Ronny Weller hat in seinem jungen Leben schon viele Gewichte erfolgreich gestemmt. Meistens lächelt er dann still vor sich hin. Wenn er jedoch besonders wichtige Eisen hochgewuchtet hat, freut er sich auf die etwas derbere Art.Vor vier Jahren in Barcelona stürmte der damals zwei Zentner schwere Bursche geradewegs auf die Tribüne, an panisch auseinanderstobenden Zuschauern und sich ihm tollkühn in den Weg werfenden Ordnern vorbei. Irgendwann hechtete er seinem Vater Günther an die Brust. Gemeinsam beweinten sie den Olympiasieg. Weller Senior überstand den Aufprall des Champions glücklicherweise unverletzt, auch er ist etwas korpulenter gebaut.Vier Jahre später und mittlerweile 138 Kilo schwer, stieß Weller Junior nun sogar einen Weltrekord. Flink entledigte er sich der mit schweren Holzsohlen bewehrten Heberschuhe und wuchtete diese nach rechts und links ins Publikum. Bei Vater Günther löste dies abermals Entzücken aus. Es ist keinesfalls übertrieben zu sagen, daß im Hause Weller ein Menschenleben in Gewichten bemessen wird. 255 kg - "das sind ja mehr als fünf Zentner", staunte der Senior, "das ist fantastisch, darauf habe ich zwanzig Jahre gewartet". Das zweite olympische Gold wähnten Ronny und Günther schon im Familiensafe.Bis Andrej Schemerkin die Heberbühne betrat. Den Russen kümmerte das Wellersche Familienglück nicht. Er fixierte die Eisenstange mit grimmigem Blick, ächzte, stöhnte - und stemmte 260 Kilo mit Titanenkräften über seinen Kopf. In diesem Moment war Ronny Weller, der backstage die Übung des Russen verfolgte, nur noch ein tragischer Held. Olympiasieger und Weltrekordler für drei Minuten, nicht eine Sekunde mehr.Es wurde folglich die russische Hymne gespielt. Und die Deutschen standen ziemlich bedeppert da. Bundestrainer Frank Mantek war so geschockt, daß er nicht mal mehr wußte, ob er "noch denken kann". Weller selbst vergaß, auf dem Podest seinem Bezwinger Schemerkin die Hand zu reichen, was durchaus einen tieferen Grund haben kann, auf den er später deutlich hinwies: "Ich kann nicht beweisen, daß meine Konkurrenten gedopt haben. Aber die Steigerungen sind schon ungewöhnlich."Als erster beschloß Günther Weller, sich einfach zu freuen: "Ronny hat jetzt schon drei Olympiamedaillen. Gold, Silber und Bronze, das ist doch schön." Und im Jahr 2000 in Sydney, erklärte der Sohn, soll es sogar eine vierte Plakette sein.Dieser Kampf der Giganten, der Wettbewerb des Superschwergewichts, war ein Besuch im Panoptikum des Weltsports. Bitte hereinspaziert: Da mühte sich der für Australien startende Bulgare Stefan Botew und belegte am Ende Platz drei. Es stemmte vergeblich Alexander Kurlowitsch aus Weißrußland, der wegen seiner Vorliebe für Anabolika bereits zweimal gesperrt worden war. Leonid Taranenko, ein 40jähriger Weißrusse, 1980 mit Olympiagold dekoriert, verzichtete schon vor dem ersten Versuch. Wie erwartet ohne Chance blieb Mark Henry aus Austin/Texas, obwohl mit 185 Kilo Lebendgewicht die imposanteste Erscheinung dieser olympischen Tage in Atlanta. Gescheitert schließlich auch das bayerische Heber-Urgestein Manfred Nerlinger, dem selbst eine Weißbierkur nicht erneut zu einer Medaille verhelfen konnte.Ronny Weller aber schaffte in dieser Elefantenrunde des Hantelsports persönlichen Rekord. Doch gegen einen urgewaltigen Andrej Schemerkin haben auch diese 255 Kilo nicht gereicht. "Niemals habe ich gedacht, daß er das noch schafft", hat Weller anschließend gestönt. Er war nicht der einzige im mit 5 000 lärmenden Menschen gefüllten Saal, der daran gezweifelt hat.Vor einer knappen Hundertschaft rätselnder Journalisten suchte der deutsche Eisenmann nach Erklärungen und flüchtete sich dabei in eine Sportart, von der nun wirklich alle etwas verstehen: "Stoßen ist wie Elfmeterschießen beim Fußball. Entweder du triffst oder du bist der Depp", sprach Ronny Weller, noch einigermaßen verstört. Er hatte genau auf den Pfosten gezielt. +++