Eine Begegnung mit früheren Kollegen. Mehr als zehn Jahre nach der Wende ist der Abstand groß geworden: "Dass so etwas in eurer Zeitung stehen darf ."

Die Nachricht vom Tod des langjährigen früheren Chefredakteurs erreichte die 12. Etage dieser Redaktion an einem Freitagabend um halb acht. Dieter Kerschek war 18 Jahre lang Chefredakteur, länger als jeder vor ihm und jeder nach ihm. Er starb am 20. Mai 2003 im Alter von 74 Jahren. Aber die Redaktion der Berliner Zeitung erfuhr davon erst zehn Tage später. Und auch das nur, weil die Witwe Annemarie Kerschek eine Todesanzeige aufgegeben hatte, die wiederum von einer Chefin vom Dienst am Abend entdeckt worden war. Hätte ein jüngerer Kollege ohne größere Kenntnisse der Zeitungsgeschichte Dienst gehabt, der Name wäre vielleicht sogar übersehen worden.Freitag abends um halb acht liegt die Frühausgabe der Zeitung bereits gedruckt vor. Die Redaktion ist dann nicht mehr so besetzt wie mittags um eins, auch die Zahl der Kollegen, die einmal unter Dieter Kerschek gearbeitet hatten und also für das Verfassen eines Nachrufs in Frage kommen, war 14 Jahre nach seinem Ausscheiden bereits stark reduziert. Ich arbeitete elf Jahre als Redakteurin unter Dieter Kerschek, ohne ihn kennen gelernt zu haben. Er war täglich mindestens 12 Stunden in der Redaktion, unsere Zimmer lagen auf demselben Flur und er grüßte stets zuvorkommend. Aber er war ein extrem introvertierter Mann; nie hätte er sich mit Redakteurinnen verplaudert. Nur als Schwangere und als junge Mutter ermahnte er mich mehrmals, nicht zu lange zu arbeiten und auf die Familie zu achten. Ausgerechnet er, der Vater von fünf Söhnen, die er nur sonnabends zu sehen bekam - manchmal.Ich wusste schrecklich wenig über meinen alten Chefredakteur, aber ich war noch an meinem Schreibtisch, an diesem Freitag. Ich telefonierte mit Kollegen, die ihn besser kannten, erinnerte mich langsam, bestellte ein Foto und besorgte einen Platz in der Zeitung, die ja eigentlich schon fertig war. Ich schrieb auf, was ich wusste und was die anderen sagten - dass er nicht nur ein Parteisoldat war, sondern ein anständiger Mensch, ein überzeugter Kommunist, dass er sich stets schützend vor seine Redakteure stellte und eigentlich eine gute Zeitung machen wollte, die beste, die möglich war. Der Text füllte nur eine knappe Spalte. Später auf der Beerdigung war ich darauf gefasst, mich notfalls für die Kürze des Artikels zu verteidigen.Es kam anders. Fast alle früheren Kollegen waren gekommen. Die Trauerrede hielt Kerscheks früherer erster Stellvertreter, Fritz Wengler. Er erzählte Dinge, die man gern im Nachruf gelesen hätte. Zum Beispiel, dass Kerschek niemals einen persönlichen Vorteil in Anspruch genommen hat und mit seiner großen Familie noch in den Siebzigerjahren unter sehr schlechten Wohnverhältnissen lebte. Dabei entschied er selbst darüber mit, wer mit einer Wohnung zu bevorzugen war. Er erinnerte daran, dass es kaum jemand bemerkte, als Kerschek im November 1989 - sehr krank - die Redaktion verließ. Zu dieser Zeit waren alle mit anderen Dingen beschäftigt. Er ist also ohne ein Wort des Abschieds gegangen.Wengler sagte auch, für die Familie und die Genossen sei es sehr spannend gewesen, wie sich die Berliner Zeitung, die heute unter "politisch entgegengesetzten Vorzeichen" erscheine, wohl zum Tod ihres einstigen Chefs verhalten würde. Keiner dieser gespannten Genossen war freilich auf die Idee gekommen, die Zeitung über den Todesfall zu informieren. Immerhin gibt es eine allseits geschätzte Chefsekretärin, die seit 20 Jahren in der Chefredaktion arbeitet und immer noch Kontakt zu früheren Kollegen hält.Was sich offenbarte, war eine Fremdheit, ein großer Abstand vieler Kollegen, die mit dem Zusammenbruch der DDR oder kurz darauf die Redaktion verlassen hatten, zu der Zeitung. Für sie ist es nicht mehr "ihre Zeitung", sondern etwas anderes, für einige ein Produkt des "Gegners". Sie nahmen es nicht als schlichte Selbstverständlichkeit, dass ein moralisch integrer Mensch wie ihr damaliger Chef auch als solcher dargestellt wird. "Dass so was in eurer Zeitung stehen darf, dass er anständig war und Kommunist - das war gut. Wie ist dir das bloß gelungen, das ins Blatt zu kriegen?" wurde ich mehrfach gefragt. Nicht jeder also hat registriert, dass Redakteure anders als früher längst autonom arbeiten und ihre Meinung keiner Kontrolle mehr unterwerfen.Manche Einwände sind auch gut begründet. Fritz Wengler: "Einer Zeitung, die zu ihrem eigenen 50. Jahrestag einen knappen Dreispalter auf Seite 57 unterbringt, das Jubiläum also totschweigt, die zugleich ihren zeitweiligen Herausgeber mit einer Doppelseite verabschiedet - so einer Zeitung traue ich alles zu. Auch, dass sie ihren kommunistischen Chefredakteur unwürdig verabschiedet." Sicher, manchmal werden seltsame Chef-Entscheidungen getroffen, die vor zehn Jahren gehörte dazu. Dennoch war das Blatt auch damals längst eine richtige Zeitung, und kein ideologisches Instrument zur Erfüllung von Partei-Vorgaben, die zu großen Teilen Verlautbarungsjournalismus druckt. Wird das nicht wahrgenommen?Zumindest unterschiedlich. Fritz Wengler schätzt den politischen Kulturteil von heute, so einen habe sich auch Kerschek immer gewünscht. Er habe damals schon weggewollt von dem reinen Rezensions-Feuilleton, hin zu historisch-politischem Austausch. Aber das zuständige Politbüro-Mitglied wollte keine Veränderung, und so blieb alles, wie es war. Wie lange aber hätte es denn funktionieren können mit dem historisch-politischen Austausch? Wie hätten Historiker und Schriftsteller zu politischer Angepasstheit bewegt werden sollen?Annemarie Kerschek, 78, ärgert sich öfter über die Berliner Zeitung, manchmal sogar über das Neue Deutschland, obwohl das "noch die beste Zeitung" sei. Sie sagt, sie rege sich auf, weil über die DDR so falsch und mit so viel Häme berichtet werde. Sie ist nach der Wende nicht mehr richtig froh geworden, nachdem alles verschwand, wofür früher gekämpft worden war. Damals, sagt sie, gab es alles, was wichtig war für die Menschen - Arbeit, Sicherheit, bezahlbare Mieten. Nie habe ihr dagegen das Reisen gefehlt. Heute sind drei ihrer fünf Söhne arbeitslos, obwohl alle anständige Berufe gelernt hätten. So teilt sie ihre Rente mit den bedürftigen Familien. Die Kerscheks halten weiter zusammen, die Zeitung ist nun wirklich nicht mehr die Hauptsache in ihrem Leben. Und glücklich, sagt die Witwe, glücklich waren wir früher.------------------------------Ein RückblickAus einem Beitrag von Dieter Kerschek in der Berliner Zeitung, veröffentlicht am 6. 9. 1997 (gekürzt):"Im Archiv blätterte ich in alten Bänden der Berliner Zeitung. Es war für mich nicht gerade erhebend, als ich mir vor Augen führte, was wir unseren Lesern manches Mal zugemutet haben. Im September 1987, während des Honecker-Besuchs in der Bundesrepublik, servierten wir ihnen tagelang Seite um Seite eine Vielzahl protokollarischer Verlautbarungen und die Wortlaute aller möglichen Reden, dekoriert mit Dutzenden Fotos.Warum liefen uns dennoch die Leser nicht in Scharen davon? Auch zu DDR-Zeiten konnte niemandem der Kauf dieses Blattes verordnet werden. Im August 1989 hatten wir eine Auflage von 440 000 Exemplaren. Da muss also doch noch etwas an der Berliner Zeitung der Achtzigerjahre gewesen sein. War es ihr Lokalteil? Waren es die Theaterkritiken von Ernst Schumacher? War es, weil sich hin und wieder Reportagen fanden über das Leben in anderen Ländern, die realistisch schilderten? Oder deshalb, weil die Wirtschaftsjournalisten nicht nur, wie von ihnen verlangt, das "gute Ziel" propagierten, sondern dann und wann noch ein offenes Wort über Unzulänglichkeiten in ihrem Repertoire hatten?Im November 1989 musste ich mir eingestehen: Es war die - von mir in der Berliner Zeitung realisierte - Informationspolitik der SED, die ebenso wie die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die fehlende Reisefreiheit, die den Staat letzten Endes zum Einsturz brachte."------------------------------Foto: Dieter Kerschek in seiner Rolle als Parteisoldat. Trotzdem hat er versucht, eine gute Zeitung zu machen.