Hätte sich Einar Schleef nicht dem Theater, sondern dem Kino verschrieben, als großen Egomanen zöge es ihn nach Hollywood. Schleef wird für seinen Film der Filme unbedingt teurer als "Titanic"! einen historischen Stoff auswählen, die Geschichte des Prager Golems aus dem 16. Jahrhundert vielleicht, um dann gleich die ganze Geschichte des jüdischen Volkes, ihrer Vertreibung und Ausrottung zu erzählen. Spielberg zeigt sich begeistert, will produzieren. Schleef will noch höher hinaus. Der Plot ist zu simpel, da muß noch mehr rein.Schleef phantasiert von der ganzen abendländisch-bürgerlichen Kultur in einem Film. Vielleicht spielt die Geschichte in Bayreuth, zur Festspielzeit. Die Gewalt geht von einer Horde Skinheads aus, die am Ende sogar das Festspielhaus in Flammen aufgehen lassen. Drinnen probt die heile bürgerliche Welt Wagners "Parsifal", draußen herrscht Bürgerkrieg. Die Horden, genannt die "Haßkappen", ziehen durch die Straßen und brüllen: "Haß, Haß, Haß macht Spaß." Der Soundtrack läßt nichts aus. Von Wagner zu Belcanto zu Mambo, von Jazz bis zu jiddischer Musik. Alles muß rein. Alles, alles, alles. Das Filmprojekt würde natürlich mit Karacho scheitern, aber Legende werden. Im Wiener Akademietheater ist das Projekt genau so auf die Bühne gekommen, ohne viele Schnitte. Ulla Berkwicz, früher Schauspielerin, inzwischen Autorin mehrerer Romane und zweier Theaterstücke, hat den "Golem von Bayreuth" 1994 als "Musiktheaterspiel" geschrieben. Die Musik hat ihr Bruder Lesch Schmidt beigesteuert. Schleef verleibt sich das Projekt zwar erwartungsgemäß ein, entwirft seine eigenen Bilderwelten, wirkt aber, als ob ihn die Musik szenisch mitunter völlig lähmen würde.Die Zerstörung des Golem in einem kleinen Holzhäuschen, ähnlich einer Sauna, mit einer Lichtöffnung in Form eines Davidsterns, findet fast ohne szenisches Zutun statt: moderne Oper, wie man sie auf keinen Fall sehen möchte. Nach der Pause wird es noch minimalistischer, ganz und gar konzertant. Musiker machen auf der Bühne Musik. Hin und wieder werden Kinder in leuchtstiftgelben Verkehrssicherheitsmäntelchen von männlichen Bunny-Häschen über die Bühne gejagt.Die nicht endenwollenden Publikumsmarterszenen sind diesmal nicht szenischer Natur, keine Drillturnszenen wie im "Sportstück", sondern endlose Musikschleifen. Schleef hat, wie in allen seinen drei Wiener Inszenierungen, dramaturgisch den Bogen nicht gekriegt. Seine Materialsammlung hat diesmal aber im Unterschied zum "Sportstück" nur wenig Beeindruckendes, ist zu sehr zur Musikrevue mutiert.Obwohl gerade der Anfang sehr vielversprechend war: Wagner-Chöre auf der Bühne, Haß-Chöre im Publikum und Schleef in schwarzem Anzug mit rosa Hemd und oranger Fellkrawatte als Stadtrat von Bayreuth unter den Zuschauern. Brüllend in einem Moment und im nächsten sanft flüsternd. Abwechselnd teilt Schleef Zuckerbrot und Peitsche aus: "Es ist Krieg, meine Damen und Herren, Krieg, aber unser! Parsifal findet statt!" Schleef in seiner Paraderolle: als Einheizer, Diktator, der den Kampf anführt. Hier den Kampf der Töne.In diesen ersten Minuten füllt sich der Theaterraum mit Klangflächen, die sich miteinander im Kriegszustand befinden. Was darauf folgt, wirkt weitaus harmloser. Eine Art "A Chorus Line" für Erwachsene: Mach mal Step-Tanz zu "Wir-setzen-Gott-ab"! Und jetzt alle, als Gruppe. Aus dem Dompteur Schleef wird ein Arrangeur, aus dem Totalangriff auf das Publikum eine Revue. Am Ende siegt Bayreuth.