An einigen Stellen sind die Schienen säuberlich durchtrennt, durch Straßen führt ein schmaler Riss. Autos, Straßenlaternen und Menschen sind in Streifen aus Klebeband gehüllt. Es sollte der sicherste Schutz sein für den großen Umzug einer kleinen Welt, den eigentlich niemand geplant hatte, den viele für unmöglich hielten und der trotzdem funktionierte.Henrik Göddeke steht im dritten Stock des neuen Einkaufcenters Alexa vor seiner 700 Quadratmeter großen Modellbahnanlage. In vier Wochen sollen dort im Dauerbetrieb 200 Schnell- und Regionalzüge auf Gleisen von 4,3 Kilometern Länge durch eine Fantasie-Landschaft mit Berliner Sehenswürdigkeiten wie Reichstag, Fernsehturm, Rotes Rathaus und durch die Bahnhöfe Zoologischer Garten, Alexanderplatz und Hauptbahnhof fahren. Auf dem neuen Flugplatz starten und landen Flugzeuge. "Überall wird es blitzen und blinken", sagt Henrik Göddeke und sagt schnell noch: "Wenn alles klappt!"Denn in den vergangenen Wochen hat der Geschäftsführer der Loxx Miniaturwelten seine riesige Modelleisenbahnanlage, eine der weltweit modernsten und größten, mit der Hilfe von 50 Modellbauern in 170 Einzelteile zerlegt. 240 Umzugswagen haben die nummerierten Segmente, Kisten und Computer von der Meinekestraße in Charlottenburg in die Alexa nach Mitte transportiert. "Bisher hat niemand den Versuch unternommen, mit so einer Anlage umzuziehen", sagt Göddeke. Und auch der 40 Jahre alte Rechtsanwalt wäre wohl nie auf die Idee gekommen, eine Modellbahnanlage, die einst 30 Hobbybastler und Computerexperten im Laufe von sieben Monaten dauerhaft zusammengefügt hatten, wieder auseinander zu nehmen, um sie an anderer Stelle wieder aufzubauen. Doch dann kam im Frühjahr 2007 eine Anfrage aus dem Büro der Alexa-Geschäftsführung. Ob sich Göddeke vorstellen könne, mit seiner Anlage an den Alexanderplatz zu ziehen. Göddeke grübelte, das Angebot hatte Vorteile: Am Alex gibt es mehr Platz, 3 000 Quadratmeter sind es jetzt, weitere 700 Quadratmeter Ausstellungsfläche kann er später auch noch mieten. Und dann die zentrale Lage. Tausende Kunden werden täglich im neuen Einkaufscenter erwartet - alle sind potenzielle Besucher. Göddeke blieb unsicher: Wird nach einem Umzug alles wieder funktionieren, wenn 170 Kilometer Kabel an 500 Stellen durchtrennt werden müssen? Kann man zwei Kilometer Oberleitung wieder straff zusammenfügen? Und bekommt man eine filigran gestaltete Landschaft mit detailgetreuen Nachbildungen wirklich wieder nahtlos zusammengefügt? Göddeke fragte seine Mitarbeiter. "Alle hielten den Umzug für möglich und stimmten zu", sagt er. Und schließlich war er dann auch bereit, die 750 000 Euro für den Umzug - so teuer wird er nämlich nach seinen Angaben - zu bezahlen. Noch bei laufendem Betrieb in der Meinekestraße begannen die Modellbauer in Nachtschichten, Kabel unter der Anlage zu durchtrennen und mit Steckverbindungen wieder aneinander zu fügen. Das erleichterte den späteren Ab- und Aufbau. Für die gesamte Anlage wurde ein Schnittplan erarbeitet. Oberstes Prinzip: Die Segmente sollten in so große Teile wie nur möglich geschnitten werden. Doch größer als die breiteste Türöffnung durften sie nicht sein.Am 4. Juni schloss Göddeke seine Ausstellung in Charlottenburg, am nächsten Tag begann der Abbau, es folgte der Umzug. Ohne Fahrstuhl in der Alexa. Der war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Betrieb.Seit sechs Wochen fügen 50 Modellbauer im Drei-Schicht-System die Anlage wieder zusammen: Sie verbinden Gleise, flicken Risse in Straßen, versetzen Berge, entfernen Klebebänder von Autos und kleinen Menschlein. Die Anlage ist jetzt hundert Quadratmeter größer, es gibt neue Licht- und Soundeffekte mit Sonnenauf- und -untergängen, Gewittergrollen und Fluglärm. Zur Eröffnung der Alexa, soll die Anlage wieder so aussehen und funktionieren wie früher. Zwischen Umzugskisten und Bohrmaschinen fahren schon die ersten Testzüge.------------------------------170 Kilometer KabelDie Anlage: Auf 700 Quadratmetern wurden insgesamt vier Tonnen Holz verbraucht, drei Tonnen Gips sowie Unmengen an Pappe und Acrylglas. 45 000 Bäume und 50 000 Figuren wurden aufgestellt.Die Technik: 30 000 Leuchtdioden stecken in Bahnen, Autos, Laternen und Häusern. 170 Kilometer Kabel sind nötig, 30 Rechner und 80 Kameras koordinieren den Verkehr.Die Eröffnung: Ab dem 12. September hat Loxx am Alex täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Eintritt: 8,90 Euro, Kinder bis ein Meter frei, bis acht Jahre 2,20 Euro, bis 14 Jahre 4,50 Euro. Tel: 44 72 30 22Im Internet: www.loxx-berlin.de------------------------------Foto: Die Bahn kommt: Am 12. September muss die 700 Quadratmeter große Anlage fertig sein. Dann eröffnet die Alexa.------------------------------Foto: An dieser Stelle wurde die Anlage durchtrennt. Später sind die Schnittstellen nicht mehr erkennbar.