Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, - an eine Krise, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Collision, an eine Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit", zitierte vor gut zwei Jahren noch Einar Schleef in seinem Kapellmeisterfrack Nietzsche: mit gebändigtem Stottern, hohepriesterlich-prophetisch monologisierte er vierzig Minuten ununterbrochen, als sei er ein Staudamm, der jeden Augenblick brechen könne, wenn wir ihn, Schleef, nicht gewähren ließen. Ein Leitungsschaden trat auf, über die Bühne zuckte plötzlich ein Blitz, als hätte Schleef ihn bestellt. Man war gegen das Unerwartete nie gefeit. Schleef als Schauspieler wie als Regisseur war nicht von dieser Welt, nur auf sie bezogen wie kein anderer der deutschen Reiseregisseure. Heimatlos geworden, suchte er sie bei sich selbst. So starb er.Der Sonderfall des deutschen Theaters spielte seine letzte Rolle als Friedrich Nietzsche in seiner letzten Inszenierung "Verratenes Volk" im Deutschen Theater. Kein Zweifel, dass er Mensch und Dynamit auf sich bezog. Das Theater des Einar Schleef ist schon so tot wie sein Meister, der in Sangerhausen neben seiner Mutter ruht, wie Nietzsche neben der Seinen in Weimar. Schleefs Theater war einzig er, und es war nie ein Kammerspiel wie jetzt in der Volksbühne.In der Uraufführung von Schleefs nachgelassenem Stück "Nietzsche-Trilogie", die der Regisseur Thomas Bischoff am Mittwochabend herausbrachte, ist kein Sprengstoff enthalten, vielleicht das Bleierne der Zeit. Schleefs Stück ist hier jetzt eines über die Privatheit Nietzsches, kaum mehr. Die Familie am deutschen Heim und Herd, - Mutter, Schwester, Sohn. Die steinige Textvorlage hätte nur durch Schleefs Mitwirkung zum Theater werden können, er hätte gewusst, was er sich gedacht hat beim Schreiben, wie Heim und Herd, Gekeife und Gedrücke hätten inszeniert werden müssen, um eine Metapher für das Jahrhundert zu werden wie alle seine Stoffe. Schleef war Dynamit, Bischoff nasses Pulver.Das Unikat Schleef, das in chorischen Szenen Massen in Soldatenmänteln oder mit nackten Leibern über die Bühne trieb, um die Abgründe zu zeigen, Schleef, der Schweiger und Stotterer, der Regisseur, der weder Schüler noch Nachfolger hat, bestenfalls Kopisten, ist einsam, sehr einsam vor neun Monaten aus dieser Welt geschieden. Und schon bemächtigt sich die landesweite Sangerhäuser Theaterheimatforschung des Erbes, indem sie die Parallelität der Genies Nietzsche und Schleef heimatkundlich belegen möchte. Die deutsche Oberlehrerei tut seinem Theater nicht gut.Nietzsche/Schleef wiederfahre den Deutschen alle hundert Jahre einmal, sagt sie im "Spiegel" und anderen Blättchen: Geburt 1844/1944, erstes öffentliches Auftreten 1872/1972. Das Schicksalsjahr 1876/1976 wäre für den Älteren der Bruch mit Richard Wagner, für den Jüngeren die Lossagung von der DDR, indem er nach der Biermann-Affäre und der Absetzung von Ruth Berghaus als BE-Intendantin im Westen blieb (Wo er doch nichts anderes tat, als die Erfahrung Sangerhausen-DDR zu reflektieren). 1889/1989 bricht Nietzsche in Turin zusammen, in Berlin fällt die Mauer. Das Unangenehme an solchen Vergleichen ist, dass Schleef dann zu spät gestorben wäre, Nietzsche fuhr elf Monate jünger in die Grube. Was man nach der Arbeit Thomas Bischoffs einzig dazu sagen möchte, wäre: Ach, hättest du geschwiegen, wärest du ein Weiser geblieben. Der Hersteller der Aufführung, die ihm Schleef zugebilligt habe, legte eine enthusiastische Handreichung, ein Manifest der eigenen Wichtigkeit ins Foyer der Volksbühne: "Einar Schleef kannte die Wahrheit." Wir hätten sie gern gesehen. Solche Gelübde sind Unsinn. Schleef vertrat seine Wahrheit, und darin war er groß, dass er die Zuschauer zwang, sich an ihr zu messen. Sätze der Gewissheit, die Bischoff aufschreibt, wo er zu inszenieren hätte, nähren den Verdacht, dass er sich selber meint. Um mit Schleef zu konkurrieren, ist der Reisekader (Bremen, Hannover, Düsseldorf) viel zu fleißig.Die Uraufführung der "Nietzsche-Trilogie", bestehend aus den Szenen "Gewöhnlicher Abend", "Messer und Gabel" und "Ettersberg" war für Juni vorigen Jahres geplant. Der kranke, heimgekehrte Philosoph steht zwischen Mutter und Schwester, sein Denken ist erloschen, das Gezerre um die spätere Verwertung seiner früheren Gedanken beginnt. Schleef wollte den Sohn, Edith Clever die deutschtümelnde Schwester spielen. Die Proben begannen nicht.Bischoffs Ausstatterin Uta Kala hat in Berlin auf der Drehbühne ein bedrohliches Arrangement kühl gekachelter Räume aufgestellt, wie bei politischer Lage nicht anders zu erwarten: in rotgrün gehalten. Am Ende, wenn die Szene "Ettersberg" gespielt sein wird, die ein Spaziergang der drei Figuren auf den Berg bei Weimar ist, werden diese Wannenbäder oder Schlachtereien, die sich immerfort drehen, in braunem Licht liegen. Als Assoziation zum Konzentrationslager mag es der Autor gemeint haben, der Text ist so lesbar. Das komödienhafte Keifen der Mutter, die der doppelten Einprägsamkeit wegen von zwei Darstellerinnen alter Schachteln mal gleichzeitig, mal wechselnd gegeben wird, dazu die fahrende Bühne als Bild für das wiederkehrende Schicksal, des fruchtbaren Schoßes noch, ist recht juvenil und eher modisch freie Szene.Der Darsteller des Sohnes, Herbert Fritsch ein Missverständnis, eine Taktlosigkeit, das Gegenteil des Prophetischen. Ein reifes Bubi mit ödipalen Komplexen. Von da kommt Schleef, aber er verfeinerte Ödipus zur Künstlerexistenz, nicht zum Weichei. Fritsch zwängt sich in der Ettersbergszene in Schleefs Kapellmeisteranzug und macht ihn zum Münchner Biergartenkellnerdress, wie er in seinem Tonfall sich prostituiert, spitzlippig wartet, reifknäbisch sich dem doppelten Muttchen fügt, das ihn hart bürstet. Kein Innenleben wird kenntlich gemacht. Jennifer Minetti und Karin Neuhäuser als die zweifache Mutter sind großartig, wo sie ins Kabarett fallen, zwei, die man geistig geführt gern wiedersähe. Silvia Rieger, die mehrere hohe Textberge aufzusagen weiß, hat vielleicht den Sinn der Worte bloß nicht verstanden.Das Exaltierte langweilt. Die Wortkaskaden gipfeln einmal in dem Satz "Das Böse ist des Menschen beste Kraft." Man sah das Böse nicht, nur das schrecklich Gute. Das Publikum lichtete sich. Die Wahrheit geht nun so: Gott ist tot, aber die Mama lebt.Nietzsche-Trilogie // Autor: Einar Schleef; Regie: Thomas Bischoff; Bühne und Kostüme: Uta Kala; Licht: Henning Streck.Darsteller: Jennifer Minetti - die Mutter, Karin Neuhäuser - die andere Mutter, Silvia Rieger - die Tochter, Herbert Fritsch - der Sohn, Frank Büttner - Nietzsches Schatten Nächste Aufführungen: 27. ,30. 4.DRAMA Zwischen den Damen der reife Knabe: Karin Neuhäuser, Herbert Fritsch, Jennifer Minetti (v. l. ).