Christian Wiesenhütter ist begeistert. "Was am Wochenende in Heringsdorf geschehen ist, werte ich als ersten Schritt zu einer ICE-Verbindung zwischen Berlin und Usedom", freut sich der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Berlin. Ein dieselbetriebener Intercity Express (ICE) wurde am Sonnabend den Namen des Ostseebades getauft. "Er sollte für eine schnelle Verbindung eingesetzt werden - morgens von Berlin nach Usedom und abends zurück", sagt Wiesenhütter. So wie er fordern viele Wirtschaftsleute, Politiker und andere Bürger bessere Zugangebote an die Ostsee.Derzeit gibt es viele Aktivitäten - mitunter auch schweißtreibende. Vor kurzem wagte Bahn-Chef Rüdiger Grube einen Aufstieg, der nur etwas für Schwindelfreie ist. Er erklomm die Karniner Hubbrücke - eine 35 Meter hohe Konstruktion aus dunklem Stahl, von der aus der Blick weit schweift. Über diese Brücke rollten einst die Schnellzüge mit Tempo 100 auf die Insel. Noch 1939 konnte man vom damaligen Stettiner Bahnhof an der Invalidenstraße in nur zwei Stunden und 59 Minuten nach Ahlbeck reisen. Doch 1945 sprengte die Wehrmacht die anderen Bauten des Peene-Übergangs, nur die Hubbrücke blieb übrig. Seitdem müssen die Berliner einen Umweg nach Usedom fahren - was die Zugfahrt nach Heringsdorf auf derzeit vier Stunden verlängert hat.Hoffen auf Hilfe aus BrüsselGrubes Kletterpartie am 24. Juli geschah nicht ohne Grund: Er wollte sich selbst ein Bild machen. "Wir setzen uns dafür ein, dass die direkte Strecke auf die Insel wieder aufgebaut wird", sagt der Konzernbevollmächtigte der Bahn, Joachim Trettin. So lautet auch die Forderung des Aktionsbündnisses Karniner Brücke. "Von Berlin nach Usedom staufrei in zwei Stunden - das ist möglich", sagt der Sprecher, Günther Jikeli. Ein Gutachten zeige, dass das 140-Millionen-Euro-Projekt wirtschaftlich wäre. "Heute ist eine Zugfahrt eine Qual", meint der 81-jährige Berliner Herbert Gellhorn, der aus Swinemünde stammt. "Bei einer Fahrzeit von vier Stunden von Berlin nach Heringsdorf lässt doch niemand sein Auto stehen."Darum würde es sich nicht lohnen, auf der jetzigen Umwegroute einen ICE einzusetzen, so der Bahnmanager Ingulf Leuschel. "Unter diesen Bedingungen bekämen wir ihn niemals voll." Zu wenige Reisende würden dafür den Fernverkehrstarif bezahlen. So verließ der Diesel-ICE, der Platz für 203 Fahrgäste hat, die Insel nach der von der Bahn eingefädelten Taufe wieder. Erst wenn die direkte Strecke fertig ist, wäre ein ICE-Verkehr von Berlin nach Usedom möglich, so Leuschel.Jikeli und seine Mitstreiter hoffen nun, dass die Landesregierung sie stärker als bisher unterstützt. "Das wird schwierig", sagte Erwin Sellering (SPD), Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, der Berliner Zeitung. "Wir sind nicht bereit, für die Usedom-Verbindung andere Bahnbauvorhaben, die wichtiger sind, in Frage zu stellen." Der Wiederaufbau werde nur als europäisches Projekt eine Chance haben - die direkte Trasse führt über Swinoujscie (Swinemünde).Um dafür bei der Europäischen Union zu werben, hatte Grube auf der Hubbrücke einen wichtigen Mann dabei: Johannes Ludewig, Exekutivdirektor der Gemeinschaft der Europäischen Bahnen und Infrastrukturgesellschaften in Brüssel. Der Weg nach Brüssel ist auch für Jikeli eine erfolgversprechende Strategie: "Wir lassen nicht locker."------------------------------Karte: Mit der Bahn nach Usedom