Die Mehrzahl der Artikel, die in den letzten Jahren über Inge Müller geschrieben wurden, stellt sie als eine vergessene Autorin vor. Manche sagen: Wenn sie ein Mann gewesen wäre, würde man sie noch kennen. Aber so einfach ist das nicht. Als Lyrikerin konnte sie überhaupt erst nach ihrem Tod bekannt werden. Als Dramatikerin hat sie vielleicht zu wenige, vielleicht zu sehr an ihre Zeit gebundene Stücke geschrieben, um heute noch gespielt zu werden. Ihre Prosa blieb Fragment; publiziert hatte sie fast nur Texte für Kinder.Wie aber kann eine Schriftstellerin vergessen genannt werden, über die siebenundsiebzig Jahre nach der Geburt und sechsunddreißig Jahre nach dem Freitod - also ohne irgendein Jubiläum - eine ausführliche Biografie erscheint und eine Sammlung fast aller auffindbaren Texte? An diesem Sonnabend stellt Sonja Hilzinger den von ihr herausgegebenen Band "Dass ich nicht ersticke am Leisesein" vor. Im vergangenen Monat erschien Ines Geipels Buch "Dann fiel auf einmal der Himmel um. Inge Müller. Die Biographie". Nie zuvor gab es so viel von und über Inge Müller zu lesen.Ines Geipel hatte schon vor sechs Jahren Texte aus Müllers Nachlass veröffentlicht. Sie ist eine Spezialistin für die Rekonstruktion von Lebenswegen und Schreiberfahrungen, Mitbegründerin des Archivs "Unterdrückte Literatur der DDR", das den Opfern staatlicher Zensur späte Gerechtigkeit zukommen lassen will. Dieser Hintergrund erklärt Geipels entschieden politische Sicht auf Leben und Werk Inge Müllers.Erstaunlich ist, wie viel sie über die Zeit herausgefunden hat, bevor Inge Müller zur Schriftstellerin wurde: Von den Gerüchen und Geräuschen eines Berliner Mietshauses in den zwanziger Jahren, der Kindheit ihrer Heldin, bis zu Ausbildung und Arbeitsdienst im Dritten Reich ergibt sich aus Puzzleteilchen ein Bild.Ingeborg Meyer, 1925 geboren, heiratete zweimal, ehe sie 1955 die Ehefrau des damals noch in seinen Anfängen als Autor stehenden Heiner Müller wurde. An den Stücken und Hörspielen "Der Lohndrücker", "Klettwitzer Bericht" und "Die Korrektur" schrieb das Paar gemeinsam und wurde dafür von der Akademie der Künste mit dem Heinrich-Mann-Preis geehrt. Die Müllers wohnten zunächst in Lehnitz bei Berlin in der oberen Etage des Hauses, in das sie als Ingeborg Schwenkner mit ihrem zweiten Mann gezogen war. Herbert Schwenkner, damals Direktor des Berliner Friedrichstadtpalastes, blieb unten wohnen. In dem Jahr, da seine Ex-Frau Heiner Müller heiratete, ließ er sich als IM "Friedel" anwerben. Die Stasi erwartete, das weist Ines Geipel nach, dass er nicht nur die Müllers sondern auch deren Künstlerfreunde ausspionierte.Allein, wenn man die äußeren Bedingungen ihrer literarischen Arbeit betrachtet, muss sich die Autorin Inge Müller zwischen den Fronten hin- und hergeschoben gefühlt haben. Fast zur selben Zeit, da die Uraufführung von Heiner Müllers Stück "Die Umsiedlerin" zur Staatsaffäre in der DDR wurde, erhielt sie zusammen mit zwei Kollegen den "Vaterländischen Verdienstorden" in Bronze für das Hörspiel "Die Weiberbrigade". Zur gesellschaftlichen Schizophrenie kam die persönliche: Ihr Sohn Bernd aus erster Ehe blieb Heiner Müller fremd. Und sie verliebte sich in Heiners jüngeren Bruder Wolfgang, der zeitweise bei ihnen wohnte.Während also Ines Geipel die Entwicklung von einem fröhlichen Mädchen zu einer zwischen Anspruch und Aufgaben zerrissenen Frau ergründet, versucht Sonja Hilzinger das literarische Werk in seinem ganzen Umfang zu zeigen. Die Literaturwissenschaftlerin, die auch die Christa-Wolf-Werkausgabe betreut, durchforstete den kaum geordneten Nachlass in der Akademie der Künste. Nachdem 1985 der erste umfassendere Gedichtband und 1996 Geipels Buch mit Gedichten, Tagebuch- und Prosa-Auszügen erschienen war, geht Hilzinger weiter.Verdienstvoll ist ihr Buch einerseits hinsichtlich des Roman-Fragments "Ich Jona", dessen längere Abschnitte und Textsplitter über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren entstanden. Sie ordnete sie entlang einer möglichen Lebenslinie der weiblichen Figur, die als Jona in der dritten Person oder als "Ich" agiert. Jetzt ist wenigstens erahnbar, was für ein Buch daraus hätte werden können. Viele Episoden zeugen vom Kampf der Figur gegen jegliche Fremdbestimmung - in der Familie wie in der Gesellschaft. Einige davon könnten durchaus als Kurzgeschichten bestehen, so ausgefeilt sind sie. Die zweite große Leistung Hilzingers besteht darin, 162 Gedichte Inge Müllers erstmals zugänglich zu machen. Die meisten lagen nur handschriftlich vor. Natürlich drängte sich zunächst die biografische Sicht auf, man lese nur die drei Varianten von "Unterm Schutt". Etwa das dritte Gedicht: "Als ich Wasser holte fiel ein Haus auf mich/ Wir haben das Haus getragen/ Der vergessene Hund und ich. / Fragt mich nicht wie/ Ich erinnere mich nicht. / Fragt den Hund wie. " Als zwanzigjährige Wehrmachtshelferin, einberufen zum letzten Aufgebot der Hitler-Armee, erlebte sie den Kampf um Berlin. An der Schwedter Straße in Prenzlauer Berg sackte ein von Bomben beschädigtes Haus über ihr zusammen. Drei Tage war sie eingeschlossen. Kurz darauf grub sie ihre toten Eltern aus den Trümmern ihres Hauses in Berlin-Friedrichsfelde. Die Erinnerung daran kam immer wieder, auch körperlich. Ärzte fanden für Inge Müllers Schmerzen, die sie mehrmals für Monate in Krankenhaus brachten, wenig physiologische Erklärungen.Bei Hilzinger erscheinen die Gedichte in sieben Gruppen, ihre innere Ordnung entspricht denen der Personalpronomen. Die größte Gruppe der Ich-Gedichte spiegelt Inge Müllers Erfahrungen mit dem Schreiben, mit Krankheit, dem Kriegstrauma und der eigenen Kindheit. "Unterm Schutt" ist hier eingeordnet. Es folgen die Du-Gedichte, die von der Liebe künden, von Sehnsucht und Abschied. "Die Nacht sie hat Pantoffel an/ Aus Tierhaut und aus Gold/ Im Stiefelschritt marschiert der Tag/ Der unsre Nacht einholt. // Wenn morgen früh im Dämmerlicht/ Der Star vom Dachrand schreit/ bleibt dein Gedicht und mein Gedicht/ Wir und die Nacht sind weit. " Liedhaft und einfach klingen die Liebesgedichte beim ersten Lesen, doch die Symbolik fesselt. Die dem "Wir", "Ihr", "Sie" zugeordneten Texte gehen von einer Gemeinschaft aus. Inge Müller thematisiert Abgrenzung und Zugehörigkeit. Wenn sie "wir" sagt, meint sie nicht das genormte sozialistische Wir, sondern eher eine imaginäre Gruppe Gleichgesinnter, ähnlich Denkender.Ihre Gedichte offenbaren ein reiches uvre, das Inge Müller jedoch - so legen es Biografin und Herausgeberin nahe - für weniger bedeutsam hielt als ihre dramatischen und Prosaarbeiten. Inge Müller war nicht eine todgeweihte Frau, die auch Gedichte schrieb, sondern eine große Lyrikerin. "Atemknapp" nennt Ines Geipel ihren Stil der letzten Jahre, der auch ihrer Dramatik eigen ist: Immer stärker komprimierte Inge Müller ihre Aussagen, immer stärker wurde ihr Ausdruck, sowohl in ihrer Selbstsicht als auch in ihrer Auseinandersetzung mit anderen. Diese Qualitäten kann man erst jetzt würdigen.Ines Geipel: Dann fiel auf einmal der Himmel um. Inge Müller. Die Biographie. Henschel, Berlin 2002. 288 S. , 19,90 Euro.Inge Müller: Dass ich nicht ersticke am Leisesein. Gesammelte Texte. Aufbau Verlag, Berlin 2002. 500 S. , 25 Euro.