Als ich in Berlin-Schönefeld ankam, war ich geschockt: Durch die Luft wirbelten überall weiße Flocken. Ich dachte, Verpackungsmaterial aus einer Fabrik würde die Erde bedecken. Auch die Bäume hatten keine Blätter, ich dachte, sie seien alle abgestorben. Erst am nächsten Tag habe ich gefragt und erfahren, dass es Winter war, die weißen Flocken Schnee, und dass die Bäume im Frühjahr neue Blätter bekommen." So erinnert sich Monique Huyen Luft an ihre erste Begegnung mit der DDR im Februar 1987. Die Vietnamesin war dem Ruf ins ferne "Bruderland" gefolgt, weil zu Hause das Geld nicht zum Leben reichte. "Ich musste ständig kämpfen, um genug Essen für meine beiden Töchter zu bekommen", sagt sie. Und so zog die Tierärztin aus Hanoi ins Mehrbettzimmer eines Ausländerwohnheims in Berlin-Lichtenberg und begann in einem Büro des Elektroapparatewerkes Treptow zu arbeiten.Monique Huyen Luft gehörte zu jenen 90 000 sogenannten Vertragsarbeitern, die noch im Jahr 1989 halfen, die marode DDR-Wirtschaft in Gang zu halten. Sie kamen aus Vietnam, Angola, Mosambik und Kuba, aber auch aus Polen, Ungarn Nordkorea und China. In Berlin beschäftigt sich nun zum ersten Mal eine umfangreiche Ausstellung mit ihnen, ihr Titel: "Bruderland ist abgebrannt". Sie soll den Deutschen, aber auch den Nachfahren der Vertragsarbeiter zeigen, wie und warum diese damals in die DDR kamen.Berührt liest man, wie es den Neuankömmlingen damals ging, sieht ihre Dokumente und Fotos, hört ihre Stimmen. Die meisten - insgesamt 60 000 - kamen in den 80er-Jahren aus Vietnam in die DDR, auf der Grundlage eines Staatsvertrages. Fast alle hatten große Erwartungen. Sie wollten nicht nur ihre von der Not geplagten Familien in Vietnam unterstützen, sondern endlich auch jenes "Bruderland" kennenlernen, das ihnen im Krieg gegen die Amerikaner so viel Solidarität entgegengebracht hatte.Dieses empfing sie mit großem Tamtam, nahm ihnen dann aber sofort die Pässe ab und verfrachtete sie in Wohnheime, wo nach 22 Uhr Ausgangsverbot herrschte. Einer der winzigen Wohnräume ist in der Ausstellung nachgebaut. Alles war fremd: Sprache, Wetter, Essen, Umgangsformen. "Man darf beim Reden nicht so viel lächeln", sagte ein vietnamesischer Betreuer, "weil dann die Deutschen denken, man nimmt es nicht ernst. Bei uns ist es üblich, wenn man unsicher ist oder etwas falsch gemacht hat, zu lächeln."Misstrauen prägte das Leben. Die Geheimdienste überwachten die Vertragsarbeiter. Wer schwanger wurde, musste abtreiben. Laut Schätzungen ließen 300 Vietnamesinnen pro Jahr ihre Schwangerschaft unterbrechen. Kontakte zu DDR-Bürgern außerhalb des Betriebes waren unerwünscht.Anfangs hatte noch die Ausbildung von Berufsnachwuchs für die "jungen Nationalstaaten" im Mittelpunkt gestanden. Doch um Qualifizierung ging es immer weniger. Die DDR brauchte billige Arbeitskräfte - am Fließband, im Schichtdienst, für schwere, monotone, gesundheitsgefährdende Tätigkeiten, für die sich im Land keine Kräfte fanden. Die Propaganda tat alles, um den Begriff Gastarbeiter zu vermeiden. Dieser war ideologisch vom Westen besetzt.Eine unbekannte Welt"Die Wirtschaft der DDR war ohne sie nicht denkbar, aber niemand war ihnen dankbar", heißt es in der Ausstellung. Die generell unterbezahlten Vertragsarbeiter produzierten elf Millionen Kleidungsstücke, fünf Millionen Schuhe, 30 000 Autos und 60 300 Waschmaschinen. Sie bauten Straßen in Saalfeld, zerspanten Metall im Erzgebirge, montierten ein Atomkraftwerk bei Greifswald. Angolaner und Mosambikaner arbeiteten auf den Schlachthöfen in Berlin und Eberswalde. "Wir haben immer die schlechteste und dreckigste Arbeit bekommen", erinnert sich ein Kubaner, der im Chemiewerk Buna arbeitete.Als 1990 das "Bruderland abbrannte" und die DDR dem Ende nahe war, wurden sie als erste gekündigt. Sie flogen aus ihren Wohnheimen, sahen sich Anfeindungen ausgesetzt. "Erschüttert haben mich der Rassismus und die Ausländerfeindlichkeit, die gerade in der ehemaligen DDR nach der Wende offen ausbrachen", sagt die damalige Ausländerbeauftragte Almuth Berger. Sie gehörte zu jenen - das dokumentiert die Ausstellung unter anderem mit einem Film -, die sich für die Rechte der Ausländer einsetzten, für die sich nun plötzlich keiner mehr zuständig sah.Erst nach sieben Jahren war ein Bleiberecht für die ehemaligen Vertragsarbeiter errungen. Viele von ihnen sprechen - anders als ihre Kinder - bis heute kaum d eutsch. Zu jenen, die ihnen helfen, gehört der 1993 gegründete Berliner Verein Reistrommel e.V., der mit Hilfe von Sponsoren diese Ausstellung erst möglich machte. Zur Zeit werden alle Texte ins Vietnamesische übersetzt, um sie auch in Hanoi zeigen zu können.Damit würden wohl zum ersten mal überhaupt Vertragsarbeiter auch in einem ihrer Herkunftsländer gewürdigt. Bisher ist deren Geschichte nirgendwo richtig aufgearbeitet. Bis zur Wende wusste kaum jemand, dass sie mit ihrer Arbeit zugleich die Staatsschulden ihrer Länder begleichen mussten, Schulden aus den Hilfsleistungen der DDR. Zwischen den "Bruderländern" gab es nichts umsonst.Bei allen Emotionen: Die Ausstellung rechtet nicht, sondern sie berichtet, sachlich und mit einer großen Fülle an Material. Sie öffnet, eingebettet in die politische Darstellung, eine bisher unbekannte Welt von Menschen, die trotz aller Probleme ihr Leben lebten. "Auch wenn die Vertragsbedingungen durchaus kritikwürdig sind, hat die Arbeit in der DDR ihnen doch Chancen eröffnet, die die Betroffenen sonst nicht gehabt hätten", sagt Almuth Berger. Auf den Fotos sieht man, wie jung sie noch waren - manche erst achtzehn. Die Bilder zeigen auch, dass sie in ihren Betrieben meist gut integriert waren. Man sieht lachende Gesichter auf Brigadefeiern oder einer Hochzeit.Etwa 15 000 Vietnamesen sowie 5 000 Angolaner und Mosambikaner blieben, nachdem das "Bruderland abgebrannt" war. Die Blumenläden, Asiamärkte und Textilstände der Vietnamesen gehören heute zum Straßenbild. Dennoch interessiert sich kaum jemand für ihr Leben - dafür, dass sie oft 16 Stunden am Tag arbeiten, um die Familie zu Hause und in Vietnam zu unterstützen. Ihre Kinder müssen mithelfen und zugleich gute Leistungen in der Schule bringen. Bildung ist den meisten Vietnamesen sehr wichtig.Auch Monique Huyen Luft, die Tierärztin aus Hanoi, lebt noch immer hier. Sie hatte in der DDR einen Mann kennengelernt, schulte später zur Rechtsanwaltsgehilfin um. Ihre beiden Töchter, die sie aus Vietnam nach Berlin holte, sind längst erwachsen. Eine studiert Rechtsmedizin, die andere ist Physikerin. Ihre Heimat ist Deutschland.------------------------------"Bruderland ist abgebrannt"Die Ausstellung "Bruderland ist abgebrannt" zur Geschichte der Vertragsarbeiter in der DDR ist bis zum 30. Dezember 2008 im Havemann-Center (1. OG) zu sehen. Mo + Mi 16-20 Uhr, Di, Do, Fr 11-15 Uhr. Wörlitzer Straße 3a (nahe S-Bahnhof Ahrensfelde). Danach zieht sie weiter, zunächst ans Berliner Barnim-Gymnasium, dann voraussichtlich nach Erfurt.Ausgeliehen werden kann sie beim Verein Reistrommel e.V., Tel. 21 75 85 48, info@reistrommel-ev.de.------------------------------Foto : Welche Hoffnungen hatte er, als er in die DDR kam? Vietnamesischer Arbeiter im EAW Treptow, 80er-Jahre.