Don Quijote attackierte einst Windmühlen mit einem Schwert, der Berliner Dietmar Jazbinsek kämpft mit einer Stadtführung gegen Lobbyisten. Der Unterschied: Jazbinsek könnte tatsächlich etwas bewirken. "Lobbyismus ist dann am Effektivsten, wenn man ihn nicht an die große Glocke hängt", sagt Jazbinsek. Genau das aber versucht er zu tun: die Arbeitsweise von Lobbyisten bekannt machen. Der 50-jährige Jazbinsek arbeitet für den Kölner Verein LobbyControl, der seit etwa drei Jahren über Machtstrukturen und Einflussstrategien in Deutschland und der EU aufklären will. "Mit der Führung möchten wir das Gedächtnis daran wach halten, wie Lobbyismus funktioniert", erklärt der Berliner.Am Treffpunkt für die Stadtführung haben sich rund 15 Menschen versammelt, darunter Anzugträger, eine Dame mit weißem Blazer und roten Lippen, Grauhaarige und junge Leute mit Turnschuhen, Wollpulli und langen Locken - sehr sachkundige Zuhörer wie sich später herausstellen wird. Zweieinhalb Stunden wird Jazbinsek durch den Berliner Lobby-Dschungel führen. Er beginnt bei der Ständigen Vertretung (StäV) in Berlin, einem Restaurant nahe dem Bahnhof Friedrichstraße. "Dies ist bei Politikern ein sehr beliebter Ort, um Kölsch zu trinken", erklärt der Stadtführer. Hier trifft man sich im vertraulichen Gespräch - Politiker mit Politikern, Politiker mit Lobbyisten. Die StäV ist mit den Politikern von Bonn nach Berlin umgezogen und repräsentiert für den Stadtführer den Übergang von der Bonner zur Berliner Republik.Auch in Bonn arbeiteten bereits Lobbyisten, doch in Berlin ist ihre Zahl stark angestiegen. 5 000 Lobbyisten sind es, schätzt Jazbinsek - bei 612 Bundestagsabgeordneten.Wertvolle persönliche Kontakte"Lobbyismus ist Hinterzimmerdiplomatie", erklärt Jazbinsek. Der Begriff geht auf die Lobby, die Vorhalle des Parlaments zurück. Hier versuchen Lobbyisten, also Interessenvertreter, durch persönliche Kontakte die Politik zu gestalten. Aber nicht nur hier: Jazbinsek führt die Truppe auch zu beliebten Treffpunkten wie dem Café Einstein Unter den Linden - von Branchenkennern scherzhaft in "Unter den Lobbyisten" umgetauft -, dem Restaurant Borchardt in der Französischen Straße oder dem China Club am Pariser Platz. Er ist ein besonderer Ort für einen "exklusiven Kreis ausgesuchter Mitglieder" wie es auf dessen Homepage heißt. Hier stehen die Tische weit genug auseinander, so dass die Besucher Pläne schmieden können, ohne vom Nachbartisch belauscht zu werden.FischerAppelt, GlaxoSmithKline, ZDF, die Vertretung der Europäischen Union - insgesamt stehen 20 Stationen bei der Stadtführung auf Jazbinseks Liste, zu jeder erzählt er kurz eine Geschichte. Als Jazbinsek vor dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) in der Neustädtischen Kirchstraße anhält, informiert er über REACH, einen Gesetzesvorschlag der Europäischen Kommission aus dem Jahr 1999. Bis dato wurde die Mehrheit der Chemikalien nicht auf ihre Verträglichkeit für Umwelt und Gesundheit getestet, die neue Richtlinie sollte das ändern. "Der VCI hat diese Pläne als bedrohlich angesehen", sagt der Stadtführer und deutet auf das Schild an der Eingangstür.Betreten darf die Gruppe das Haus nicht, schließlich agieren Lobbyisten lieber im Verborgenen. Die Chemie-Industrie habe Studien finanziert, welche die Auswirkungen von REACH maßlos übertrieben hätten, erklärt er weiter. Angeblich stünden Millionen Arbeitsplätze auf dem Spiel. "In der Politik hat das eingeschlagen wie eine Bombe", erzählt Jazbinsek. Im Dezember 2006 verabschiedeten das Europäische Parlament und der Ministerrat schließlich die Richtlinie - in stark abgeschwächter Form.Die Macht großer UnternehmenDas Problem sei die Asymmetrie zwischen Lobbyismus und Politik: "Wir haben in der Politik kein Gegengewicht zu der Macht großer Unternehmen." Kleinere Interessengruppen haben laut Jazbinsek neben den großen mit viel Geld kaum eine Chance. In der Stadtführung haben allerdings Organisationen wie Greenpeace, der BUND oder Amnesty International keinen Platz. Dabei haben auch sie Einfluss auf die Politik - ohne dass große Unternehmen ihnen die Kasse füllen.Der 23-jährige Eckart Rehberg kennt die Grundideen des Lobbyismus, der Student macht gerade ein Praktikum bei einer Unternehmensberatung. "Sie müssten aber noch in einer viel breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden", meint er. "Diese Stadtführung ist wie Beten zu Konvertierten." Hier hätten ohnehin schon alle eine lobbykritische Haltung.Der 24-jährige Politikstudent Julius Müller teilt diese Haltung eher nicht: "Ich finde, Lobbyismus ist ein Tauschprozess." Politiker seien auf die Informationen von fachkundigen Lobbyisten angewiesen, sonst könnten sie gar nicht arbeiten. "Es ist auch nicht so, dass die Lobbyisten immer um Politiker kreisen, die Politik geht auch auf Lobbyisten zu." Dieser Aspekt kommt für ihn in der Führung nicht deutlich genug rüber.Für die 60-jährige Margarete Bolten hat sich die Führung gelohnt: Sie wohnt in der Nähe des Parlamentsviertels und weiß jetzt endlich, was hinter vielen Türen passiert - auch wenn sie die Türen nicht öffnen durfte. Sie unterrichtet Sozialkunde am Oberstufenzentrum in Kreuzberg und will nun für ihre Kollegen eine Führung organisieren. "Lobbyismus hat es immer gegeben und wird es immer geben", resümiert eine andere Teilnehmerin. "Aber das Gleichgewicht muss stimmen."Die nächsten Führungen finden am 16. Mai und am 13. Juni jeweils um 11 Uhr statt, Kosten: 10 Euro. Anmeldungen unter Stadtführung@lobbycontrol.de . Der LobbyPlanet, ein Reiseführer, kann im Internet bestellt werden: www.lobbycontrol.de------------------------------"Wir wollen das Gedächtnis daran wach halten, wie Lobbyismus funktioniert." Dieter Jazbinsek, Stadtführer------------------------------Foto: Von Branchenkennern scherzhaft "Unter den Lobbyisten" genannt - das Café Einstein Unter den Linden.