Das war einst ein Skandal, dieses Sittenbild aus der Provinz. Dies Buch hatte, bevor es zur Weltliteratur kanonisiert wurde, explosive, das Denken, Fühlen und die Sitten verändernde Kraft.157 Jahre später sehen wir im Maxim-Gorki-Theater nach gut drei Stunden bei Julischka Eichel die Madame Bovary abermals dahingehen und - ja, und was will uns das? "Ein krampfhaftes Zucken lief durch ihren Körper, dann sank sie auf das Bett zurück. Sie lebte nicht mehr". So stirbt Madame Bovary bei Gustave Flaubert. Sie hat Arsen genommen, sie hat nicht mehr weitergewusst. Das war damals, als die Geschichte von einer jungen Frau erschien, die aus der Enge ihrer Ehe in Romanlektüre-, Liebhaber- und Shoppingparallelwelten flieht und verschuldet, enttäuscht, desillusioniert stirbt, ein schlimmer Tod, aufreibend sachlich vermeldet von ihrem Autor, der gestand, beim Schreiben dieser Sätze selbst das Arsen auf der Zunge gespürt zu haben.Julischka Eichel teilt uns in den Sterbensworten ihrer Bovary an diesem Abend mit: "Da bleibt jetzt nichts von Wert, nix was man retten müsste an dieser Person/Wenn sie noch ihre Schönheit verliert, der Körper schlaff wird, was bleibt dann? Nichts. Der bloße Ekel." Mit einem Skalpell bringt sie sich zu jenem Tod, den Eichel in aufreibender Nüchternheit als Erzählerin vermeldet: "Sie muss sich kreuz und quer den Bauch aufschneiden die/Brüste zerschneiden bis es soweit ist und das Blut endlich strömt." Mit den Fingernägeln scharrt sie sacht über die giftgrüne Bühnenwand. Sie sinkt in die Knie, schlüpft aus ihrem Rock. Zurück bleibt rotes, verknittertes Stoffstück. Ein leerer Lappen, ein ausgehauchtes Leben.An diesem Abend geht keine Madame Bovary von uns, es endet das Leben von Frau Nachbarin. Es stirbt hier eine junge, verzweifelte, trotzige Frau, die gern eine Madame von Welt wäre, aber in der Enge von Rollen- und Wunschbildern gefangen bleibt. Dass sie darin dennoch eine Madame Bovary bleibt, dass diese Inszenierung also der Vorlage folgt und sie zu gleichen Teilen verlässt, verändert, umgestaltet, macht den Abend zu einem Fall von Romanbearbeitungstheater, der beinahe das gesamte Spektrum des Pro und Contra dieser beliebten Stadttheaterbeschäftigung enthält. Im übrigen erweist sich die Vorlage, wenig überraschend, als großräumig genug, dass auch unsere Gegenwart darin noch Platz findet.Die Kunst des DoppelblicksDie junge Regisseurin Nora Schlocker, derzeit Hausregisseurin am Nationaltheater Weimar, demnächst in selbem Amte am Schauspielhaus Düsseldorf beschäftigt, ließ sich für ihre Weltliteraturgipfelbesteigung eine klare, straffe Fassung der jungen Dramatikerin Tine Rahel Völcker verfertigen. Völcker hat, notgedrungen, viel weggelassen und Entscheidendes hinzugefügt: Der Niedergang von Madame Bovary wird hier nicht in den Koordinaten moralische Schuld und finanzielle Schulden verhandelt und verliert dabei auch jeden Verdacht der Schicksalhaftigkeit. Frau Bovary ist ein Mensch, der nicht weiß, in welche Rolle er gehört und darum verschiedene Schubladen als Selbstversteck probiert. Die Gattin, die Mutter, die Liebhaberin, die Duldende, die Trotzige, die Mutige.Julischka Eichel spielt dieses Rollenhopping als Drama der Blicke. Zu erleben gibt es den langen, vielsagend nichtssagenden Blick, den melancholischen Dackelblick, den Trocken-, den Wut-, den Sehnsuchtsblick. Sie kann dabei von der einen Blickweise in die andere switchen, manchmal ist es gar, als sei das linke Auge mit Trauer, das rechte mit Trotz beschäftigt. Flauberts "Madame Bovary" leidet an der Verwechslung von Wahn und Wirklichkeit; bei ihm ist sie die Schwester des Don Quijote. Eichels Bovary leidet an Seelennervosität; bei ihr ist sie unser aller Schwester, ein gehetztes Subjekt, das sich im Überangebot der Rollen- und Ich-Vorlagen für keine zu entscheiden weiß. Der Mensch der Gegenwart: eine fremdgesteuerte Billardkugel, die sich frei wähnt. "Immer von einem Verlangen gelockt/ Immer von einem Zwang gehalten/ Was ist denn das -" ruft Eichel einmal, mit Angstblick, am Fuß der steilen, blumenteppichbelegten Bühnenschräge, direkt ins Publikum hinein. Ja, wüsste man das.Soziologisch, philosophisch, mentalitäts- und rezeptionsgeschichtlich geben Schlocker und Völcker mit ihrer Flaubert-Fassung reichlich zu denken. Dramaturgisch haben sie sich nicht minder knifflige Hürden geschaffen. Im ersten Teil probiert sich der Abend als stolperiges Stationendrama. Die Figuren und Szenen treten wie Stichwortgeber auf, was die Inszenierung in seltsam wattige Konturlosigkeit schliddern lässt. Es gibt einzelne, prägnante Momente in einer Szenenstoppelei, die kaum zu einer Spannungs-, Handlungs- oder Bildlinie findet. Alexander Fehling, auf der Berlinale eben noch in Andres Veiels RAF-Film "Wer wenn nicht wir?" dabei, lässt seinen Charles Bovary hängeschultrig und blasslippig und damit betont emotionswabbelig neben seiner Figur und seiner Gattin Emma Bovary hertapsen, als habe er sich auf einen fremden Kontinent verirrt. Ronald Kululies befüllt den Rudolphe (Emma-Liebhaber I) mit saftiger Kotzbrockigkeit, Albrecht Abraham Schuch ummantelt seinen Leon (Emma-Liebhaber II) mit softer Zittrigkeit. Wilhelm Eilers pflanzt einen strammen Apothekermenschen auf die Bühne, Sabine Waibel schlendert elegant zwischen den Rollen der Frau Mutter und der feschen Lheureuse, bei Flaubert ein garstiger Wucherer, hier eine Boutique-Besitzerin. Gendermäßig auch interessant.So geht das bis zur Pause: Ein jeder stapft durch den Bovary-Kosmos. Geigen aus den Boxen, ein Tänzer als symbolistisches Szenensurplus. Ein nervöses Zeitalter wird illustriert, und die Inszenierung verfällt in Szenenschnappatem.Dann aber, nach der Pause, wenn sich der Abend von der Vorlage weiter entfernt und zum eigenen Rhythmus findet, wenn die Bühne auseinanderfällt und Eichel nicht mehr nur mit ihrem Reifenrockunterbau, sondern mit dem ganzen blutroten Rockstoffuniversum heftige Kämpfe führt, wenn das Licht sich Extravaganzen erlaubt und alle in einen Existenzstrudel gerissen werden, wenn das Szenen-Tanderadei sich zu einem Gesellschaftsbild verdichtet, ist diese Inszenierung endlich dort, wo sie hinwill: ganz bei Flaubert, ganz in der Gegenwart.Und das Finale: kein Sittenbild, sondern eine Abrechnung. Emma ist tot, Julischka Eichel erscheint als Emma-Tochter Berthe im Armutsarbeitskittel: "Gehe abends trinken in der Kneipe ums Eck /trinke den Lohn /so frei will ich sein." So unfrei sind die Kinder der Freiheitssucher, also wir. So arm ist, was von den Versprechungen der Freiheit geblieben ist. Ein Skandal.-----------------------Madame Bovary 25.2. + 3., 20., 28.3., Maxim-Gorki-Theater, T.: 20 22 11 15.------------------------------Foto: Das hilft der Ehe auch nicht: der Gatte (Alexander Fehling) beim Sport, die Gattin im kurzen Modischen (Julischka Eichel, l.).