Applaus. Johlen. Pfiffe. Blitzlichtgewitter. Aber kein Star weit und breit. Kein Staatsgast. Was das Entzücken in dem neuen U-Bahnhof des Hauptbahnhofs verursacht, ist eine 30 Jahre alte U-Bahn des Typs F 79 mit modernisiertem Innenraum und einem Kranz aus Plastikgrün, die quietschend vor einer begeisterten Menschenmenge zum Stehen kommt. Diese Bahn pendelt nun auf der Linie 55 vom Hauptbahnhof über den Bundestag zum Brandenburger Tor und zurück. Und damit wird sie zum Symbol eines fast 14 Jahre dauernden, 320 Millionen teuren und in Berlin kontrovers diskutierten Großprojektes der Stadt.70 000 Fahrgäste kamen am Sonnabend, um als erste auf der 1,8 Kilometer langen Strecke der so genannten Kanzler-Bahn zu fahren. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bezeichnete die Strecke als "U-Bahn der Einheit". "Ohne den Fall der Mauer und den Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin wäre sie nicht gebaut worden", sagte er vor der ersten Abfahrt. Gestern kamen noch einmal rund 10 000 Neugierige zum Gucken und Fahren.Fast eine Stunde vor der öffentlichen Jungfernfahrt am Sonnabend standen schon die ersten U-Bahn-Liebhaber am Eingang an der Invalidenstraße. Gefachsimpelt wurde vor allem über Sinn und Zweck der U 55. Darunter war auch der 16-jährige Dario Peschan. Den Bau der Strecke hat er aufmerksam verfolgt. Vier Stunden lang hat er zugesehen, wie ein Zug per Kran in den Untergrund hinabgelassen wurde - schließlich hat die Stummel-U-Bahn keine Verbindung zum sonstigen U-Bahn-Netz. Er steht dem Projekt kritisch gegenüber. "Bis die Verlängerung zum Alexanderplatz nicht gebaut ist, lohnt sich die Strecke doch nicht", meint er. Wie viele der Wartenden wollte er die erste öffentliche Fahrt der U 55 erleben und hatte sogar das Glück, rechtzeitig im ersten Zug zu sitzen. Der fuhr nicht wie angekündigt um 11.05 Uhr, sondern schon um 10.55 Uhr. Mit einem sicheren Platz im Abteil verblasste plötzlich alle Kritik. Es zählte für Dario Peschan nur noch das "erfrischende" Design der Station im Hauptbahnhof und die "edle" Gestaltung des Bahnhofs Brandenburger Tor. Dieser avancierte schnell zum Publikumsliebling. Den Besuchern gefiel vor allem die helle Gestaltung und die Dauerausstellung zur Geschichte des Brandenburger Tors als Symbol der Vereinigung.Weniger beliebt war die Station des Bundestages, die oft als "kalter Betonklotz" bezeichnet wurde. Auch mit Live-Musik und Straßenkünstlern waren die Kritiker nicht zu besänftigen. Die U-Bahnwaggons wurden zur Diskussions-Arena. "Es ist nichts Neues in den Bahnhöfen zu sehen", meinte ein Mediendesigner aus Reinickendorf. "Runde Säulen, rechteckige Fliesen und auch die Rolltreppen sind nichts Neues." Dass dafür so viel Geld ausgegeben wurde, wunderte ihn. "Statt U-Bahn hätten sie lieber etwas Innovatives, wie eine Magnetschwebebahn bauen sollen."Bis auf einige Kleinigkeiten - teilweise falsche Zeitangaben auf den Anzeigetafeln und stillstehende Rolltreppen am Bundestag und Brandenburger Tor - verlief der erste Betriebstag der U 55 erfolgreich."Ich finde die Bahnhöfe schön groß und hell", sagte eine Frau. "Sie repräsentieren unsere Stadt und das kann ruhig was kosten." Und man solle doch bedenken, dass sie wohl noch in 100 Jahren stehen. Bis dahin dürfte auch die Verbindung zum Alexanderplatz existieren - mit drei weiteren Bahnhöfen als Diskussionsobjekte.------------------------------1,8 Kilometer langKeine Signale: Auf der Strecke zwischen Hauptbahnhof und Brandenburger Tor pendelt eine Bahn, die ohne Signale auskommt.Kürzeste Linie Berlins: Mit 1,8 Kilometern ist die U 55 die kürzeste Linie mit einer Fahrtzeit von zwei Minuten.Nur ein Fragment: Die Linie ist nur ein Stück der geplanten U 5-Verlängerung. Sie soll künftig über drei weitere Stationen (Unter den Linden, Museumsinsel und Berliner Rathaus) zum Alexanderplatz führen. 2010 geht der Bau weiter. Bis 2015 soll das Teilstück Alexanderplatz-Rathaus fertig sein - der Rest 2017.------------------------------Foto: Der Hauptbahnhof aus ungewohnter Perspektive - nun kann man das Bahndrehkreuz auch per U-Bahn erreichen.Foto: Begehrtes Fotomotiv für Bahnfreunde: Der erste Zug fährt im U-Bahnhof unterm Hauptbahnhof ein.