Paeonia! Pfingstrose!", brüllt Professor Hong. Der Bus bremst leise quietschend. Als er zum Stehen kommt, ist der Mann längst an der Tür. Schwankend und aufgeregt mit der Hand wedelnd deutet er ins Dickicht am Straßenrand: "Ich habe gute Augen", verkündet er strahlend. Die Kamera im Anschlag springt Professor Hong aus dem Bus und läuft durch den Nieselregen zurück zu einem steilen, felsigen Hang. Sein Assistent Dr. Zhou heftet sich ihm an die Fersen. Für einen Augenblick verschwindet Hongs kleine Gestalt im Gebüsch, dann taucht der Kopf wieder auf, "Paeonia!" brüllt der Professor noch einmal, "Paeonia veitchii!".Eine Minute später krabbeln und klettern zwanzig Menschen über die Böschung, reden durcheinander, hier auf Englisch, da auf Chinesisch, dort auf Deutsch. Füße suchen Halt in steilem Gelände, Hände drehen an Kameraobjektiven, drücken auf Auslöser. Nach knapp einer Woche haben die Teilnehmer der "Peonies of China 2006"-Tour ihr erstes halbes Dutzend wild wachsender Pfingstrosen gefunden. Die gute Stimmung schlägt um in botanische Euphorie. Gleichgültig gegenüber der über sie hereinbrechenden Aufmerksamkeit wiegen sich die kniehohen Pfingstrosenstauden unschuldig im Wind. Sie haben einige wenige handtellergroße, rosa Schalenblüten mit auffälligen gelben Staubgefäßen über buschigem, gezacktem Laub. Das Fotografieren und Diskutieren nimmt kein Ende, auch andere Pflanzen geraten in den Blickpunkt, einen Busch, ein gelbes Veilchen, eine kleine violette Iris, einen rotästigen Strauch. Erst als Yu Li Shan, der geduldige chinesische Reisebegleiter der Tour, zum dritten Mal zum Rückzug bläst, trotten die Pflanzenfotojäger nach und nach langsam in seine Richtung. "Päääonien-Gruppe, zurück in den Bus! Pääääonien-Gruppe!", ruft Yu Li Shan noch einmal gedehnt.Es sind trübe, regnerische Tage in den Bergen im Westen der chinesischen Provinz Sezchuan auf über 3000 Metern Höhe. Wie Rauch ziehen die Nebelschwaden vom Wind getrieben an üppig bewaldeten Berghängen vorüber, die Gipfel sind verhüllt. Aus dem Grün der Wälder leuchten blühende Rhododendron-Bäume wie rosa und lila Farbflecken, das Bambuslaub raschelt im Wind. Die Ranken von weißblütigen Waldreben ("Blühende Clematis links!", ruft jemand, und zwanzig Köpfe wenden sich), hängen von Bäumen und Sträuchern, und auf einer taufeuchten Wiese am Rand der gewundenen Schotterstraße steht ein halbes Dutzend übermannshoher Lilien in voller Blüte. "Cardiocrinum giganteum, eine in China endemische Lilie, die nach sechs bis sieben Jahren zum ersten Mal blüht. Dann stirbt sie und bildet neue Knollen", erklärt James Waddick, 65, amerikanischer Botaniker und Buchautor mit weißem Vollbart und kugelrundem Bauch. Er ist der wissenschaftliche Leiter der Pfingstrosenreise, deren Teilnehmer wie selbstverständlich auch für alle anderen interessanten Pflanzen außer Päonien einen Stopp einlegen.An der Seite James Waddicks kämpft sich Jonathan Knisley durch dichtes, feuchtes Blattwerk, das ihm bis zur Hüfte reicht, zu den Riesenlilien vor und stellt sich daneben. Er ist mittelgroß, die Lilie ist größer. Ihre horizontal abstehenden, cremefarbenen Lilienblüten ragen über seinen Kopf hinaus, Knisley grinst unter einem blonden Schnurrbart. Er ist Mitte 40, Onkologe und Professor an der Universität Yale. Verheiratet mit einer chinesischstämmigen Amerikanerin, spricht Mandarin und ist im Besitz eines Höhenmessers, der auf dieser Reise oft zum Einsatz kommt: "Jonathan, wie hoch sind wir?", "12 000 Fuß", "Wie viel ist das in Metern?", "Circa 4 000", "Wow!". Als Mediziner wird er von den anderen Teilnehmern auch in Sachen Höhenkrankheitsvorbeugung konsultiert.Die Teilnehmer der "Peonies of China 2006"-Tour haben sich vor einer Woche in Peking getroffen. Die meisten kommen aus den USA, aus Kanada und China, zwei aus Deutschland, zwei aus Österreich: Ein Banker und seine Frau aus Oregon sind darunter, ein 82-jähriger ehemaliger Lehrer und Palmen-Sammler aus Vancouver, eine Agrar-Versicherungsmaklerin aus Minnesota, zwei, drei Besitzer von Gärtnereien an der amerikanischen Ostküste, eine Blumenmalerin aus Ontario, eine pensionierte Biologin aus Wien. Alle lieben Pflanzen und haben zu Hause Gärten, viele besitzen das unbeschwert erworbene Spezialwissen leidenschaftlicher Amateure, einige sind geschulte Experten, andere finden Pfingstrosen einfach schön, ohne viel über sie zu wissen. Die meisten haben Alexandra David-Néels Reisetagebuch "Mein Leben auf dem Dach der Welt" oder den Ernest Henry Wilson-Klassiker "Ein Botaniker in China" (1913) gelesen und haben Sätze wie diesen im Kopf: "Ein Ritt durch die Berge Nordchinas, wenn die Strauchpäonien blühen, ist ein Vorgeschmack auf das Paradies." Auf zumeist verschlungenen Pfaden - über Gärtnernetzwerke, Mundpropaganda oder Aussendungen lokaler Päonien-Gesellschaften - haben sie die dreiwöchige botanische Studienreise entdeckt, die die Kanadierin Paige Woodward organisiert hat. Sie ist die Besitzerin der "Pacific Rim Native Plant Nursery", einer Spezialgärtnerei für Pflanzenraritäten in den Bergen nahe Vancouver, eine große, resolute Endfünfzigerin mit sonorer Stimme, präzisen Ansichten und langen grauen Haaren, die ein blasses, rundes Gesicht rahmen. Es ist Paiges dritte Pfingstrosen-Tour durch China, die Hälfte der Teilnehmer kennt sich schon von einer früheren Reise durch andere Teile des Landes.Die "Peonies of China 2006"-Tour führt von Peking in die westlichen Provinzen Gansu und Sezchuan und schließlich über Lhasa bis weit ins osttibetische Hochland. Auf dem Programm steht der Besuch von Päonien-Gärten und -Parks, Spezialgärtnereien und - vor allem - von Naturstandplätzen wild wachsender Pfingstrosen. Dazu kommen die Verbotene Stadt in Peking, die Chinesische Mauer, das Panda International Wildlife Reserve in Westsezchuan, der Potala Palast in Lhasa und einige tibetische Tempel und Klöster. Ein halbes Dutzend Inlandsflüge, tägliche Weckrufe zwischen 6 und 7 Uhr und viele, viele Stunden Busfahrt - auf mitunter abenteuerlichen Straßen und bis zu 5 000 Meter Höhe - inklusive: Erschöpfender Genuss im Namen der Botanik.Ziemlich geschlossen mit an Bord ist die Crème de la Crème chinesischer Pfingstrosenexperten, allen voran Hong Deyuan. "Professor Hong ist die Big Banana unter Chinas Botaniker. Er ist Mitglied der chinesischen Akademie der Wissenschaften und erster Päonien-Experte des Landes. Seinem Einfluss verdanken wir unsere Zugangsgenehmigungen zu einigen entlegenen tibetischen Gebieten, die für Touristen normalerweise gesperrt sind", verkündet ein rotwangiger James Waddick am Begrüßungsabend bei einem opulenten Bankett und hebt, während die China-Frischlinge noch ratlos-neugierig mit ihren Essstäbchen in gedünsteten Seegurken-Stückchen stochern, sein Glas zu einem ersten von ungezählten Toasts. Professor Hong, dessen lautstarke und leidenschaftliche Quirligkeit sein Alter von fast 70 Lügen straft, toastet zufrieden zurück: "Auf die Freundschaft und auf viele Päonien!" Sein Assistent Dr. Zhou Ziqin, selbst längst Dekan einer Hochschule in Chengdu, bringt einen Toast auf seinen "Verehrten Lehrer und eine erfolgreiche Reise" aus. Dann erhebt Professor Cheng Fangyun, Chinas wichtigster Mann auf dem Gebiet der Päonien-Gruppe der "Ziban Mudan" oder Rockii-Hybriden, sein Glas, schließlich Paige Woodward. Beide sprechen im Namen der Pfingstrose.China und die Pfingstrosen: Das gehört zusammen wie Kanada und der Ahorn oder Japan und die Kirschblüte. Spricht man in China von Päonien, sind fast immer Strauchpfingstrosen oder - chinesisch - Mudan gemeint. Sie sind, wie der Name schon suggeriert, laubwerfende Sträucher mit verholztem Astwerk, die zwischen einem und drei Metern hoch werden. Ihre Heimat ist das nördliche China und die Ostregion Tibets. In früheren Zeiten nannte man die Strauchpfingstrose "Hua Wang" - "König der Blumen". Die Staudenpäonie hingegen (die im Winter abstirbt, im Frühjahr neu austreibt und der im Westen weitaus vertrautere Anblick ist) bekleidete nur das Amt "Hua Liang" - "Minister des Königs", womit hierarchisch betrachtet eigentlich bereits alles gesagt ist. 2000 Jahre alt ist ihre Züchtungsgeschichte. Schon um 1 000 n. Chr. gab es in der Stadt Louyang im Westen der Provinz Henan, die bis heute eines der Pfingstrosenzentren des Landes ist, rund 30 Zuchtsorten. "Päonien waren so populär, dass das Wort 'Blume' gleichbedeutend war mit 'Strauchpfingstrose'", erzählt Carsten Burkhardt. Der Zahnarzt aus Kolkwitz bei Cottbus ist auf seiner zweiten Päonien-Reise durch China, dieses Mal gemeinsam mit seiner Frau Katrin Huschen, einer Bauingenieurin. Carsten Burkhardts gärtnerische Leidenschaft für Pfingstrosen entbrannte vor etwa zehn Jahren. Seither hat er sich zu einer in Expertenkreisen hoch geschätzten Päonien-Enzyklopädie in massiger, vollbärtiger Menschengestalt entwickelt. In der internationalen Gemeinde der Päonien-Liebhaber und -Forscher geht kaum mehr etwas ohne ihn. Er verkauft und sammelt Pfingstrosen, pflegt internationale Kontakte und publiziert. Seine fünfsprachige Website www.pfingstrosen.net ist eine Goldgrube des Pfingstrosen-Wissens, die seit dem Jahr 2000 mehr als 1,6 Millionen Besuche verzeichnet hat. Im Lauf der Reise macht Carsten Burkhardt 4 800 Digitalfotos und verschießt über 60 Filme.Auf einer leeren, brandneuen Autobahn fährt der "Peonies of China 2006"-Bus durch die karge, trockene Landschaft der nordwestlichen Provinz Gansu. Ockerfarbene Hügel, die die Erosion in tief gefurchte Kegel geschnitten hat, reihen sich aneinander. Sandstürme aus der Wüste Gobi, die immer häufiger werden und auch noch das 800 Kilometer entfernte Beijing erreichen, überziehen das Land mit einer feinkörnigen Schicht. Mühsam bewässerte Pflanzungen von dürren, kleinen Zypressen- und Weidenbäumchen täuschen kaum darüber hinweg, dass Sand und Wind die Herren der Gegend sind. Die Autobahn macht eine Biegung und gibt unvermittelt den Blick frei auf Lanzhou, die Hauptstadt von Gansu, deren Hunderte Hochhäuser sich kilometerlang links und rechts des Gelben Flusses hinziehen. An diesem Tag trabt die "Peonies of China 2006"-Gruppe durch den Päonien-Schaugarten der "Peace Peony Nursery" außerhalb von Lanzhou. Jenseits eines roten, mit bunt bemalten Schnitzereien verzierten Pagodentores, auf dem in goldenen Schriftzeichen "Mudan-Garten", "Himmlischer Duft" und "Nationale Farbe" geschrieben steht, steigt der Garten in flachen Terrassen einen Hang hinauf. Die Strauchpäonien, die hier blühen, sind allesamt Rockii-Hybriden, benannt nach dem österreichisch-amerikanischen Forschungsreisenden und Pflanzensammler Joseph Rock, der in den 1920er-Jahren im Auftrag der "National Geographical Society" Westchina bereiste: Sie haben große Blüten mit dunklen Basalflecken auf den Blütenblättern und leuchten in allen Farbtönen von Weiß und Gelb über Rosa, Lila, Purpur bis zu fast Schwarz. Viele der Sträucher sind Jahrzehnte alt, über zwei Meter hoch und so übersät mit Blüten, dass man zwischen ihnen in einem Pfingstrosenmeer zu schwimmen scheint. Beseelt durchstreift die Gruppe den Garten, über dem ein süßer, feiner Rosenduft liegt. Man fotografiert sich gegenseitig vor besonders schönen Sträuchern, steckt die Nase schnuppernd in große Blüten, befingert prüfend das Blattlaub, lauscht den Ausführungen der Experten. Christine Fenzl aus Wien packt einen kleinen Aquarellkasten und Tuschstifte aus und zeichnet in schnellen, geübten Strichen die kolorierte Ansicht einer rosa Pfingstrosenblüte und einer braunen Samenkapsel in ihr Moleskine-Reisenotizbuch. Es ist ihre Art, zu schauen und Tagebuch zu führen.Hingebungsvolle Pfingstrosen-Fans sind in China ein durchaus alltäglicher Anblick. Im Jingshan-Park in Beijing - nördlich der Verbotenen Stadt - stößt man alle fünf Meter auf lächelnde chinesische Männer und Frauen, die sich vor blühenden Pfingstrosensträuchern fotografieren lassen. Gemalte Pfingstrosen blühen auf Hausfassaden und Garagentoren, in den geschnitzten Verzierungen von Hotelhallen-Wänden, auf Email-Thermoskannen und Parfum-Flacons. Janice Mason Steeves, die in Kanada mit ihren Blumen-Malereien bekannt geworden ist, folgt diesen chinesischen Kunst-Päonien mit dem Fotoapparat ebenso hartnäckig wie den echten. Für ihre nächste Ausstellung im Herbst in Toronto will sie ausschließlich Pfingstrosen malen. "Ich habe beschlossen, dass der Titel der Ausstellung 'Mudan'sein wird", sagt Janice. Im Hotel-Shop in Lhasa lässt sie sich einen Stempel aus jadegrünem Stein schnitzen, mit dem sie ihre Bilder auf der Rückseite signieren wird. Sie führt ihn vor: In einem roten Tintenquadrat steht "Janice" auf Englisch, darunter auf Tibetisch und Chinesisch. "Jetzt muss ich nur noch die Bilder malen!", sagt sie lachend.Eine veritable "Paeoniamania", vergleichbar dem Tulpenwahn im Holland des 17. Jahrhunderts, erlebte China ab 690 n. Chr. Ausgelöst wurde sie durch Chinas erste Kaiserin Wu Zetian, die den schönen Blumen sehr zugetan war. Der Sage nach soll sich die Päonie allerdings frech dem kaiserlichen Wunsch, auch im Winter zu blühen, widersetzt haben und fiel dadurch zwischenzeitlich wieder in Ungnade. Trotzdem: Die Päonie stieg auf zur kaiserlichen Blume, erblühte nicht nur in den fürstlichen Gärten zu Tausenden, sondern auch - gewebt, geschnitzt, gemalt - auf Seidenstoffen, Vasen und Bauwerken. Wer auf sich hielt, schrieb Gedichte auf sie, für eine Pflanze der Sorte Pe Leang Kin wurden einhundert Unzen Gold gezahlt und im Frühling herrschte Ausnahmezustand: "Zur Zeit ihrer Blüte dreht die ganze Stadt durch.Pferde und Kutschen fahren in heller Aufregung hin und her, und jeder, der sich die Päonien nicht ansah, schämte sich", schrieb ein zeitgenössischer Chronist um 860 n. Chr.Europa erreichte die sagenhafte Kunde von den chinesischen Strauchpfingstrosen erstmals 1656. Berichte der Holländisch-Ostindischen Handelskompagnie beschrieben wundersame "Rosen ohne Dornen" mit Blütenblättern in Rot, Gelb oder Weiß mit Purpur, die sie auf einer Reise von Kanton nach Peking gesehen hatten. Erst über 100 Jahre später, 1787, gingen die ersten chinesischen Päonien in Großbritannien an Land und wurden sogleich in den Royal Botanic Gardens Kew gepflanzt. Doch die Gerüchte florierten weiter, manche davon sogar in der hochseriösen britischen Publikation "The Gardener's Chronicle". Am 4. Juni 1864 hieß es dort: "Man erzählt sich, dass diese Chinesen eine gelbe Sorte besäßen, ebenso eine mit schwarzen Blüten und eine gefüllte blaue, die jedoch nur im Garten des Kaisers anzutreffen sei. Die letztere brächte Blüten von ungewöhnlicher Größe hervor, jede mit 100 bis 1 000 Blütenblättern."Etwa zur selben Zeit erklärte die Kaiserin-Witwe Ci Xi die Päonie zur chinesischen Nationalblume - womöglich, weil es geschickten Gärtnern ums Jahr 1800 gelungen war, sie auch im Winter zur Blüte zu bringen. Die mythische Verehrung als Symbol für Wohlstand, Erfolg, Gesundheit und Schönheit blieb ihr erhalten, bis Maos Kulturrevolution dem allzu elitären Pflanzengeschöpf ab 1966 den Garaus machte und Pfingstrosenpflanzen massenweise liquidiert wurden. Als Garten- und Zierpflanze war sie damit vorerst aus dem Rennen. Kultiviert werden durfte sie nur mehr zu medizinischen und wissenschaftlichen Zwecken. Inzwischen ist sie weitgehend rehabilitiert. Als durchaus geeignetes Werkzeug im Dienste der Hochdiplomatie beurteilte sie jedenfalls auch die Provinzregierung von Jiangxi, als sie am 1. Juli 1997 dem Kommissar von Hong Kong ein Porzellanbild zum Geschenk machte, das voll erblühte Päonien zeigte, "die die Freude über die Rückkehr Hong Kongs nach China ausdrücken sollten".Was ihren Part in der chinesischen Alltagsmythologie angeht, befindet sich die Pfingstrose seit den 1980er und 1990er Jahren wieder im Aufwind. Bei einem Abendessen berichtet Professor Hong angeregt von den aktuellen Chancen der Päonie auf den Titel Nationalblume: "Es ist seit einigen Jahren eine heftig diskutierte Frage. Voriges Jahr lancierte eine Shanghaier Zeitung eine E-Mail-Umfrage, auf die sehr viele Menschen reagierten. 55 Prozent sprachen sich für die Päonie aus, 45 Prozent für Prunus mume, den chinesischen Meihua-Baum." Das Problem sei, erklärt Hong ernsthaft, dass die Pfingstrose im warmen Süden Chinas nicht gedeihe und sich der Süden daher durch sie nicht repräsentiert fühle."Psst, psst!", flüstert Dr. Zhou. Er mahnt zur Ruhe und versucht unauffällig, die Pflanzenjäger-Herde zusammenzuhalten. Diese hat unter wortreich kommentierten, wechselseitigen Hilfestellungen eine hüfthohe, überwachsene Steinmauer überwunden und schwärmt unkontrolliert wie eine Meute schnüffelnder Hunde querfeldein auseinander. Der Weg scheint nur dazu da zu sein, um von ihm abzukommen und sich im Grün zu verlieren. Professor Hong eilt im Stechschritt voran, den Hügel am Dorfausgang im Auge, auf dem er eine große, wild wachsende Population der gelb blühenden Strauchpfingstrose Paeonia delavayi vermutet. Einige herumstreunende, schwarzborstige Hausschweine traben mit wippenden Ohren erschrocken davon. Der Himmel ist azurblau, im Tal blühen gelbe Rapsfelder und flattern Gebetsfahnen auf Hausdächern, am Horizont glänzen schneebedeckte Berge. Doch Dr. Zhou ist nervös. Das Gelände liegt nahe an militärischem Sperrgebiet. Gleich jenseits einer Betonabsperrung ist eine Kaserne. Man sieht tarngrüne Lastwagen und eine Reihe grün gewandeter Soldaten, die längst auf das seltsame Menschengewusel aufmerksam geworden sind, das sich knipsend kreuz und quer über die Dorfwiesen bewegt. In diese entlegene Gegend des osttibetischen Hochlands nahe der umstrittenen Grenze zum indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh, einige Kilometer südlich der kleinen Stadt Nyingchi, verirren sich üblicherweise keine Reisegruppen. Die Soldaten schauen aufmerksam, ratlos. "Psst, psst", flüstert Dr. Zhou noch einmal. Professor Hong hingegen, der durch ein Fernglas blickt, brüllt begeistert "Paeonia" und deutet geradeaus. Von ihm angeführt keucht die Gruppe unter knorrigen Eichen einen staubigen Hang hinauf.Oben eine leicht schiefe Ebene und darauf mehrere Hundert Pfingstrosensträucher in voller Blüte. "Ich bin im Himmel", seufzt der Gärtnereibesitzer Robert Hoffman aus New Jersey selig, nimmt andächtig seinen Hut ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Aus dem hellgrünen Laub der Paeonia delavayi-Sträucher leuchten Abertausende sonnengelber Schalenblüten. Viele der Pfingstrosen sind übermannshoch, um ihre holzigen Stämme wachsen winzige, zarte Sämlinge. Die strahlende Sonne scheint durchs Laub und verleiht der Szenerie eine luftige, zauberhafte Transparenz. Das tiefe Blau des Himmels, der Wechsel von Licht und Schatten unter den einzeln stehenden Eichen und das Weiß der Berggipfel im Hintergrund bilden eine berückende Kulisse.Professor Hong, Dr. Zhou und Carsten Burkhardt untersuchen einen Pfingstrosensämling und erörtern die Frage, ob diese gigantische Wildsträucher-Population aus Samen gewachsen oder durch Wurzelteilung entstanden ist. Etwas entfernt sitzt Christine Fenzl mit ihrem Aquarellkasten malend auf einem Stein. Der 82-Jährige, stets heiter plaudernde Lawrence Wick aus Vancouver, der ein Freund sperriger Souvenirs ist und bereits einen Yak-Sattel, drei große Kuhglocken und ein 30 Zentimeter langes Yak-Stofftier erstanden hat, hält zwischen den Päonien nach schön geformten und gemusterten Steinen Ausschau. James Waddick posiert - Handrücken der linken Hand an der Stirn, den Oberkörper nach hinten gebeugt und eine Blüte quer im Mund - für eine sehr offen interpretierte Päonien-Spielart der Kameliendame. Übermütig wirft sich Sheila Palmiter vor ihm der Länge nach anbetend in den Staub. Die kleine, graugelockte Frau ist eine ehemalige Trick-Reiterin und führt inzwischen mit ihrem Mann Merle, der jahrelang als Cowboy in Montana gearbeitet hat, in der Nähe von Buffalo eine Gärtnerei. Der Onkologe Jonathan Knisley streift fotografierend umher, Professor Cheng gräbt zu Forschungszwecken eine kleine Päonie aus, sucht nach Samen vom Vorjahr und einem vertrockneten Exemplar fürs Herbarium.100 Meter weiter versucht Robert Hoffman die ephemere Schönheit der Pfingstrosen und die profane Bodenständigkeit eines schwarzen Schweins gemeinsam auf ein Digitalfoto zu bannen. Vorsichtig, Kamera im Anschlag, nähert er sich dem Tier, das selbstvergessen mit der Schnauze in der Erde wühlt, doch jedes Mal aufs Neue springt das Schwein im entscheidenden Augenblick störrisch aus dem Bild.Nicht so die Teilnehmer der "Peonies of China 2006"-Tour: Fürs Gruppenfoto mit Paeonia delavayi halten sie ganz still. Nichts als zufrieden lächelnde Gesichter und viele gelbe Schalenblüten.------------------------------Information:Auf Paige Woodwards Website www.hillkeep.ca finden sich unter der Rubrik "Plant Travel" Informationen über zukünftige botanische Studienreisen nach China (u.a.).------------------------------Fotos : Blick in einen Schaugarten in der chinesischen Provinz Gansu (oben). Professor Hong und sein Assistent mit einem Exemplar der Pfingstrosenart Paeonia Veitchii in den Bergen West-Sezchuans (Mitte). Expeditionsteilnehmer vor einer blühenden Paeonia dela Vayi in Osttibet (unten).