Wieso wollte er ein Schwan sein? Wenn Luther sich als Adler oder Falke gesehen hätte, als einen jener scharfsichtigen Vögel, denen der böhmische Reformator Jan Hus zutraute, sein Werk fortzusetzen, dann wäre alles einfacher zu erklären. Denn Hus, der 1415 als Ketzer verbrannt wurde, hatte sich mit einem Wortspiel verabschiedet. Er nannte sich eine zahme Gans, was nicht so originell war, denn "Hus" hieß auf deutsch "Gans". Und Jan Hus sagte, er hoffe auf die kommenden Adler und Falken des Glaubens.Der größte Nachfolger des Böhmen aber verglich sich mit einem Schwan. Als Luther 1531 das Hussche Erbe für sich reklamierte, nahm er dieses Symbol an: Luther behauptete, Hus habe prophezeit, man würde in hundert Jahren statt einer schnatternden Gans einen singenden Schwan hören. Und er fügte hinzu, daß Hus ihn, Martin Luther, damit gemeint haben müsse. Von einem Adler sagte der Wittenberger nichts.Vielleicht kannte Luther eine Volkslegende, die der Gans Hus einen Schwan gegenüberstellte, vielleicht hatte sich ihm jenes Bilderpaar aus Versen des Altertums eingeprägt. In jedem Fall lud Luther das Symbol theologisch auf: In einer Tischrede beschreibt er den Schwan als Sinnbild seiner Kirche. Auch diese sei wahrhaft "schwimmfüßig", sie stütze sich auf ein starkes und festes Fundament, das nicht einmal von den Pforten der Unterwelt zerstört werden könne.Der Reformator gab seinen postumen Verklärern ein Bild an die Hand, mit dem sich arbeiten ließ. Der Schwan bekam einen festen Platz in den Bildkompositionen des 17. und 18. Jahrhunderts. Auf Kupferstichen, Zeichnungen, Gemälden und Bibeln wird er dem Reformator zur Seite gestellt. Mal erscheint er als lieblicher Sänger, mal als wehrhafter Verteidiger Luthers.Martin Treu, der Direktor der Wittenberger Lutherhalle, erblickte in jenem Schwan zunächst eine Seitenarabeske im Stammbaum der Lutherbilder. Dann aber zeigte sich, daß die Arabeske eine Lücke von zwei Jahrhunderten füllte und somit keine sein konnte. Sie wurde für Treu vielmehr zum "Leitfossil" der bildlichen Verehrung Luthers im 17. und 18. Jahrhundert.So steht der Schwan für die Wittenberger Pfleger des reformatorischen Erbes zwischen den Cranachschen Luther-Bildnissen des 16. und den Luther-Statuen des 19. Jahrhundert. Diese These führte Martin Treu und die Mitarbeiter der Lutherhalle zu ostfriesischen Kirchen und wieder in die eigenen Magazine. Dort entdeckten sie den Schwan als Wetterfahne vieler lutherischer Gotteshäuser, hier eine Fülle der Schwanen-Bilder. Im Eislebener Geburtshaus des Reformators fand sich der Vogel gar als versilbertes Denkmal, das nach reichlich ungesicherten Berichten Luther als Lesepult gedient haben soll. Und aus Trebur kam die Nachricht, daß in der dortigen Laurentiuskirche eine Luther-Statue mit Schwan das Mittelschiff dominiere. Wetterfahne, Lesepult und Statue sind nun als Leihgaben in Wittenberg zu sehen. Denn so wie die Kirche das Jahr 1996 Luther weihte, so stellt die Wittenberger Lutherhalle den Reformator ins Zeichen des Schwans. "Luther mit dem Schwan" ist die größte Sonderausstellung des Reformationsmuseums seit seiner Wiedereröffnung im Jahr 1983. Und doch ist sie nicht ausufernd, sie zeigt eben nicht den ganzen Luther, sondern den im 17. und 18. Jahrhundert bildlich Verehrten. Sie präsentiert Gemälde und Figuren "mit Schwan", die bislang oft nur Kirchgängern bekannt waren, aus deren Gemeinden die Exponate stammen.Martin Treu sieht die Ausstellung als "eine Probebohrung", die sich zu einer frühen Schicht der Lutherverehrung vorarbeitet und Historikern neue Fragen stellt. Das tut die Exposition in der Tat. Und auch wenn man sich an manchen Stellen eine tiefere Bohrung gewünscht hätte - die Schau "mit Schwan" verzichtet in wohltuender Weise auf die Reproduktion des weithin bekannnten Lebensund Werkes Luthers. Sie zeigt vielmehr den Wunsch der Menschen, einen der Ihren bildlich verehren zu wollen. Und sie bietet einen Blick auf Luthers Verhältnis zu Hus und die letzten Stunden des schon zu Lebzeiten verklärten Reformators.Abgerundet wird die Sonderausstellung durch einen Katalog, der verschiedene Essays versammelt, die zusätzliche "Tiefenbohrungen" vornehmen. So leuchtet zum Beispiel Siegfried Hoyer das Thema Luther, Hus und die "Böhmen" aus.Daß Luther sich Hus theologisch überlegen fühlte, ist bekannt. Vielleicht war es die Eitelkeit des Wittenbergers, die ihn dazu brachte, sich neben der böhmischen Gans als Schwan zu sehen. Warum auch immer, er hat viel damit verhindert, kein Adler sein zu wollen. Nicht auszudenken, wie das 19. Jahrhundert und die Tausendjährigen den Adler Luther hätten fliegen lassen. "Luther mit dem Schwan" ist bis zum 10. 11. täglich außer montags von 10 bis 17 (Oktober bis März) oder 9 bis 18 Uhr (April bis September) in der Lutherhalle zu sehen. Der Katalog erschien bei Schelzky und Jeep, Berlin und kostet 48 Mark. +++