Am 10. Oktober 1990 stand ein 15-jähriges Mädchen vor dem US-amerikanischen Kongress. Es stellte sich als Nayirah vor, ihren wahren Namen müsse sie aus Angst vor Verfolgung verschweigen. Sie lebe in Kuwait und arbeite freiwillig als Hilfskrankenschwester im Al-Adnan-Hospital in Kuwait-Stadt.Was Nayirah unter Tränen zu erzählen hatte, übertraf selbst die krudesten Vorurteile über die Grausamkeit irakischer Soldaten: "Ich sah die irakischen Soldaten, wie sie mit Gewehren ins Krankenhaus kamen und die Babys aus den Brutkästen nahmen und zum Sterben auf den kalten Boden legten." Die Geschichte, die Nayirah erzählte, hatte eine durchschlagende Wirkung. In den nächsten fünf Wochen erzählte sie US-Präsident George H.W. Bush nicht weniger als sechs Mal, und sechs Kongressabgeordnete äußerten öffentlich die Ansicht, dieser erschütternde Bericht allein genüge, um einen Krieg gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein zu beginnen und das von ihm annektierte Kuwait militärisch zu befreien.Am 12. Januar 1991 beschloss der Kongress der USA, den Irak unter Anwendung militärischer Gewalt aus Kuwait zu vertreiben. Am 17. Januar begann die Operation Wüstensturm (Operation Desert Storm). Der Zweite Golfkrieg hatte begonnen.Ein Jahr später stellte sich heraus, dass Nayirah in Wahrheit Nijirah al-Sabah hieß, die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den Vereinigten Staaten war und Washington noch nie verlassen hatte. Das Mädchen war von der PR-Agentur Hill & Knowlton professionell als Zeugin aufgebaut worden, die im Auftrag der Organisation "Citizens for a Free Kuwait" (Bürger für ein freies Kuwait) eine Kampagne für den Golf-Krieg aufgezogen hatte. Der Präsident der PR-Agentur war Bush-Anhänger und dessen ehemaliger Stabschef, der stellvertretende Chef der Agentur hatte mit dem Mädchen den Auftritt vor dem US-Kongress, der den Höhepunkt der Kampagne bilden sollte, persönlich trainiert. Nichts war dem Zufall überlassen worden: Die Agentur hatte Untersuchungen in Auftrag gegeben, mit deren Hilfe ermittelt worden war, welche Meldungen zuverlässig Abscheu und Empörung auslösen. Das nicht sehr überraschende Ergebnis lautete, besonders entsetzt reagierten die Bürger der westlichen Welt auf Verbrechen an Babys. Als der Schwindel aufflog, lag der Golf-Krieg schon zurück - und das Geld für die erfolgreiche Arbeit schon längst auf dem Konto von Hill & Knowlton, angeblich rund 14 Millionen Dollar.Auf den ersten Blick ist die Geschichte nicht viel mehr als ein weiterer Beleg der seit Jahrhunderten gesicherten Erkenntnis, wonach die Politik mit der Wahrheit auf dem Kriegsfuß stehe. Ein Zeitgenosse, der bestreitet, dass die Lüge zum politischen Geschäft gehört wie der Sauerstoff zum Atmen, darf allenfalls mitleidige Nachsicht erwarten. Und selbst dem naivsten Zeitungsleser ist seit längerem bekannt, dass nur selten die Wahrheit, fast stets eine Lüge am Beginn eines Krieges steht. US-Präsident James Polk legitimierte den mexikanisch-amerikanischen Krieg (1846-1848) mit der Lüge, die mexikanische Regierung habe US-Grenzen verletzt, US- Präsident Lyndon B. Johnson den Vietnamkrieg mit der Lüge, die Nordvietnamesen hätten einen amerikanischen Zerstörer in der Bucht von Tonking angegriffen.Der als "Brutkastenlüge" in die Annalen der politischen Lüge eingegangene Auftritt Nijirah al-Sabahs war jedoch mehr als nur die neue Variante einer bekannten Methode. Hier war nicht nur gelogen, hier war eine PR-Agentur mit der Inszenierung einer neuen Wirklichkeit beauftragt worden. Es ging nicht mehr nur darum, der Bevölkerung einen mehr oder weniger plausiblen Kriegsgrund hinzuwerfen, entscheidend war, die wirkliche Wirklichkeit durch eine gespielte zu ersetzen, nicht Tatsachen zu unterdrücken oder zu fälschen, sondern neue, atemberaubende, schockierende Tatsachen zu schaffen. Das Ziel der Kampagne war nicht die Manipulation des Blicks auf die wirklichen oder vermeintlichen Verbrechen des Diktators Saddam Husseins, manipuliert wurde das Bewusstsein der US-amerikanischen und der westlichen Öffentlichkeiten. Sie wurden nicht nur belogen, sondern mit einer Wirklichkeit überzogen, die um den Beweis ihrer vermeintlichen Authentizität im entscheidenden Zeitpunkt keineswegs verlegen war - die Tränen eines Mädchens, das den gewaltsamen Tod wehrloser Babys betrauert, sind mit keinem Argument und keiner Zwischenfrage aus der Welt zu schaffen. Der Auftritt Nijirah al-Sabahs sollte nicht nur deshalb in Erinnerung bleiben, weil er - aus Sicht seiner Initiatoren und seiner Profiteure - außerordentlich erfolgreich war. Bemerkenswert war daran vielmehr, dass hier, wenn auch keineswegs zum ersten Mal, eine in Demokratien damals noch recht neue Art von Lüge in Erscheinung trat: die organisierte Manipulation von Tatsachen durch eine Politik des image-making.Wie Hannah Arendt in ihrem 1967 erschienenen Essay "Wahrheit und Politik" bemerkte, handelt es sich um ein Verfahren, "bei dem man ungestraft alles unter den Tisch fallen lassen kann, was das gerade erwünschte image eines Ereignisses, einer Nation oder einer Person zu stören geeignet ist. Denn dieses 'Bild', das die politische Propaganda verfertigt, soll nicht wie ein Porträt dem Original schmeicheln, sondern es ersetzen; und dieser Ersatz kann natürlich durch die Techniken der Massenmedien ungleich wirksamer in der Öffentlichkeit verbreitet werden, als es das Original je von sich aus vermag."Darum ist es ungerecht, Ludwig XIV. (1638-1715), König von Frankreich, als Urvater des modernen image making anzusehen. Zwar war er sich wie kein anderer Herrscher vor ihm der Bedeutung des Bildes bewusst, das die Bevölkerung sich von ihm machte. "Jene Bande, die Achtung und Respekt mit diesem oder jenem insbesondere verknüpfen, existieren nur in der Einbildung." Das hatte Ludwig schon begriffen, noch ehe es sein Zeitgenosse Blaise Pascal in seinen "Pensées" niederschrieb.Bilder von Ludwig gab es als Gemälde, in Bronze, Stein, auf Gobelins, als Pastellzeichnungen, in Email, Holz, Terrakotta, sogar in Wachs und als Medaillen. Für die massenhafte Verbreitung seines Selbst-Bildes sorgten Tausende von Drucken - Holzschnitte, Radierungen, Kupferstiche, Stahlstiche und Mezzotinti -, die billig herzustellen waren und breite Wahrnehmung garantierten. Alle Darstellungen des Herrschers, als Staatsmann, als Familienvater, als Jäger, als Guter Hirte, zeigten ihn selbstverständlich nur so, wie er gesehen, wie er angesehen werden wollte, in dieser Manipulation bestand ihr Zweck. Für heutige Vertreter des image making vollkommen unprofessionell, ja geradezu naiv aber war an ihnen, dass sie ihn überhaupt zeigten. Die Wirklichkeit des zeitgenössischen image making ist nicht verfälscht, verformt oder geschönt, sie ist eine neue Wirklichkeit, die alle Tatsachen, die sie zum Beweis ihrer Existenz benötigt, aus sich selbst erzeugt.An die Stelle der Maler, der Steinmetze und der Graveure sind die Kommunikationsberater, die Agenturen für Public Relations, die spin doctors getreten, die ihr Geld nicht mit der Abbildung von Realität verdienen, sondern mit der Gestaltung der Fiktion als Realität. Die Massenmedien, allen voran das Fernsehen, betrachten sie - der Erfolg gibt ihnen recht - als ihre natürlichen Verbündeten, die die Geschichten, die sie ihnen erzählen, die Interviews, die sie ihnen bereitwillig vermitteln, die Bilder, die sie ihnen keineswegs exklusiv überlassen, Tag und Nacht der Kundschaft übermitteln.Nicht Themen sind von Bedeutung, sondern das rechtzeitige und richtige Besetzen von Themen (agenda setting), nicht die Substanz einer Botschaft ist relevant, sondern deren griffige Formulierung (wording).Dass es in der Politik nicht um die Wahrnehmung und Lösung von Problemen geht, sondern vor allem um die Wahrnehmung und Lösung von Problemen ihrer Auftraggeber, muss ihnen niemand verraten; dass es keine guten und keine schlechten Ergebnisse gibt, sondern nur gut oder schlecht dargestellte Ergebnisse, ist ihre Geschäftsgrundlage; dass sie als Wirklichkeit nur gelten lassen, was bei den Zielgruppen, den Konsumenten, den Endabnehmern, den Wählern wie Wirklichkeit wirkt, ist ihre professionelle Existenz-Philo sophie. Denn es kommt nicht darauf an, worauf es ankommt, es kommt nur darauf an, wie es ankommt. Mit den Worten Charlotte Beers, einem Alpha-Tier der Werbebranche, die zuvor bei "Uncle Ben's Rice" und als Chefin der Werbeagentur J. Walter Thompson ("the world's first global brand communications company") einschlägige Erfahrungen gesammelt hatte und zur propagandistischen Einstimmung auf die Kriege in Afghanistan und Irak von der Regierung George W. Bushs als Chefin des Bureau of Public Diplomacy and Public Affairs, berufen wurde: "Wir sagen nur die Wahrheit."Als der französische Politiker Georges Clemenceau Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts von einem Vertreter der Weimarer Republik gefragt wurde, was künftige Historiker wohl über die damals sehr umstrittene Kriegsschuldfrage denken würden, erwiderte er: " Das weiß ich nicht. Aber eine Sache ist sicher, sie werden nicht sagen: Belgien fiel in Deutschland ein." Soviel Gutgläubigkeit würde sich heute kein aufgeklärter Zeitgenosse leisten.Eine Diktatur, die einen Angriffskrieg beginnt und anschließend behauptet: "Seit 5. 45 Uhr wird zurückgeschossen!", erweist sich gerade in der "Etablierung einer den Tatsachen entgegengesetzten, ganz und gar fiktiven Welt" (Arendt) als totalitär. Die Lüge, der Betrug und der Selbstbetrug, auf denen die NS-Diktatur wie auch der Stalinismus beruhten, konnten den öffentlichen Diskurs nicht gefährden, denn seine Ausschaltung war eine wesentliche Bedingung des Systems. Wie aber soll in Demokratien die freie Meinungsbildung gelingen, wenn die Tatsachen, auf denen sie beruht, nicht nur gefiltert sind, sondern Artefakte, Produkte aus den Labors der spin doctors und PR-Agenten?Kein mit den Lebensformen kapitalistischer Gesellschaften halbwegs vertrauter Mensch käme auf den Gedanken, die Reklame der Geschäftswelt mit einer Information zu verwechseln, die es ihm erlaubt, sich auch nur ein annähernd zutreffendes Bild von dem beworbenen Produkt zu machen. Aber kein Bürger darf es umgekehrt für möglich halten, dass die Informationen, die ihm die Massenmedien tagtäglich in Form von Nachrichten, Hintergrundberichten, Reportagen oder Analysen liefern, nicht einmal den Wirklichkeitsgehalt einer Zahnpasta-Werbung haben. Denn ihm ginge schlagartig verloren, was das Angebot an Tatsachen, die Lieferung von Informationen über die Wirklichkeit gerade garantieren sollen - sein Urteilsvermögen und sein Orientierungssinn. Die organisierte öffentliche Lüge, die Etablierung von Images anstelle von Tatsachen bedeutet nicht nur eine Diskriminierung der Wirklichkeit. Je erfolgreicher die image maker sind, desto schneller schrumpft der politische Raum, der Gesprächsraum, den eine Demokratie benötigt. Schon vor seinem endgültigen Verschwinden könnte er irgendwann geschlossen werden - mangels Nachfrage.Der Einwand liegt nahe, die Sorge sei - zumindest derzeit - unbegründet, denn zwar sei die Politik unentwegt mit der Imageproduktion beschäftigt, aber die fabrizierten Images seien nicht nur zahlreich, vor allem seien sie widersprüchlich. Konkurrenz belebt das Geschäft - solange die Images miteinander rivalisierten und keines sich alleine auf dem Feld behaupte, habe die Demokratie nichts zu befürchten. Der bewährte Garant, die Konkurrenz der Images zu befördern und gerade dadurch immer wieder den unverstellten Blick auf die Welt der Tatsachen freizugeben, sei die freie, die unabhängige Presse.Wie es um die steht, war sehr schön vor und nach Beginn des letzten Golfkriegs zu besichtigen, als die US-Zeitungen ihre wesentlichen Informationen aus der United States Information Agency des Außenministeriums bezogen. Es schien nicht nur, als sei die Presse ferngelenkt, sie war es. Sie hing am Informationstropf der Regierung, genauer: Sie wurde mit Tatsachen gefüttert, wie sie die spin doctors und PR-Agenturen sorgfältig und mediengerecht zubereitet hatten. In Erinnerung geblieben ist bis heute der Kommentar von Thomas Friedman in der New York Times: "Man darf unser Land nicht aufgrund einer Lüge in den Krieg führen. Sagen Sie dem Volk die Wahrheit! Saddam bedroht uns nicht."Der Protest ist vor allem deshalb unvergessen, weil er fast der einzige war. Das lag in der Natur der Sache: Warum hätten die Zeitungskommentatoren protestieren sollen gegen einen Krieg, von dem sie zuverlässig aus dem Außenministerium wussten, dass er gerecht sein würde und die Ultima Ratio zur Verteidigung der westlichen Zivilisation?Eine mittelalterliche Anekdote geht folgendermaßen: Eine Schildwache, die auf dem Wachturm der Stadt nach Feinden ausspähte, beschloss, den Bürgern einen Streich zu spielen und im tiefsten Frieden das Anrücken des Feindes zu melden. Der Alarm hatte durchschlagenden Erfolg. Nicht nur die ganze Stadt lief verschreckt zusammen, sondern als letzte lief auch die Schildwache. Ein Lügner, der weiß, dass er lügt, wird - wenn er nicht besonders kaltblütig ist - vielleicht nicht überzeugend lügen, immerhin aber darf er für sich in Anspruch nehmen, Wahrheit und Lüge auseinander zu halten. Ein Lügner hingegen, der sich seine Lügen selber glaubt, hat den Kontakt mit der Realität, das Vermögen, zwischen wahr und unwahr zu unterscheiden, verloren. Andererseits wird er "eben weil er seine Lügen selber glaubt, sehr viel glaubwürdiger erscheinen als derjenige, der bewusst und souverän die Unwahrheit sagt und nicht selbst in die Falle geht" (Arendt). Um so fürchterlicher wird es ihn jedoch treffen, wenn er irgendwann erfährt, einer Lüge aufgesessen und auf einen Betrüger hereingefallen zu sein, der seinen Namen trägt.Haben US-Präsident George W. Bush und sein damaliger Außenminister Colin Powell bewusst gelogen, als sie der Welt versicherten, die Massenvernichtungswaffen im Besitz Saddam Husseins seien bewiesen? Das wäre beruhigend, denn es würde bedeuten, dass die Unterscheidung von Lüge und Wahrheit im Weißen Haus im Prinzip akzeptiert wird und das notwendige Distinktionsvermögen noch vorhanden ist.Aber vieles spricht dafür, dass Bush und Powell Opfer ihrer selbst geworden sind, das heißt ihres Glaubens an die eigenen Lügen. Weil ihre think tanks und image makers, ihre spin doctors und PR-Agenten nur solchen Informationen Einlass gestatteten, die sich mit dem eigenen Interesse, den eigenen Konzepten und dem eigenen Lagebild deckten, und abweichende Informationen so lange behandelt wurden, bis sie sich mit dem eigenen Interesse, den eigenen Konzepten und dem eigenen Lagebild deckten, so dass ihnen der Einlass gestattet werden konnte, entstand ein mit gleichgerichteten Informationen gespeister Kreislauf. Die Erwartungen ihres Empfängers wurden so unentwegt bestätigt, der nicht müde wurde, den Absender für seine effektive Arbeit zu belobigen. Absender und Empfänger war die Regierung - samt image makers etc. - von US-Präsident Bush.Die Ersetzung der Wirklichkeit durch Images, die organisierte Lüge, bedroht nicht nur den demokratischen Diskurs, sie zerstört die Politik und - im schlimmsten Fall - den Lügner. Von der Lähmung, die den politischen Diskurs der USA vor und nach Beginn des Irak-Feldzugs befallen hatte, hat er sich bis heute nicht erholt. Die Erschütterung über das fast vollständige Kontrollversagen der US-amerikanischen Medien wirkt noch immer nach. Härter hat es allerdings die Lügner selbst getroffen. Nicht erst das Irak-Desaster selbst hat den unwiderruflichen Zusammenbruch der Politik George W. Bushs bewirkt, sondern vorher schon seine Entlarvung als Lügner. Das image making seiner Regierung endete zuerst für die amerikanische Demokratie, dann für die Regierung selbst in einem Fiasko. Zerstört wurde damit eine Präsidentschaft, aber immerhin nicht der Präsident.Wie und durch wen vor zwanzig Jahren Uwe Barschel, der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, im Genfer Hotel Beau Rivage zu Tode kam, ist bis heute nicht geklärt. Aber was ihn zerstört hat, ist seit Jahrzehnten aktenkundig. Man kann die so genannte Barschel-Affäre erzählen als Geschichte vom Aufstieg und Fall eines pathologischen Strebers, als Lehrstück über die politische Moral, als Fallstudie über Verlogenheit und Heuchelei in der Politik im Besonderen und in der Gesellschaft im Allgemeinen, und bis heute wird die Barschel-Affäre so oder so immer und immer wieder erzählt. Vor allem aber ist sie das Musterbeispiel eines ebenso brutalen wie brutal gescheiterten image making, dessen Protagonisten zwar ohne think tanks und spin doctors auskamen, aber die Zersetzung der Wirklichkeit, die Ablösung der Wahrheit durch die Lüge mit erheblicher Rücksichtslosigkeit betrieben."Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole: mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind." Diese ebenso berühmt wie berüchtigt gewordenen Worte sprach Barschel am 18. September 1987, zwei Wochen vor seinem Rücktritt, und schon damals war klar, dass hier ein Ehrenwort auf Unehre vergeben wurde. Denn es ging schon damals nicht nur um den Vorwurf, der um seine Wiederwahl bangende Ministerpräsident habe als "Mann fürs Grobe" den wegen Verleumdung vorbestraften Reiner Pfeiffer eingestellt, eine vom Axel-Springer-Verlag vermittelte Figur, die den Rufmord am SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm ins Werk setzen sollte. Zwar stand fest, dass Pfeiffer gegen Engholm eine anonyme Anzeige wegen angeblicher Steuerhinterziehung erstattet hatte, dass er als "Dr. Wagner" bei Engholm angerufen und ihm bedeutet hatte, er - Engholm - sei an Aids erkrankt, auch war erwiesen, dass Pfeiffer mit Unterstützung eines Freundes Barschels den Einsatz einer Detektei initiiert hatte, die den SPD-Spitzenkandidaten einige Zeit observierte.Das waren die Vorwürfe, die wenige Tage zuvor der Spiegel unter Berufung auf eine eidesstattliche Erklärung Pfeiffers veröffentlicht hatte. Damals, am Tag der die Bundesrepublik aufwühlenden Pressekonferenz Barschels, wusste noch niemand, ob Pfeiffer mit Wissen oder gar im Auftrag Barschels gehandelt hatte. Und dennoch war an jenem Tag - und das zu recht - das Urteil über Uwe Barschel schon gesprochen.Niemand hätte einer zwielichtigen Figur, einem notorischen Verleumder und Lügner wie Pfeiffer, sein Gehör geschenkt, die Spiegel-Veröffentlichung hätte es gewiss nicht gegeben, kein Mensch wäre auf den Gedanken gekommen, Barschel mit der Rufmordkampagne Pfeiffers in Verbindung zu bringen - hätte nicht Barschel selbst, hätte nicht die schleswig-holsteinische CDU eine Rufmordkampagne gegen den sozialdemokratischen Oppositionsführer betrieben.Das Image, das Engholm in einer Wahlkampfbroschüre verpasst wurde, war das eines "geländegängigen Opportunisten mit Gummirückgrat", eines obskuren Gesellen, der "Kommunisten und Neonazis als Lehrer und Polizisten einstellen" wolle, eines amoralischen Genossen, der "Abtreibungen bis zur Geburt" favorisiere. In dieses image making fügten sich die Aktionen Pfeiffers nahtlos ein. Ob nun die Beschuldigung Pfeiffers, Barschel habe von seinem Feldzug gegen Engholm nicht nur gewusst, sondern ihn ausdrücklich gebilligt, zutraf oder nicht - Barschels Katastrophe bestand darin, dass jeder, der die rufmörderische Wahlkampfbroschüre kannte, auch eine Beauftragung Pfeiffers durch Barschel zum Rufmord an Engholm ohne weiteres für möglich hielt. Selbst wenn sich alle Vorwürfe Pfeiffers gegen Barschel im Nachhinein als haltlos erwiesen hätten, wäre der Ruf Uwe Barschels unwiderruflich ruiniert gewesen.Aber die Vorwürfe waren nicht haltlos. Nur haben sich nicht alle bestätigt, einige erschienen später in anderem Licht, als sich zeigte, dass das image making Barschels mit dem image making seines Konkurrenten Engholm kollidiert war. Dieser hatte erwartungsgemäß einige Monate nach dem Skandal einen überwältigenden Wahlsieg über die von der Affäre zerzauste CDU errungen. Engholm war der einzige Nachkriegspolitiker der Bundesrepublik, dem der Aufstieg maßgeblich dank der vermeintlichen Opferrolle gelang, die sein politischer Konkurrent ihm zugewiesen hatte. Doch stellte sich 1993 heraus, dass der seinerzeitige SPD-Landesvorsitzende Günther Jansen und Klaus Nilius, seinerzeit Pressesprecher der SPD-Landtagsfraktion, nach der Affäre 50 000 Mark gezahlt hatten.Das war nun wiederum eine Affäre, die "Schubladenaffäre", so genannt, weil Jansen angab, die Geldscheine in seiner Küchenschublade gesammelt zu haben. Dann wurde bekannt, dass die Führung der schleswig-holsteinischen SPD früher als behauptet von Pfeiffer unterrichtet worden war, neben Jansen und Nilius auch ein von Engholm persönlich beauftragter Rechtsanwalt. Engholm aber hatte stets beteuert, von der Veröffentlichung im Spiegel komplett überrascht worden zu sein. Diese Beteuerungen hatte er stets sehr überzeugend vorgetragen, nicht zuletzt vor einem Untersuchungsausschuss. Sofern Engholm - wie später in einigen Medien behauptet - nicht noch sehr viel früher von den Machenschaften erfahren hat und sie offensichtlich zu einem ihm genehmen Zeitpunkt veröffentlichen wollte. Wie Barschel hat auch Engholm seine Lügen - sein Meineid vor dem Untersuchungsausschuss war nur strafrechtlich verjährt - mit seiner Karriere bezahlt.Die Barschel-Pfeiffer-Engholm-Affäre gilt in Deutschland bis heute als der gravierendste Angriff der image maker auf die Wirklichkeit. Zumindest war es einer der stümperhaftesten. Die image maker der Gegenwart stiften zwar noch immer - von Fall zu Fall - zur Lüge an, vor allem aber stiften sie Zusammenhänge. Die stehen als Kriegsgründe, als "unvermeidliche Globalisierungsfolgen" und Sachzwänge jeder Art weltweit in den Zeitungen.Die Mahnung Hannah Arendts am Ende ihres Essays "Wahrheit und Politik" war schon obsolet, als sie ihn 1967 schrieb: "Wahrheit könnte man begrifflich definieren als das, was der Mensch nicht ändern kann; metaphorisch gesprochen ist sie der Grund, auf dem wir stehen, und der Himmel, der sich über uns erstreckt."------------------------------Foto: Die Schwurhand des Politikers------------------------------Foto: "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole: mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind." Der Schwur des CDU-Politikers Uwe Barschel vor 20 Jahren ist berühmt-berüchtigt geworden. Zwei Wochen später trat er zurück.