Nur eine Zeitung mäkelte, als das Maison de France eröffnet wurde, und das war ausgerechnet die Berliner Zeitung. Das ist jetzt sechzig Jahre her und es herrschte Kalter Krieg, darum mögen es unsere geschätzten Nachbarn hoffentlich nachsehen. "Reaktion, Dekadenz, Flucht vor der Wirklichkeit, pompöse Selbstgefälligkeit und schöngeistiges Philistertum" erblickte die damalige Reporterin in den Regalen der Buchhandlung. "Und die ganze Skala der Verräter ist natürlich an guter Stelle untergebracht" - das waren die Literaten André Gide und André Malraux, die sich in den 1930er-Jahren vom Kommunismus losgesagt hatten und die Missstände unter den osteuropäischen Regimes anprangerten.Die West-Berliner dachten natürlich ganz anders über das neue französische Haus am Kurfürstendamm Ecke Uhlandstraße. Nach der Eröffnung am 21. April 1950 strömten die Bürger staunend in das Kulturzentrum samt Kino, Bar, luxuriösem Warenangebot und Restaurant mit Orchesterbegleitung. Das Cinema Paris gibt es bis heute mit seinem Fünfziger-Jahre-Schick und das Institut français mit seinen Sprachkursen, dem Kulturprogramm, überhaupt seiner Mittlerfunktion ist aus Berlin nicht wegzudenken.Seinen 60. Geburtstag begeht das Institut mit etwas Verspätung und einer interessanten Ausstellung zur eigenen Geschichte. Sie führt zurück in die Zeit nach dem Krieg, als die Westallierten ihre Sektoren der eingekesselten Stadt zum Schaufenster des Westens ausbauten, die Deutschen mit Kunst und Lebensart von den Vorzügen der Demokratie überzeugen wollten. In der eigenen Besatzungszone, die im Norden und zu weit ab vom Stadtzentrum lag, wollten die Franzosen sich mit dem Kulturzentrum nicht ansiedeln.So beschlagnahmten die britischen Behörden das kriegszerstörte "Haus Scharlachberg", einst ein Gründerzeitpalast, den die Architekten Luckhardt & Anker in den 1920ern mit neusachlichen Fensterbändern modernisiert hatten. Hans Semrau baute die Teilruine mit eleganter Fassade wieder auf, die zum Wahrzeichen dieser Straßenecke wurde. Filmaufnahmen zeigen die Eröffnung mit all den Besatzungsoffizieren, aber auch das zerstörte Gebäude nach dem Bombenanschlag im August 1983. Dabei starb der Radrennfahrer Michael Haritz; der Drahtzieher hinter dem Attentäter Hans Weinrich war der Terrorist Carlos, der seine Geliebte aus französischer Haft freipressen wollte. Nach der Wende kam heraus, dass auch die Stasi in die Vorbereitung verstrickt war.Hans Arp, Cocteau, Bernard Buffet, Le Corbusier - die ganze französische Moderne war in den ersten Jahren im Institut français zu sehen. Die neuesten Filme und Theatergastspiele kamen aus Paris; Michel Butor, Nathalie Sarraute und Alain Robbe-Grillet erklärten ihre Thesen zum "nouveau roman". Claude Simon reiste mehrfach an und handelte 1987 tausend Mark Honorar aus, während Marguerite Duras wegen Überlastung absagte. Von allen, auch von Filmregisseur René Clair oder der Fotografin Gisèle Freund, kann man nun handschriftliche Briefe betrachten. Der Philosoph Jean-François Lyotard schickte sogar ein eng beschriebenes Manuskript mit der Konzeption eines Seminars nach Berlin.Seit 1984 unterhielt Frankreich als erstes westliches Land, auch ein Kulturzentrum in Ost-Berlin, an prominenter Stelle Unter den Linden. Es wurde nach der Eröffnung fast überrannt. Die Sprachkurse waren sofort ausgebucht, Studenten der Humboldt-Universtität ließen ihre Vorlesungen sausen, um sich für die Lesekarten in der Bibliothek anzustellen: Dort waren Westzeitungen frei zugänglich. Die Stasi war weniger begeistert. "Wie kann die Einladungspolitik kontrolliert werden", fragte sie vorab in einem dreiseitigen Protokoll.Die Institutsmitarbeiter ließen sich von der Überwachung ebenso wenig abschrecken wie die Pariser Intellektuellen und Künstler, die gern nach Ost-Berlin kamen. Der Fotograf Henri Cartier-Bresson schreibt dankbar, dass seine Bilder dort gezeigt wurden. Als dann die Mauer gefallen war, gab es praktische Hilfe: Notfallfranzösisch für die erste Frankreichreise.Seit 1995 ist wieder alles im Maison de France konzentriert. Und als sich die in Berlin ansässigen Franzosen im Juli 1998 spontan versammelten, um den errungenen Weltmeistertitel ihrer Fußball-Equipe zu bejubeln, gab es dafür nur einen Ort: Kudamm Ecke Uhlandstraße.-----------------------Institut français, Kurfürstendamm 211. Bis 23. Oktober, Mo 14-18, Di/Fr 14-19, Mi/Do 12-19, Sa 11-15 Uhr.------------------------------Foto: Seit 60 Jahren: ein Stück Frankreich am Kurfürstendamm.