MADRID, 29. Mai. Es war ein tragischer Zwischenfall. Im Alter von 18 Jahren erschoss Juan Carlos de Borbón, der heutige spanische König, seinen vier Jahre jüngeren Bruder Alfonso. "Schwöre mir, dass es keine Absicht war", fuhr ihn sein Vater Juan damals völlig entgeistert an. Juan Carlos schoss nicht mit Absicht. Das gerne verschwiegene Unglück war vermutlich ein Unfall.Es war der Gründonnerstag des Jahres 1956 in Estoril, Portugal, wo die Familie im Exil lebte. Die beiden königlichen Brüder spielten mit einer Pistole. Dabei löste sich ein Schuss und traf Alfonso in die Stirn, er starb wenige Minuten später. Im Moment des Unglücks hatte Juan Carlos die Waffe in Händen gehalten. Sein Onkel Jaime, der ältere Bruder seines Vaters, forderte später "eine gerichtliche Untersuchung, unerlässlich, um offiziell die Umstände des Todes meines Neffen Alfonso zu erhellen". Mysteriöser TodesschussEine Untersuchung, wie sie jeder gewöhnliche andere tödliche Unfall mit einer Waffe zu erdulden hätte. Doch keine Behörde belästigte die königliche Familie. Auch in Spanien wurde die Geschichte gerne verschwiegen. Der britische Historiker Paul Preston, bekannt als Autor einer renommierten Franco-Biografie, hat sich drei Jahre lang in alle verfügbaren Dokumente über das Leben des spanischen Königs gestürzt. Als Ergebnis seiner Arbeit legte er nun sein 600-seitiges Buch vor: "Juan Carlos, der König eines Volkes". Das Werk eroberte sofort Spaniens Bestsellerlisten. Auch die Geschichte um den mysteriösen Todesschuss wird in dem Buch nicht ausgespart. Preston ist ein freundlicher Biograf des spanischen Monarchen. So hält er dessen Onkel Jaime eine "Mischung aus Unsensibilität und purer Böswilligkeit" vor, weil er Aufklärung über den Todesschuss forderte. Aufklärung, die sich auch mancher Leser wünschte, denn die Umstände des Unglücks bleiben nach den wenigen zitierten Aussagen von Freunden und Verwandten unklar. Lange war die spanische Königsfamilie vom Unglück verfolgt. Zwei der Söhne von Alfonso XIII., der 1931 abdanken musste, waren bluterkrank und starben früh. Der Zweitälteste, Jaime, blieb nach einer missglückten Operation im Alter von vier Jahren taubstumm. Juan, der Vater von Juan Carlos, war der einzige gesunde Sohn in der Familie. Von dessen vier Kindern kam eine Tochter, Margarita, blind zur Welt. Bis der Gründonnerstag 1956 das schwarze Schicksal der Familie Borbón für immer festzuschreiben schien: mit dem Todesschuss Juan Carlos gegen seinen eigenen Bruder. "Die Leute mögen keine Prinzen mit Pech", kommentierte kühl Diktator Franco. Er sollte sich irren. Der junge Prinz machte seinen Weg, wenn auch einen langen und schwierigen. Der Historiker Preston zeichnete ihn nun nach. Mit nur zehn Jahren wurde Juan Carlos 1948 von seinem Vater nach Madrid in die Obhut des spanischen Diktators Franco geschickt. "Der Prinz ist zu dieser Zeit der Tennisball in einem Match, gespielt zwischen seinem Vater und Franco", beschreibt der Preston die Jugend von Juan Carlos. Er war ein trauriger Prinz. Sein Vater Juan, Sohn Königs Alfonso XIII., wollte mit Hilfe seines Sohnes seine eigenen Ansprüche auf den Thron wahren. Franco unterdessen wollte den jungen Prinzen zum treuen Gefolgsmann formen. Keiner von beiden sollte sein Ziel erreichen. Juan Carlos, und nicht sein Vater, bestieg 1975 den spanischen Thron und führte das Land entgegen vielen Erwartungen in die Demokratie. Der Kampf um die ZuneigungDer als "durchschnittlich intelligent" beschriebene Prinz erwies sich als überaus kluger König. Preston zitiert Notizen des britischen Diplomaten Nicko Henderson, der sich im Mai 1966 mit Juan Carlos unterhielt. Henderson empfand den damals 28-Jährigen als "weder sehr reif noch profund, aber ausgesprochen angenehm und offen". Der Prinz habe ihm auch gestanden, er habe große Teile des Landes besucht, aber "nirgendwo habe ich eine spontane starke Zuneigung der Spanier für die Monarchie gespürt". Heute ist das Königshaus die mit Abstand höchstgeschätzte Institution der Spanier. Auch dank des umsichtigen Handelns von König Juan Carlos. Dessen royale Autorität ließ 1981 selbst einen Militärputsch scheitern. General Guillermo Quintana Lacaci gestand wenige Tage nach dem missglückten Umsturz: "Ich bin Franquist. Ich verehre das Andenken General Francos. Aber der Caudillo gab mir Befehl, seinem Nachfolger zu gehorchen, und der König befahl mir, den Putsch zu stoppen, und ich stoppte ihn. Wenn er mir befohlen hätte, das Parlament zu stürmen, hätte ich es gestürmt." Ein weiser Entschluss eines glücklichen Königs.Eine weitere Hoheit // Um Spaniens Herrscherfamilie ranken sich viele Gerüchte. Der heutige König Juan Carlos tötete 1956 beim Spielen seinen jüngeren Bruder Alfonso. Es sei ein Unfall, beteuert der Palast. Eine Untersuchung des Vorfalls gab es nie.Paul Preston, ein britischer Historiker, hat nun eine Biografie Juan Carlos herausgebracht. Der Titel: "Juan Carlos, der König eines Volkes. " Der tödliche Schuss wird darin als unglücklicher Unfall beschrieben.Am Donnerstag wurde ein weiteres Geheimnis gelüftet. Spaniens Königshaus erhielt ein neues Mitglied. Der 74-jährige Leandro Alfonso Ruiz Moragas, unehelicher Sohn des Ex-Königs Alfonso XIII. , bekommt von einem Gericht das Recht, den Namen Borbón zu führen. Damit erhält er zugleich das Recht auf den Ehrentitel Königliche Hoheit. Ruiz Moragas entspringt einer jahrelangen Beziehung von König Alfonso XIII. (1886-1931) mit der Schauspielerin Carmen Ruiz Moragas.AP/GUILLERMO ARIAS Spaniens König Juan Carlos und seine Frau Sofia. Eine neue Biografie schildert nun den Aufstieg des Adligen zum umsichtigen Herrscher.