SASBACH, im Januar. Niemand hat je herausgefunden, warum die Waterdrinker unterging im Nachtgrau des 8. Oktober 1659. Der holländische Segler war unterwegs vom spanischen Cadix nach Vlissingen. Vor der Küste von Zeeland fuhr er auf eine Sandbank und sank binnen Minuten. 30 Tonnen Silber, 200 000 Silbermünzen, Diamanten, Perlen und ein Pferd aus weißem Marmor mit goldenem Sattel nahm die Waterdrinker in jener Nacht mit auf den Meeresgrund. Dort steckt der Schatz seit 453 Jahren im Sand - und zwar zum Greifen nah in nur sechs bis acht Meter Wassertiefe. Jeder Hobbytaucher könnte bei ruhiger See zu den Überresten der Waterdrinker hinabschweben und das Wrack plündern - vorausgesetzt er kennt die exakte Sinkposition."Ich weiß, wo sie liegt." Das ist der entscheidende Satz. Klaus Keppler, Chef der Sea Explorer AG, ist sich seiner Sache sicher. Sobald das Wetter es zulässt, will Deutschlands führender Unterwasser-Schatzsucher mit der Bergung der Schätze aus der Waterdrinker beginnen. Eine Lizenz der holländischen Behörden besitzt er schon, genug Geld für die Bergungsaktion hat er auch gesammelt. Wenn Keppler das Schiff tatsächlich findet und es in den viereinhalb Jahrhunderten seit dem Untergang noch nicht geplündert wurde, stehen ihm fette Jahre bevor: Erst kürzlich wurde der Wert der Waterdrinker-Fracht von einem renommierten britischen Unterwasser-Archäologen auf 25 Millionen Euro taxiert.Die Sea Explorer AG betreibt Unterwasser-Schatzsuche in professionellem Maßstab. Neben den weltweit etwa sechzig seriösen Unternehmen stöbern ungezählte Einzelkämpfer unter Wasser herum, Glücksritter, Abenteurer und Plünderer. Was sie treibt, ist die Hoffnung auf den ultimativen großen Fund. Hunderte Suchschiffe sind auf den Meeren unterwegs, mit Berufs- und Hobbytauchern an Bord, Archäologen und Ozeanographen, allesamt angelockt von Geschichten über sagenhafte Schätze.Schätzungsweise drei bis sechs Millionen Schiffe sind seit Beginn der Schiffahrt untergegangen. Vielleicht gut dreitausend davon sind für Keppler und seine Konkurrenten interessant - weil sie wertvolle Fracht geladen hatten, weder zerstört noch ausgeraubt wurden und in erreichbarer Tiefe liegen. Allein in der Karibik, auf der so genannten Silberroute der spanischen Konquistadoren, verschwanden zwischen 1 500 und 1 700 mehr als 3 000 Galeonen und Karavellen, die meisten von ihnen schwer beladen mit eingeschmolzenen Schätzen der Inka, Maya und Azteken.Die etwa zwanzig Profi-Firmen aus der Champions League der Schatzsucher-Branche wissen übereinander gut Bescheid. "Ich weiß immer genau, wer gerade an welchem Wrack dran ist", sagt Klaus Keppler. "Der eine sucht auf den Kanaren, der andere vor Mosambik, der dritte im Ärmelkanal, wo ich s auch schon mal versucht hab . Da bleibt nichts verborgen."Seit zehn Jahren betreibt Keppler die Schatzsuche ernsthaft. Auf seiner Gehaltsliste stehen derzeit 15 feste Beschäftigte. Bei Bergungen aber, wenn Keppler und die Seinen mitunter wochenlang mit dem Suchschiff auf dem offenen Meer unterwegs sind, fernab vom Festland, kann die Crew auf 30 oder 40 Mann anwachsen. Dann sind einheimische Taucher dabei, Archäologen und Kameraleute. Und weil auch Schatzsucher Hunger haben, wird ein Koch an Bord gebraucht.Den Firmensitz der führenden deutschen Schatzsucherei hätte man in der Nähe eines großen Seehafens vermutet, in Hamburg oder vielleicht in Rostock. Aber sicher nicht im Weinbaudorf Sasbach am Kaiserstuhl, wo die Fluren so seltsame Namen tragen: Hungersberg, Niemandsplatz, Maria in den Reben, Galgenwinkel. Der Dorfmetzger preist Sauerkraut an, die Landfrauen laden zum Zwiebelkuchenfest. Nicht gerade maritimes Flair. Klaus Keppler, der Chef, ist ein füllig gewordener Mann mit stets wachem Blick, der Zigarren raucht, bequeme Schuhe trägt und beim Reden seine badische Herkunft nicht verleugnet. Keppler, heute 64 Jahre alt, war früher Bergungstaucher, hat rund 6 000 Stunden seines Lebens unter Wasser zugebracht und steigt auch heute noch in den Neoprenanzug, wenn es runtergeht zu einem Wrack.Im Lauf der letzten 34 Jahre hat Keppler sich in Sasbach einen kleinen Bergungs- und Unterwasserkonzern zurechtgeschmiedet, zu dem auch die 1998 gegründete Sea Explorer AG gehört. Zunächst hat er die Sea Explorer mit den Gewinnen aus seinen anderen Firmen durchgefüttert. Knapp eine Million Euro eigenes Geld sind in die Schatzsuche geflossen, hinzu kamen drei bis vier Millionen Euro von Freunden und privaten Geldgebern. Keiner von ihnen hat bislang einen Cent seines investierten Kapitals wiedergesehen - von Gewinnanteilen ganz zu schweigen. Die Schatzsuche ist ein Geschäft, das die Geduld der Investoren extrem strapaziert. Von den ersten Recherchen über die Suche nach dem Wrack und der Bergung der Fracht bis zum Verkauf der Fundstücke vergehen im Schnitt sechs Jahre. Bis ganz zum Schluss - vielleicht - Geld in die Kasse kommt, können Kosten in Millionenhöhe entstanden sein. Bei der vor Zeeland gesunkenen Waterdrinker beispielsweise hat Keppler gut eine Million Euro für die Suche und die Bergung kalkuliert.Schon die Rechercheure, die anhand alter Seekarten und Versicherungsberichte, Logbücher, Gerichtsakten und Frachtbriefe Dossiers über Wracks erstellen und anbieten, verlangen zwischen 10 000 und 30 000 Euro für eine Wrack-Akte und meist noch einmal drei bis fünf Prozent vom Erlös aus dem Verkauf des Schatzes. Seit einigen Jahren wirbt Keppler - wie die anderen professionellen Schatzjäger auch - um die Gunst von Investoren, die sich auf das riskante Geschäft einlassen. An der Bergung der Waterdrinker etwa kann man sich als stiller Gesellschafter beteiligen. Wer Keppler Geld gibt, erwirbt einen Anteil an der Sea Explorer - und an all ihren Gewinnen und Verlusten. Im Emissionsprospekt verspricht Keppler den Waterdrinker-Investoren einen theoretischen Gewinn von 26 000 Euro bei einer Einlage von 10 000 Euro. "Das Risiko, Geld zu verlieren, ist bei uns auf jeden Fall geringer als bei den meisten Firmen am Neuen Markt", wirbt Keppler. Doch so sicher wie ein Bundesschatzbrief ist eine Beteiligung an der Sea Explorer nicht. Denn Risiken gibt es genug: Ob etwa das geortete Schiff tatsächlich die Waterdrinker ist, lässt sich mit letzter Sicherheit erst bei der Bergung sagen. Vor einigen Jahren, erzählt Keppler, waren sie einem Wrack auf der Spur und fanden 86 Schiffe - nur das gesuchte war nicht dabei. Im vergangenen Jahr wurde Keppler von Konjunkturkrise und Börsenflaute voll erwischt. "Es war ein furchtbares Jahr", sagt er, "das Geschäft war praktisch tot." Kaum jemand wollte sein Geld in die Schatzsuche stecken und auch beim Verkauf der Fundstücke aus früheren Bergungen ging es nicht voran. Wer hat jetzt 2 200 Euro für einen Spucknapf aus Porzellan übrig, heraufgeholt aus dem Wrack des 1883 vor Borkum gesunkenen Post- und Passagierschiffs Cimbria? Und weil kaum Geld hereinkam, konnte Keppler sich keine teuren Such- und Bergungsaktionen leisten. Die Bergung der Cimbria musste nach drei Monaten abgebrochen werden, weil Dauersturm herrschte und das Geld ausging. Der Tresor des gesunkenen Auswandererschiffs konnte nicht geborgen werden, auch 20 bis 30 Tonnen Meißner Porzellan werden noch in 30 Meter Tiefe vermutet. 3 000 Fundstücke holten Kepplers Taucher aus der See. Etliche stehen auf der Homepage der Sea Explorer zum Verkauf: Champagnerflaschen, 120 Euro; Teller aus Porzellan, rosa glasiert, mit Beschriftung "Forget me not", 680 Euro.Noch enttäuschender verlief die Bergung der Prins Frederik, gesunken am 25. Juni 1890 in der Biskaya. 400 000 Silbermünzen nahm der holländische Postdampfer mit in die Tiefe. 106 Jahre später begann Keppler nach der Prins Frederik zu fahnden. Mit Suchschiff und Radar analysierte er rund 1 500 Quadratkilometer Meeresgrund, fand 38 Wracks und stieß schließlich auf ein Schiff, dessen Größe und äußere Merkmale zu den Plänen der Baureihe passten. 1998 unternahm er einen Bergeversuch; in sicherer Erwartung der Beute hatte er in Paris, London und Amsterdam schon Auktionssäle anmieten lassen, um die Silbertaler zu versteigern. Doch dann war das Geld alle und Keppler musste die Bergung abbrechen. Da half ihm auch die relativ verlässliche Aussicht auf Funde im Wert von 30 bis 40 Millionen Euro nicht weiter. In diesem Jahr soll nun alles besser werden. Keppler hat zwei Millionen Euro eingesammelt; das reicht für einen Bergevorstoß zur Waterdrinker und neue Anläufe bei der Prins Frederik und der Cimbria. In Zukunft soll der Erlös aus dem Verkauf der geborgenen Schätze die nächsten Bergungen finanzieren. Keppler hat aussichtsreiche Objekte im Blick. In seinem Wandregal lagern einige Dutzend Wrack-Dossiers renommierter Rechercheure, Leitz-Ordner meterweise. "Haiti - Captain Morgan" steht darauf, "Mercure", "Wrack-Orte" oder "Wrack-Datenbank". Derzeit verhandelt Sea Explorer mit der Regierung Kubas über 180 Kilometer Strandfläche. "Wir wissen, dass da 60 Schiffe liegen", sagt Keppler. Seine Emissäre versuchen Castros Beamten eine Bergegenehmigung abzuringen. "Ach, wenn ich jetzt 20 Millionen hätte", sagt Keppler, "dann legten wir los und könnten nie mehr im Leben arm werden."Risikoscheuen Investoren böte Keppler gern ein Investmentpaket mit einem Mix aus todsicheren und riskanten Wracks an. So möchte er auch selbst in Zukunft arbeiten: ein paar solide Nummer-sicher-Wracks und hin und wieder ein hoch spekulatives, aber extrem profitträchtiges Risiko-Wrack.Zurzeit hat Keppler insbesondere ein Schiff im Visier. Es geht um Gold, um sehr viel Gold. "Finden werd ich s", sagt Keppler, "das weiß ich." Die Sea Explorer will das Schiff im Auftrag einer Regierung heben. Um welches Land es sich handelt, sagt Keppler nicht. Nur so viel verrät er: "Es ist ein politisch äußerst instabiles Land. An das Wrack geh ich nur ran, wenn ein Kriegsschiff unter Waffen in der Nähe ist und wenn UN-Beobachter und die Weltpresse an Bord sind." Gold weckt Begehrlichkeiten. "Und es gibt Regierungen", sagt Keppler, "die verhalten sich nicht besser als Piraten."Zwischen den Leitz-Ordnern mit Wrack-Dossiers in Kepplers Regal steht ein Börsenlexikon. Die Börse. Ein heikles Thema für Keppler. Die Börsenpremiere der Sea Explorer AG war für Frühjahr 2002 geplant, dann machte die Flaute auf den Aktienmärkten alle Zeitpläne zunichte. Keppler verspricht nun einen Börsengang noch in diesem Jahr, aber er sagt es nicht wie jemand, der seiner Sache ganz sicher ist.Sorgen bereitet indes nicht nur die Geldbeschaffung, sondern auch Kritik seitens der Archäologenzunft. Für die Puristen unter den Wissenschaftlern sind professionelle Schatzsucher wie Keppler nichts als Plünderer, profitgierige Seegrabräuber, die mit ihrer Unterwas- ser-Hightech, mit Mini-U-Booten, Hochleistungspumpen und Hummer-Greifarmen wertvolle Relikte vergangener Kulturen zerstören.Keppler sieht sich und seine seriösen Wettbewerber zu Unrecht angegriffen: "Die Archäologen selbst schaffen weltweit im Schnitt vielleicht eine Bergung pro Jahr. Die anderen Wracks gehen unwiederbringlich verloren - wenn wir sie nicht ans Licht holen." Was aus jenem Wrack aus römischer Zeit geworden ist, das er vor ein paar Jahren im Roten Meer entdeckt hat, direkt vor einer Hotelanlage - Keppler weiß es nicht. Zerstört? Geplündert? Er hätte es gern geborgen, erhielt aber keine Genehmigung. Keppler bemüht sich um einen Friedensschluss mit der Wissenschaft. Er beteuert, kein Interesse daran zu haben, einzigartige Schätze in den Tresoren reicher Sammler verschwinden zu lassen. Die Gold- und Silberschätze etwa, die der Sea-Explorer-Chef vor Kubas Küste vermutet, sollen Eigentum der Regierung bleiben. Als Gegenleistung für die Bergung fordert Keppler von Castros Ministerialen die Zusicherung, dass er die Fundstücke einige Jahre weltweit ausstellen darf.Bei der Bergung historisch interessanter Wracks wie der Waterdrinker nimmt Keppler grundsätzlich Archäologen mit an Bord des Suchschiffs. Dann wird nach wissenschaftlichen Methoden geborgen, Stück für Stück, mit äußerster Vorsicht. Der Fund des Intan-Schatzes durch Kepplers Crew vor sechs Jahren zeigt, dass Archäologen durchaus von den Schatzsuchern profitieren können. Die Dschunke war vor etwa 1 000 Jahren im Südchinesischen Meer gesunken. Durch die Bergung der Fracht, darunter malaysische Tigerzähne, Mammut-Stoßzähne aus Sibirien und Glasperlen aus Persien, konnten Archäologen erstmals die damaligen Handelswege im asiatischen Raum nachzeichnen. Keppler ist nun dabei, die letzten Intan-Fundstücke an ein Museum zu verkaufen. Gelingt es ihm, hat sich das Projekt für ihn auch finanziell gelohnt - sechs Jahre nach dem ersten Tauchgang.Hunderte Suchschiffe sind auf den Meeren unterwegs, mit Tauchern an Bord, Archäologen und Ozeanographen, allesamt angelockt von Geschichten über sagenhafte Schätze.WOLFGANG SCHMIDT Gehoben vor Borkum - ein Taucher der Firma Sea Explorer kommt mit Teilen der Ladung des 1883 gesunkenen Schiffes Cimbria an die Meeresoberfläche.