Elfi Elektra ist nicht mehr. In ihr vereinen sich die Autorin, die griechische Rächerin ihres Vaters und die patriotisch-weiblich gesinnte Firma für Haushaltsgeräte "Elektra Bregenz". In Elfriede Jelineks neuem Dramentext "Ein Sportstück" hat Elfi den Prolog und den Epilog. Aber im Wiener Burgtheater, in der Uraufführung durch gezählte 142 Darsteller samt Regisseur Einar Schleef kommt sie nicht mehr vor. Die Selbstbezichtigerin, als die sich Elfriede Jelinek da ausliefert, darf keine Rolle spielen. Dafür spielt Schleef eine Rolle.Ach, helfen sie doch mal!Gegen Mitternacht betritt Einar Schleef ­ im Frack, die Schuhe in in der linken Hand ­ ein über den Bühnenboden ausgebreitetes Jelinektuch. Die persönlichsten Zeilen dieses sehr persönlichen "Sportstücks" sind flächendekkend darauf gemalt, eine schulderfüllte Beichte vor dem irre gewordenen Vater, der tot ist, und Schleef schreitet die Buchstaben nun laut sprechend ab. Immer wieder hält er inne wie gekränkt, als ob er durch die Verletzlichkeit der Jelinek die seine ausgeschlossen fühlte. "Papi. Du sollst jetzt bitte auftreten und mir einen Vorwurf machen Wo ich jetzt bin, bist du halt nicht", steht da, und Schleef zeigt überhaupt kein Mitleid. "Ach, Frau Jelinek, helfen Sie doch mal! Da fehlt ein Wort, Frau Jelinek!" sagt Einar Schleef mit halb weinerlicher, halb befehlender Stimme. Die Autorin: "Ich bin die einzige in meiner Nähe." Der Regisseur: "Ich auch, Frau Jelinek! Für mich geniert sich auch jeder!" Die Autorin: "Ich bin so lächerlich, lächerlich!"Ein bewegender Moment. Denn tatsächlich hat der Regisseur vorher schon einiges getan, um sich lächerlich zu machen, im dramatischen Sinn des Wortes. Er hat eine Aufführung inszeniert, die den gewerkschaftlichen Sperrstundenrahmen sprengt, und die zu erwartende Überlänge vor dem Burgtheaterdirektor geheimgehalten wie ein Kind, das sein schlechtes Zeugnis verbergen will. Auf dem Programmzettel steht, heute sei die "Kurzfassung" zu sehen, am Theaterplakat ist als Spieldauer 18 bis 22.50 Uhr angegeben; im Gebäude werben Zettel für eine zehn- und eine 18minütige Pause; aber kurz vor elf ist die zweite Pause noch immer nicht in Sicht. Auf der Bühne löst gerade der Chor in Matrosenuniformen die Darstellerinnen eines "Elektra"-Dialogs von Hofmannsthal ab, da unterbricht Einar Schleef die Vorstellung. Alle Darsteller, so Schleef zitternd, gehen jetzt mit ihm auf die Knie, "damit wir diese Aufführung heute zu Ende spielen können, wenigstens in der Kurzfassung". Die Matrosen auf der Bühne und Schleef vor der Bühne gehen auf die Knie. Aus dem Dunkel, nähe Kaiserloge, Claus Peymanns Stimme. Er rechnet vor, was das nun wieder kostet (etwa 10 000 Mark). Er werde Schleef aber aus eigener Tasche einladen heute, wenn er "vor 1 500 Zeugen" verspreche, morgen brav zu sein. Unter Krämpfen verspricht Schleef irgendetwas und kriegt Taschengeld. Die Matrosen singen "Ein Schiff wird kommen". Zweite Pause. In der letzten Stunde dann der Showdown auf dem Text-Tuch: Schleef steigt mit Jelinek in den Ring und trifft sein Ego. Narzißmus pur, allertiefst verletzlich.Der Chor der Masse und die Ausgestoßenen ­ Schleefs Lebensthema, Jelineks Lebensthema. Es war vorherzusehen, daß es zwischen den beiden nur zu zwei Dingen kommen kann: Zusammenfallen oder Aufeinanderprallen. Schon die Ankündigung des Projekts "Ein Sportstück" machte stupend bewußt, was für ein Seelenverwandtschaftstreffen einen erwartet; daß eine inzestuöse Fernbeziehung da zueinander finden kann, muß. Beide haben sie im Zustand der Krankheit und Isolation einst zu schreiben begonnen, beide sich schreibend an übermächtigen Müttern abgearbeitet (Schleefs "Gertrud", Jelineks "Klavierspielerin"), beide haben früh erkrankte Väter zu beklagen. Ihr ästhetischer Furor in der Sprache, ihre axtscharfe Grundaggression, ihre Hingabe an das große starke Wort, an den Sog der Wiederholung, ihre Besessenheit vom Kampf der Geschlechter und der Massen eint sie über viele Besonderheiten hinweg.Auch eine der Gemeinsamkeiten sind die Wunden, die das Wiener Burgtheater, Metapher des Kunsttempels, bei beiden hinterlassen hat. Jelinek hat sich mit ihrer ketzerischen Groteske "Burgtheater" dieses zum Feind gemacht, und wurde am österreichischen Staatstheater erst vor fünf Jahren zum ersten Mal gespielt, im Haupthaus am Ring noch nie. Schleef wiederum war 1976 aus Ost-Berlin eingeladen worden, um zusammen mit B.K.Tragelehn zu inszenieren. Von Wien aus schickte er sogleich seinen Abschiedsbrief an die DDR und mußte, um Tragelehns ­ später geplatzte ­ Arbeit nicht zu gefährden, die Produktion verlassen. Es dauerte neun Jahre, bis Schleef wieder inszenierte. 1998 also: das gemeinsame Burgtheaterdebüt dieser beiden Ausnahmeerscheinungen.Elfriede Jelinek wandelt im "Sportstück" eines ihrer liebsten Themen neu ab: Sport als (Metapher für) bindende und ausgrenzende Gewalt. Ein zersetzender Text, in seiner lustigen Umständlichkeit verwandt mit Werner Schwab, in seiner galligen Melancholie mit Ferdinand Raimund, in seiner autoritären Anklägerei mit Thomas Bernhard. Mütter in ÜbergrößeJelinek beobachtet österreichische Idole oder Schicksale und verfremdet, erhöht sie. Mütter in Übergröße sehen mit Sorge ihre Söhne in den Krieg des Sports ziehen: "Bitte mein Sohn, gehe heute einmal ausnahmsweise nicht auf den Sportplatz! Ich bin innerlich so bang, daß ich dich nicht wiedersehe!" Aus den Figuren werden Gespenster, "Untote", die aus den Gräbern und Zeitungsfotos herausgeschossen kommen. Ihre Opfer tragen behindernde ­ Heideggersche ­ Gestelle (bei Schleef: Krinolinen), liegen als Menschenbündel am Boden. Aber, und das ist spektakulär an diesem Text: Jelineks Anklage ist immer auch Selbstanklage. Auf dem Friedhof der Untoten waltet sie weinend als Gärtnerin des Grauens.Einar Schleef inszeniert das Stück sehr schön. Er führt es auf seine antikischen Wurzeln zurück, die Darsteller der sportlichen Massen tragen nicht Trainingsuniformen, wie Jelinek sich das ge-