Der Morgenhimmel am 18. Januar 1883 ist klar. Die Passagiere steigen erwartungsvoll auf den Postliner "Cimbria". Frauen, Kinder und Männer aus dem deutschen Kaiserreich, Glücksritter, russische und ungarische Juden, die vor Pogromen in ihrer Heimat fliehen wollen. Sie alle wollen ihr Glück nun jenseits des Großen Teiches suchen.Gegen 15 Uhr schiebt sich die "Cimbria" in die Elbmündung. Wenig später erreicht das hundert Meter lange Schiff die offene Nordsee. Am Abend bemerkt Kapitän Julius Hansen leichten Nebel, der sich um Mitternacht, hinter Cuxhaven, zur Waschküche verdichtet. "Sicht eine gute Schiffslänge", meldet der Ausguck. Hansen befiehlt, das Nebelhorn zu setzen. Die Uhr des Kapitäns zeigt wenige Minuten vor zwei am frühen 19. Januar.Ein Bild der TodesangstPlötzlich hört die Mannschaft auf der Brücke ein anderes Signal. Nur wenige Meter neben dem deutschen Schiff taucht der englische Kohledampfer "Sultan" auf. Kurz darauf bohrt er sich backbord in Höhe des vorderen Mastes in die "Cimbria". Sofort strömen Wassermassen in das Schiff. Die mehr als 400 Passagiere schrecken aus dem Schlaf, rennen in Panik umher, schreiend, stoßend, stolpernd. Ein gnadenloser Kampf um die Rettungsboote beginnt. Vier von ihnen hängen schon zu schräg, zwei weitere kentern sofort, weil zu viele Menschen hineinspringen. Das Schiff sinkt schnell "nach Steuerbord". Eine Viertelstunde nach der Kollision brechen die Schotten, 19 Seemeilen nordöstlich von Borkum sinkt das stolze Auswanderschiff. "Überall schwammen, laut jammernd, Passagiere und Mannschaften durcheinander", so berichtet ein Überlebender, "kreischende Weiber, schreiende Kinder, ein wildes, furchtbares Bild der Todesangst".39 Menschen retten sich mit Booten, neun völlig Entkräftete kommen später auf der Insel Borkum an. 17 überleben auf den Masten, die noch aus dem Wasser ragen, ehe sie die Besatzung der "Diamant" am nächsten Mittag an Bord holt. 437 Menschen ertrinken im eiskalten Wasser.Im Jahr 1974 finden Taucher des deutschen Vermessungsschiffes "Wega" das Wrack. Die Schiffsglocke heben sie. Heute steht sie in der Halle der Hapag-Lloyd AG in Hamburg. Eine 4,50 Meter hohe und acht Tonnen schwere Ersatzschraube und ein Erste-Klasse-Bullauge liegen im Wrackmuseum Cuxhaven.Im August 2001 schließlich heben Schatzsucher der Firma "Sea Explorer" Tassen, Teller und Terrinen vom Grund der Nordsee. Anschließend offerieren die Geschäftsleute aus dem badischen Sasbach in einem Prospekt eine weiße Hummerschale (8 800 Euro), gemusterte Butterdosen (1 280 Euro) oder Pfeifenköpfe (860 Euro). Mitte 2005, so hieß es einst auf der Webseite der Firma, solle "die restliche Ladung" geborgen werden. Doch im August 2006 bekamen die Aktionäre der "Sea Explorer AG" Post vom Insolvenzverwalter.Nun wollen professionelle Wracktaucher das letzte Geheimnis des Auswandererschiffes, von dem noch die beiden Unterdecks langsam auf dem Meeresboden verrotten, lüften. In einem Tresor, so wird seit Jahren spekuliert, liegt die Reisekasse des Spielwarenherstellers Moritz Strauß, angeblich zwei Millionen Goldmark. Der 60 mal 60 Zentimeter große Kasten soll allerdings unweit der "Cimbria" auf dem Meeresboden vor sich hin rosten. "Aufgebrochen, und das seit wohl 50 Jahren", weiß Stefan Schins, Projektmanager der "Cimbria Operations Limited&Co". Die Männer um Schins denken beim großen Geld deshalb eher an den Tresor im vier mal vier Meter großen, mit Eisen ausgeschlagenen Raum des Zahlmeisters. Der liegt im hinteren Teil des Wracks, wo bislang noch niemand war. Auch zu den Kabinen ist bislang kein Taucher vorgedrungen. Keine Nickelbrille, kein Siegelring, keine Taschenuhr. Das Hab und Gut der Auswanderer schlummert auch 124 Jahre nach dem Untergang noch in 30 Metern Tiefe im Nordseesand. Stößt die Expedition auf persönliche Habseligkeiten, wollen sie "recherchieren und die Angehörigen finden", so Schins. Vorher sollen die Funde allerdings für zwei Jahre erst einmal die Glasvitrinen einer Ausstellung füllen. In der "Alten Postgasse", gegenüber dem Borkumer Leuchtturm, eröffnen die Schatzsucher demnächst ein Ladenlokal mit Bildern über den "Cimbria"-Untergang, Auswanderer-Szenen aus dem vorletzten Jahrhundert und dem unvermeidlichen Shop zum Thema. Im Angebot Essgeschirr, Döschen und Weinflaschen aus der letzten "Cimbria"-Bergung."Wir gehen nicht davon aus", baut Schins einer vermeintlichen Sensation vor, "dass wir Kisten mit Gold finden." Doch wenn die Wrack-Taucher tatsächlich den ominösen Tresor finden, sagt er im gleichen Atemzug, "dann fahren wir das Ding im Triumphzug mit der Sackkarre in die Stadt."------------------------------Über den großen TeichDie "Cimbria", halb Dampf-, halb Segelschiff, lief 1867 vom Stapel und fuhr für die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (Hapag) fast 20 Jahre die Route nach New York.Für die letzten Reise des Schiffes gibt es keine genaue Ladeliste. Englische Quellen sprechen von 1 200 Tonnen Fracht, unter anderem "Kerzen, Spielzeug, Bücher, Möbel und Porzellan".An der Katastrophe trugen nach seeamtlichem Spruch beide Kapitäne die Schuld. Auf der "Cimbria" sei hart backbord befohlen worden, auf der "Sultan" hart steuerbord. Beides führte zum Crash.------------------------------Foto: Das stolze Schiff auf einem zeitgenössischen Stich