Ein Zusammenrücken der Planeten soll Fluten und Erdbeben verursachen: Der Weltuntergang naht wieder einmal

Wieder einmal soll die Welt untergehen. Nachdem am 11. August vergangenen Jahres das Leben trotz der Sonnenfinsternis unbeeindruckt weiterging, wird nun für den 5. Mai der Beginn der Apokalypse prophezeit: Dann, so heißt es, stehen alle großen Planeten in einer Reihe und zerren mit vereinter Schwerkraft am Erdball."Gigantische Flutwellen, Erdbeben, Vulkanausbrüche und Überschwemmungen" sieht der amerikanische Prediger Richard Kieninger voraus. Andere "Experten" sehen die Erdachse kippen und die Polkappen schmelzen. Denn erstmals seit sechstausend Jahren, so schreibt der US-Autor Richard Noone in seinem Buch "5/5/2000", stünden die Planeten Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn alle auf einer "praktisch geraden Linie" im Weltall.Mit Ausnahme des Pluto bewegen sich alle Planeten auf einer Ebene, der so genannten Ekliptik, um die Sonne. Von der Erde aus betrachtet sieht es daher so aus, als ob die meisten dieser Himmelskörper auf der gleichen Bahn ziehen. So kommt es immer wieder dazu, dass mehrere Planeten unseres Sonnensystems in einem engen "Streifen" im All aufgereiht sind. Die Breite dieses Himmelssegments wird in Winkelgraden angegeben. Dabei gilt: Je kleiner der Wert, desto schmaler ist das Band, und desto näher stehen sich scheinbar die Gestirne. Am 5. Mai verteilen sich die Planeten sowie Sonne und Mond allerdings noch über beachtliche 26 Grad am Firmament. Zum Vergleich: Streckt man den Arm aus, so deckt eine Handlänge am Himmel ungefähr 20 Winkelgrad ab von einer "geraden Linie" lässt sich also kaum sprechen (siehe Grafik).Und gar so selten, wie Noone und Kieninger behaupten, ist die Aufreihung der Planeten nun auch wieder nicht. So standen am 4. Februar 1962 alle fünf mit bloßem Auge sichtbaren Planeten sowie Sonne und Mond innerhalb eines Bereichs von nur 17 Grad und die Welt ging nicht unter. Letzteres sollte Esoteriker um so mehr erstaunen, als es am selben Tag obendrein zu einer Sonnenfinsternis kam.Auch in der Vergangenheit sagten Astrologen und Hellseher immer wieder den Untergang der Welt durch das Zusammenrücken der Planeten voraus. So prophezeiten astrologische Schriften für den 15. September 1186 verheerende Stürme und Orkane in aller Welt. Die Planeten näherten sich damals auf elf Grad. Da die Katastrophe ausblieb, deuteten findige Astrologen die Ereignisse im Nachhinein um: Der stürmische Vormarsch Dschingis Khans war demnach die Folge des Zusammentreffens der Gestirne. Dass der Mongolenfürst erst Jahrzehnte später gen Europa zog, beeindruckte die Seher wenig.Im Durchschnitt, so errechnete der belgische Astronom Jean Meeus bereits vor einigen Jahren, kommt es etwa alle 57 Jahre zu einer "Begegnung" der fünf mit bloßem Auge sichtbaren Planeten innerhalb eines Bereichs von 25 Grad. Das engste Zusammentreffen während der vergangenen fünftausend Jahre fand am 27. Februar 1953 vor Christi Geburt statt. Damals versammelten sich Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn innerhalb von nur 4,3 Grad. In jenem Jahr hätte man wirklich davon sprechen können, dass alle Planeten in einer Reihe stehen. Doch selbst wenn tatsächlich alle Planeten auf einer geraden Linie stehen, sind die Auswirkungen auf die Erde nach Angaben von Jean Meeus "völlig unbedeutend".Einzig der Mond und die Sonne können die Erde beeinflussen: Es ist die Anziehungskraft des Mondes, die Ebbe und Flut hervorruft. Der Einfluss der Schwerkraft der Sonne ist im Vergleich dazu erheblich geringer, sie kann aber immerhin den Flutberg merklich verstärken oder abschwächen und so Spring- und Nippfluten verursachen.Das vermögen die Planeten nicht: "Selbst wenn alle mit ihrer Anziehungskraft in die gleiche Richtung ziehen, würde dies den Flutberg gerade einmal um den fünfundzwanzigsten Teil eines Millimeters erhöhen", erläutert der US-Astronom John Mosley vom Griffith Observatory in Kalifornien. Wegen dieser geringen Wirkung kommen manchem der Weltuntergangspropheten Zweifel an der Theorie von katastrophalen Gezeiten. Doch eine drohende Apokalypse lässt sich auch anders begründen: So fabulierten John Gribbin und Stephen Plageman 1974 in ihrem Buch "Der Jupiter-Effekt", die Kräfte der Planeten würden zu gewaltigen Eruptionen auf der Sonne führen. Die von unserem Zentralgestirn ausgeworfene Materie sollte dann die Erdrotation abbremsen und so Erdstöße auslösen. Doch all das, so der Erdbebenforscher Charles Richter, Namensgeber für die Richter-Skala, sei "reine Phantasie".Die vermeintliche Aufreihung der Planeten am 5. Mai bleibt nicht nur ohne Effekt, sondern ist an diesem Tag gar nicht sichtbar, da dann von der Erde aus gesehen die Sonne zwischen den Planeten steht und mit ihrem grellen Licht den Blick verdirbt. Doch in den Wochen zuvor lässt sich am Abendhimmel die Parade der Planeten hervorragend beobachten. Der schönste Anblick dürfte sich am 6. April bieten, wenn die dünne Sichel des jungen Mondes nahe dem Saturn steht und sich gleichzeitig dicht daneben Mars und Jupiter auf ein Grad dem doppelten Durchmesser des Vollmondes nahe kommen. Die spektakulärste Begegnung wird am 17. Mai stattfinden: Die Venus zieht in nur einem hundertstel Grad Abstand am Jupiter vorüber. Doch dieses Ereignis vollzieht sich lediglich eine Handbreit neben der Sonne und bleibt daher für die Menschen unsichtbar.Vortrag: Dieter Hermann, Direktor der Archenhold-Sternwarte und des Zeiss-Großplanetariums in Berlin, spricht dazu am Donnerstag, 27. April, in der Urania: "Bringt uns die Planetenparade im Mai 2000 Springfluten, Orkane und Erdbeben?" (17. 30 Uhr, An der Urania 17, Berlin).Weitere Informationen im Internet: http://www. teleport. com/~tcollins/ conjunct. shtml http://www. badastronomy. com/ bad/misc/planets. html Von der Erde aus gesehen reihen sich fünf Planeten in einem schmalen Band zusammen mit der Sonne hintereinander auf. Die schematisierte Grafik zeigt die Konstellation, die Anfang Mai zu erwarten ist. Ausgerechnet dann ist die Wirkung der Planeten auf die irdischen Gezeiten besonders gering (siehe Kurve oben).GEZEITEN Minimaler Effekt // Die Kurve rechts zeigt, wie die Stellung der Planeten auf die Gezeiten der Erde wirkt.Der Effekt der Venus ist am stärksten. Er erreicht alle eineinhalb Jahre ein Maximum. Selbst dann trägt die Venus 10 000 Mal weniger zu Ebbe und Flut bei als die Sonne. Der Einfluss des Jupiters ist noch geringer. Die anderen Planeten sind vernachlässigbar. (jz. )