Eine Autonomiebewegung strebt für die Region politische Selbstbestimmung an. Sie ist vor allem bei jungen Leuten populär: Nicht Deutscher, nicht Pole. Schlesier

Katowice. Die Frage nach der Nationalität ist in der Familie von Peter Dlugosz von Generation zu Generation nicht wirklich einfacher geworden. Seine Großeltern waren wohl einfach Deutsche: Sie sprachen deutsch, feierten in ihrem Dorf nahe dem schlesischen Opole (Oppeln) deutsche Feste und verehrten Heinz Rühmann - da wusste man, woran man war. Bei seinen Eltern wusste man es schon nicht mehr: Sie sprachen daheim Schlesisch, weil der Gebrauch des Deutschen in Polen verpönt war in der Zeit des Realsozialismus, galten ihren Nachbarn aber weiterhin als Deutsche. Zu Recht? Und wie verhielt es sich mit ihrem Sohn?"Als ich ein Kind war, hielt ich mich für einen Deutschen", sagt Peter Dlugosz. "Als ich ein Jugendlicher war und mit den polnischen Jungs aus dem Nachbarort Fußball spielte, dachte ich, ich sei Pole - in dem Alter will man nun einmal genauso wie alle sein. Als Student begann ich dann, schlesische Literatur zu lesen, da war ich Anfang zwanzig. Und seither weiß ich: Eigentlich bin ich Schlesier."Heute ist Dlugosz 34 Jahre alt und sitzt im Vorstand der "Bewegung für die Autonomie Schlesiens". Die Organisation vereint etwa 4000Menschen unterschiedlichster politischer Couleur, die eines gemeinsam haben: Sie wollen ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung für ihre Region - politische Selbstbestimmung in den Grenzen des historischen Oberschlesiens. Zudem soll an ihren Schulen die schlesische Sprache und die Geschichte Schlesiens gelehrt werden. Wenn im Oktober in ganz Polen die Landtage neu gewählt werden, könnte Dlugosz' Bewegung in Schlesien auf zehn bis zwölf Prozent der Stimmenkommen, wenn die Umfragen recht behalten. Damit wäre sie hinter der liberalkonservativen Bürgerplattform (PO) und der nationalkonservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) die drittstärkste Kraft der Wojewodschaft.Die Fibel gibt es schonEs ist Sonnabendvormittag. In Katowice haben sich auf dem "Plac Wolnosci", dem Freiheitsplatz, anderthalbtausend Menschen versammelt, um für die schlesische Autonomie zu demonstrieren. Peter Dlugosz hat vor seinem schwarzen Skoda einen Tisch mit schlesischen Artikeln aufgestellt. Baseball-Mützen mit dem Wappen Oberschlesiens und T-Shirts mit dem Aufdruck "Nicht Deutscher, nicht Pole - Schlesier" liegen vor ihm. Ein Mann mittleren Alters blättert in der ersten Fibel auf Schlesisch. "Ich war für die andere Schreibweise. Dieses ,O' mit dem Strich - das gibt's doch in keinem Schreibprogramm für den Computer", meckert er auf Schlesisch. Seinen Stolz auf das nagelneue Lehrbuch aber kann er nicht verbergen.Die Fibel könnte bereits in einigen Jahren als Lektüre an schlesischen Schulen eingeführt werden. Zwar gilt Schlesisch, eine slawische Sprache mit vielen deutschen Einsprengseln, in Polen noch als Mundart, doch heimische Abgeordnete bemühen sich seit Jahren, den Dialekt zur Regionalsprache aufzuwerten. Der neue Präsident Bronislaw Komorowski hat schon erklärt, er würde ein entsprechendes Gesetz unterschreiben.Gegen Mittag beginnt der Marsch zum schlesischen Landtag. Kinder, Ältere, aber vor allem viele junge Menschen sind gekommen. Alle tragen blau und gelb, die Farben Oberschlesiens. "Autonomie ist großartig, dann ist Schlesien zufrieden, und Polen bleibt ganz", ruft die Menge, und immer wieder : "Oberschlesien!"Eine Autonomie kannte das östliche Oberschlesien bereits, als es nach dem Ersten Weltkrieg an Polen fiel. Der größere Teil Oberschlesiens blieb aber zunächst deutsch und wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg polnisch. Die meisten Deutschen, die irgendwann nach Schlesien zugezogen waren, flüchteten oder wurden vertrieben. Viele Alteingesessene aber blieben. Manche gingen Ehen mit Polen ein, die auf der Suche nach Arbeit nun ins schlesische Kohlerevier zogen.Möglicherweise sind hier die Wurzeln der heutigen schlesischen Identität zu finden. Damals jedenfalls nahmen so manche Polen den Schlesiern ihren polnischen Patriotismus nicht ab, hatten doch viele auf der deutschen Seite gekämpft. Auch dass die Schlesier auf ihrer eigenen Sprechweise beharrten, nahm man ihnen übel - im restlichen Polen waren Mundarten eher verpönt. Umgekehrt bezeichneten die Schlesier die übrigen Polen abfällig als "gorole". Die Abgrenzung war also gegenseitig.Und dann hatte die ganze Sache auch noch eine wirtschaftliche Dimension. Durch das "Schwarze Gold Polens", die Kohle, ging es den Schlesiern auch in den Zeiten der Volksrepublik vergleichsweise gut. Bis heute sind sie allerdings auch überzeugt, dass sie besser zu wirtschaften verstehen als die meisten ihrer Landsleute. Und dass sich dieses Talent nicht auszahlt."Man muss sich nur umschauen", sagt der 24-jährige Student Blazej Falkus, der zum Marsch für die Autonomie gekommen ist, obwohl er der Bewegung bisher nicht angehört. "Die ganze Altstadt von Katowice ist vom Verfall bedroht, aber immer fehlt es an Geld." Durch einen eigenen Haushalt für Schlesien würde sich dies ändern, ist er überzeugt. "Aber das Geld fließt nach Warschau, und es kommt wenig zurück. Im Grunde werden wir ausgenutzt", sagt er.Falkus engagiert sich für die Erhaltung lokaler Denkmäler. "An erster Stelle steht für mich Katowice, dann kommt Schlesien und irgendwann Polen" sagt er. Als Teenager habe er mit dem Schlesischen noch nichts zu tun haben wollen: "Unsere Sprache wurde immer mit Schlagern in Verbindung gebracht - das hat mich abgestoßen", erzählt er. Alles habe sich geändert, als er begonnen habe, sich mit der Geschichte seiner Heimatregion auseinanderzusetzen. Heute schäme er sich seiner schlesischen Sprache längst nicht mehr.Wasser auf die DemonstrantenNicht alle in der Region sind vom Segen einer schlesischen Autonomie überzeugt. Sie trauen der Bewegung nicht über den Weg, auch wenn ihr mediengewandter Vorsitzender Jerzy Gorzelik, promovierter Kunsthistoriker und Universitätsdozent, stets versichert, es gehe um Dezentralisierung, nicht um Separatismus. Viele Menschen beobachten den Marsch in Katowice vom Straßenrand aus mit Skepsis. Eine Frau schüttet auf die vorbeigehende Menge Wasser aus dem Fenster.Im westlichen Teil des historischen Oberschlesiens, in der Wojewodschaft Opole, wird die Autonomiebewegung bei der Wahl wohl nur in einzelnen Wahlkreisen ein paar Stimmen holen. Peter Dlogusz, der inzwischen seinen Stand zusammenbaut und sich zur Rückfahrt nach Opole bereit macht, lässt sich aber nicht entmutigen: "Bei den letzten Wahlen haben die Menschen bei dem Wort Autonomie noch an Palästina und Bomben gedacht", sagt er. "Wenigstens das hat sich schon geändert."------------------------------Zuerst von Barbarossa geteiltSchlesien hatte in der Geschichte viele verschiedene Herren. Im 14.Jahrhundert fiel es an Böhmen, im 18. Jahrhundert an Preußen, 1922 zu einem Teil und 1945 dann fast vollständig an Polen.Die Einteilung in Ober- und Niederschlesien nahm 1161 Staufenkaiser Barbarossa vor.------------------------------Karte: Das historische Schlesien: Foto: Das alte Schlesien gehört heute zum größten Teil zu Polen. Ein Teil Niederschlesiens ist Sachsen zugeordnet.