Ein Film über Marcel Reich-Ranicki, Deutschlands bekanntesten, umstrittensten, lebhaftesten, lebendigsten Literaturkritiker. Aus diesem großartigen Stoff haben Lutz Hachmeister und Gert Scobel einen langweiligen, einen dummen Film gemacht. Es gibt ein paar interessante Aufnahmen des jungen, schlanken, aufrechten, unglaublich wach und spöttisch wirkenden Reich-Ranicki. Aber wie soll ein vernünftiger Mensch es ertragen, wenn, während Reich-Ranicki zwei, drei Sätze über seine Einsamkeit als Jugendlicher verliert, die ihn womöglich der Literatur zugetrieben habe, die Kamera einen Jungen allein einen Weg entlanggehen zeigt? Was soll dieser Blödsinn? Aber ganz abgesehen von der dummen Bebilderung: sehr viele Menschen machen in ihrer Jugend eine Phase als Leseratte durch. Daran ist nichts Merkwürdiges. Verwunderlich ist vielmehr, wenn jemand dabei bleibt. Sein Leben lang. Das hat die Autoren nicht interessiert. Aber was hat sie interessiert?Der Film beginnt mit dem Satz Reich-Ranickis "Gott ist eine literarische Erfindung". Ein guter Anfang, zumal Reich-Ranicki dann fortfährt und erklärt, dass einem in den dreißiger und vierziger Jahren schon der Gedanke kommen konnte, Gott sei Mitglied der NSDAP, warum sonst lasse er Hitler von Sieg zu Sieg gehen? Aber mehr bringt der Film nicht. Lutz Hachmeister und Gert Scobel haben ihr Zitat. Jetzt gehen sie weiter.Dumm an diesem Film sind nicht nur die Mätzchen mit den untergeschobenen Bildern, dumm ist, dass die beiden Autoren sich nicht haben entscheiden können, ob sie einen Film mit oder einen Film über Reich-Ranicki drehen. Man kann ganz sicher großartige Filme mit Reich-Ranicki über sein Leben drehen. Vorausgesetzt, man lässt sich ein auf ihn und man bereitet sich vor. Man kann ganz sicher auch großartige Filme über Reich-Ranicki drehen, vorausgesetzt, man befragt viele seiner jetzigen und seiner ehemaligen Weggefährten. Vor allem aber, man lässt sich ein auf Pro und Contra.Hachmeister und Scobel haben es fertig gebracht, einen Film zu drehen, in dem niemand auch nur ein negatives Wort über Reich-Ranicki sagt. Keines seiner - sagen wir mal - Opfer kommt zu Wort, keiner seiner Kritiker. Stattdessen sprechen Frank Schirrmacher und Hellmuth Karasek mit so viel Kreide im Mund über den quicklebendigen Reich-Ranicki, als stünden sie an dessen Grabe. Es wäre falsch, ihnen daraus einen Vorwurf zu machen. Die Autoren hätten sich andere Zeitgenossen aussuchen können, die die biedermeierliche Enge, die geografisch auffällige Beschränktheit des literarischen Horizontes von Reich-Ranicki ins rechte Licht gerückt hätten. Der Einzige, der einen Blick auf die Abgründe - ein groß geratenes Wort für diese kleine Bemerkung - Reich-Ranickis erlaubt, ist sein Sohn, der erzählt wie der Vater sich als Freund von John Le Carré gab und wohl auch fühlte, wie ihn das aber keineswegs daran hinderte, dessen Bücher dem Sohn gegenüber für "Mist" zu erklären.Dumm ist der Film aber nicht nur wegen seiner zahlreichen, einzelnen Mängel, sondern vor allem aus einem Grund: Die Autoren interessieren sich weder für Literatur, noch für Reich-Ranicki. Sie treibt nichts an. Sie wollen nichts herausfinden. Sie sind desinteressiert. Wie wollen sie jemanden interessieren?Sie zählen die Etappen auf, in deren Verlauf aus einem polnischen, jüdischen Jungen, der kaum deutsch konnte, der einflussreichste Kritiker deutscher Literatur wurde. Aber wie das möglich war, diese Frage stellen sie sich nicht einmal. Wie verrückt musste sich Reich-Ranicki in die deutsche Literatur verliebt und verkrallt haben, um nicht wieder von ihr lassen zu können und wie zerrüttet musste das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Literatur sein?"Lauter Verrisse" nannte Reich-Ranicki oder doch wenigstens sein Verlag eine Sammlung seiner Aufsätze. Man könnte ihr eine Sammlung von "Lauter Liebeserklärungen" an die Seite stellen. Aber es wird auch dem aufmerksamsten Reich-Ranicki-Sammler nur schwer gelingen, eine Sammlung "Lauter Laues" zusammenzustellen. Lutz Hachmeister und Gert Scobel ist es mit diesem Film gelungen. Wer will, mag das als große Leistung feiern.Ich, Reich-Ranicki, 22.35 Uhr, ZDF------------------------------Die Autoren interessieren sich weder für Literatur, noch für Marcel Reich-Ranicki. Sie treibt nichts an.------------------------------Foto: Marcel Reich-Ranicki am Schreibtisch, Anfang der sechziger Jahre