, die in ihrem Umfeld den Genuss legaler und illegaler Drogen thematisieren. Er hatte sich gerade in ein Mädchen verliebt. Deren Eltern erlaubten dem 16-Jährigen, bei ihnen einzuziehen. Marcels Eltern, die sich acht Jahre zuvor getrennt hatten, waren einverstanden. Die Eltern des Mädchens schienen sympathisch zu sein. Hätte Thomas Jänke gewusst, was er erst Jahre später erfuhr, er hätte den Einzug niemals zugelassen. Schon morgens zum Frühstück sei in dieser Familie der Joint gekreist, erzählte ihm später sein Sohn. Den Schulbesuch konnte er danach vergessen.Der Gymnasiast blieb sitzen, die Freundin verließ ihn, dem Cannabis aber hielt er die Treue. Innerhalb von wenigen Monaten entwickelte er eine schizophrene Psychose. Die Mediziner können bis heute nicht sagen, warum sie bei dem einen ausbricht und bei anderen nicht. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass ererbte Faktoren mit Umweltfaktoren zusammenwirken. Zu Letzteren gehört psychischer Stress, den zum Beispiel Wohnungslosigkeit oder eben der Konsum von Drogen bewirken können.Psychiater nehmen folgenden Zusammenhang an: Wenn ein potenzieller Schizophrenie-Kranker kiffe, steige aufgrund des gestiegenen Gehalts von Tetrahydrocannabinol, des Hauptwirkstoffs der Hanfpflanze, die Gefahr, dass ihn die Krankheit in einem früheren Lebensalter ereilt. Wer aber zu Beginn der Erkrankung weder Abitur, Ausbildung, noch Familie hat, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit in die Obdachlosigkeit rutschen, als Menschen, die über all diese sozialen Stabilisatoren verfügen.Die Folgen von Marcels Psychose spürte zuerst seine Mutter. Er schlug ihr Zuhause kurz und klein - die erste von insgesamt fünf Wohnungen, die er zerstörte. Der Kranke litt unter Verfolgungswahn, fühlte sich von Engeln und Stromleitungen bedroht, die er zu kappen versuchte. Er lebte als Gefangener seines Wahns, der vom ständigen Haschkonsum befeuert wurde.Ständig rechnete sein Vater mit einer Todesnachricht, denn der Kranke gefährdete sich auch selbst. Nachts wurde Thomas Jänke von der Polizei geweckt, weil Marcel den Straßenverkehr regeln wollte. Es tat dem Vater weh, wenn er sah, wie der Verwahrloste nackt oder mit einer Burger-King-Krone auf dem Kopf durch die Straßen lief. Regelmäßig bedrohte und beleidigte der Sohn seinen Vater, seine Mutter, einfach alle, die ihm nahe standen.Dennoch versuchten sie, Marcel zu helfen. Aber wie? Mehrfach kam er in die Psychiatrie. Doch es gelang ihm zu flüchten, oder er beendete gleich nach der Entlassung die Einnahme der nebenwirkungsreichen Medikamente.An einem Vormittag im Mai 2007 versuchte Marcel, seinen Vater vor eine einfahrende S-Bahn zu schubsen. Der Attackierte hatte Glück, er konnte den Stoß abfangen. In ihm reifte ein Plan: Er zeigte seinen Sohn bei der Polizei an. Dem Ermittlungsrichter sagte er: "Mein Sohn wollte mich töten." Marcel wurde in den Maßregelvollzug gebracht, so heißt die Einrichtung für psychisch kranke oder suchtkranke Rechtsbrecher.Von dort konnte der junge Mann nicht fliehen, er kam nicht mehr an Drogen und wurde clean. Regelmäßig nahm er seine Medikamente, seine Aggression legte sich. "Es wurde zunehmend möglich, mit ihm zu reden", sagt sein Vater.Im März 2008 fand der Prozess gegen Marcel statt. Die Richter sollten darüber urteilen, ob er im Zustand der Schuldunfähigkeit seinen Vater vor die Bahn schubsen wollte und nun im Maßregelvollzug bleiben muss - solange, bis ein psychiatrischer Gutachter entschieden hätte, dass von ihm keine Gefahr mehr ausgehe. Sein Vater erfuhr von Insassen, die schon seit 15 Jahren auf ihre Entlassung warten.Das wollte er seinem Sohn ersparen. Vor dem Berliner Landgericht bekundete er: "Mein Sohn hat mich nicht vor den Zug stoßen wollen. Er war körperlich nicht in der Lage, dies zu tun." Die Richter mussten den Antrag der Staatsanwaltschaft ablehnen: Es gab für jenen Vorfall weder Videoaufzeichnungen vom Bahnsteig, noch andere Zeugen. Im Urteil des Landgerichts hieß es, Thomas Jänke sei offensichtlich vom Ermittlungsrichter missverstanden worden. Möglicherweise habe er die Bedrohung seines Sohnes übertrieben dargestellt.Die Staatsanwaltschaft betrachtete die widersprüchlichen Aussagen nicht mit der gleichen Milde und leitete ein Verfahren wegen uneidlicher Falschaussage ein. Die Richterin am Amtsgericht Tiergarten erkannte die Tragik hinter des Vaters Lüge. Sie verurteilte ihn zu der mildest möglichen Geldstrafe von 1350 Euro (90 Tagessätze). Das nahm Thomas Jänke gern in Kauf. Größer war für ihn das Glück über die Rettung seines verloren geglaubten Sohnes. Mithilfe seiner Eltern richtete sich Marcel eine eigene Wohnung ein, er fand eine Freundin und dachte sogar darüber nach, eine Ausbildung zu absolvieren. Er hatte jetzt eine Chance auf ein normales Leben.Drei Jahre lang hielt er durch. Im Sommer verkündete er plötzlich, der Arzt habe ihm gesagt, er müsse seine Medikamente nicht mehr nehmen. Er setzte sie ab, kurz darauf kiffte er wieder. Der Albtraum ging von vorne los.Sein Vater war verzweifelt: "Es ist schlimmer als je zuvor", sagte er bei einem Gespräch im Oktober. Marcel habe seine Wohnung zerlegt, sogar das Klingeltableau im Hausflur zerhackt. Nachts schlug er gegen die Fensterscheiben im Haus seiner Mutter und forderte Geld, andernfalls wolle er sie töten. Er bedrohte seine Freundin, seine Betreuerin und seinen Vater. "Er ist wie ein Werwolf, ein ganz anderer Mensch, er hat nichts mehr mit meinem Sohn zu tun", sagte Thomas Jänke.Er fühlte sich hilflos: "Es ist entsetzlich anzusehen, wie es ständig abwärts geht. Das ist ein Scheitern. Ich sehe das so bei dem Anspruch, den ich an mein Leben habe", sagte der 59-jährige Betriebswirt, der viele Jahre ein Kaufhaus geleitet hat. Er und Marcels Mutter seien nun wieder zur Polizei gegangen und hätten ihren Sohn angezeigt - wegen der permanenten Bedrohungen. Obendrein hatte die Staatsanwaltschaft die Wiederaufnahme des Verfahrens wegen des versuchten Totschlags auf dem S-Bahnhof beantragt. Schließlich beruht das Urteil gegen Marcel auf einer Falschaussage.Vor wenigen Wochen rief Thomas Jänke an. Verhaltene Freude schwang in seiner Stimme: Marcel habe sich von einer sogenannten Depotspritze überzeugen lassen, die einmal gegeben, den Körper über Monate permanent mit Medikamenten versorgt. Das könnte ihn stabilisieren. Es gibt wieder Hoffnung. Sein Vater weiß, wie zerbrechlich sie ist.An seinem Plan aber hält er noch immer fest: Er will reden über Drogen, über Schizophrenie, über Marcel. Bislang tat er das nur im Bekanntenkreis. Jetzt möchte er darüber auch mit jungen Leuten sprechen. Schon öfter hat er sich ausgemalt, wie das sein wird, hat sich seine Fragen an die Jugendlichen zurechtgelegt. Thomas Jänke freut sich auf solche Begegnungen in Schulen oder Jugendclubs. Vielleicht begleitet ihn sogar sein Sohn Marcel dorthin.* Name von der Redaktion geändert------------------------------Foto: Verzweiflung und Hoffnung. Thomas Jänke hat sich mit einer Falschaussage strafbar gemacht, um seinem Sohn zu helfen.

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