BONN, 22. September. Die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft für Ausländerkinder würde nach Ansicht der CSU zu einer dauerhaften Mehrheit für SPD und Grüne in Deutschland führen. In einem internen Papier der CSU-Landesgruppe, das wenige Tage vor der Bundestagswahl gezielt an die Öffentlichkeit gelangte, wird SPD und Grünen unterstellt: "Es geht um den unverhohlenen Versuch, auf Jahrzehnte eine rot-grüne Mehrheit in Deutschland über den Umweg der massenweisen Schöpfung von Wahlberechtigten zementieren zu wollen. Dies käme einem dauerhaften Wahlbetrug an der heutigen deutschen Bevölkerung gleich." Die CSU werde diese Aktion "Wählerbeschaffung für Rot-Grün en gros" nicht zulassen.SPD und Grüne haben die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts für den Fall eines Wahlsiegs angekündigt. Die SPD will Ausländern nach acht Jahren Aufenthalt in Deutschland das Recht auf Einbürgerung zusprechen, Bündnis 90/Grüne nach fünf Jahren. Die Forderung nach einer doppelten Staatsbürgerschaft für Ausländerkinder wird auch von der FDP und Teilen der CDU vertreten.Wenn sich die SPD mit ihren Plänen durchsetzte, könnten nach der Rechnung in dem CSU-Papier rund 3,2 Millionen Menschen ausländischer Herkunft bei der Bundestagswahl mitwählen, nach dem Konzept der Grünen sogar 4,2 Millionen Menschen. Für die Bundestagswahl 2002 rechnet die CSU laut dem Papier mit rund 5,5 Millionen zusätzlichen Wahlberechtigten, "davon etwa 1,5 Millionen türkischstämmig", wie vermerkt wird.Nach einer repräsentativen Umfrage wollen 90 Prozent der 160 000 türkischstämmigen Erstwähler am 27. September entweder SPD und Grüne wählen, nur zehn Prozent die Koalitionsparteien. Für diese Umfrage in der Zeit vom 2. August bis 4. September befragte das Essener Zentrum für Türkeistudien (ZfT) 1 060 Bürger. Die CSU-Landesgruppe folgert daraus: "Wie sensibel die Frage der Neugewichtung dieser wachsenden Wählergruppe ist, zeigt die Tatsache, daß knapp 150 000 Stimmen Vorsprung über das Ergebnis der Bundestagswahl vor vier Jahren entschieden haben."Özdemir weist Kritik zurückHeftige Kritik übt die CSU an dem türkischstämmigen Grünen-Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir und zitiert ihn mit dem Satz: "Was unsere Urväter vor den Toren Wiens (1683 mit Feuer und Schwert) nicht geschafft haben, werden wir mit unserem Verstand schaffen." In dem Papier wird gefragt: "Wollen die Grünen allen Ernstes eine ,islamische Republik Deutschland ?" Özdemir hatte bereits vergangene Woche erklärt, daß er diese Äußerung so nicht gemacht habe. Er sei von einer türkischen Zeitung falsch zitiert worden.