Eine Dokumentation über ein Todesurteil von 1947: Das Ende der Todesstrafe in Westdeutschland

Im November 1945 tötet eine junge Mutter in der französischen Besatzungszone Deutschlands ihren fünfjährigen Sohn und ihre neunzehn Monate alte Tochter. Sie flieht, wird gefasst, in Haft genommen, psychiatrisch begutachtet, im Juli 1947 vor Gericht gestellt und am fünften Verhandlungstag zum Tode verurteilt. Die französische Besatzungsmacht genehmigt das Urteil. Doch es kann nicht vollzogen werden, denn es gibt keine Richtstätte, keine Guillotine und keinen Henker.Die Journalisten Friedrich Küppersbusch und Oliver Becker haben das Schicksal von "Deutschlands letzter Todeskandidatin" beschrieben - historisch genauer und nüchterner formuliert, handelt es sich wohl eher um das Schicksal der letzten Person, die nach dem Krieg von der westdeutschen Justiz zum Tode verurteilt wurde. Das Buch, das auf einer Fernsehreportage beruht, rekonstruiert aus ungewohntem Blickwinkel die Abschaffung der Todesstrafe in der entstehenden Bundesrepublik. Während die Regierung des neu gegründeten Landes Rheinland-Pfalz sich Gedanken über die Vollstreckung des Urteils in einer einzurichtenden Richtstätte macht, tritt der von den Ministerpräsidenten eingesetzte Verfassungskonvent zusammen, um Richtlinien für ein Grundgesetz zu erarbeiten. Im August 1948 werden in der Haftanstalt Mainz im Keller Räume für die Einrichtung einer Hinrichtungsstätte eingerichtet. Eine Schlosserei, die 1945 für die britische Militärregierung ein Richtgerät baute, geht ohne Eifer an die neue Arbeit und stellt die Fertigung für Anfang 1949 in Aussicht. Bauzeichnungen für die Guillotine werden verbummelt und Vorwände gefunden, die Arbeit zu verzögern. Das Fallmesser wird zum Problem, ein Beamter in Dortmund von der dortigen Richtstätte lügt schriftlich nach Mainz, dass das Messer zu stark beansprucht sei und nicht ausgeliehen werden könne. Fünfzehn Messerschmieden schreiben fünfzehn ablehnende Bescheide. Ohne Stellenausschreibung gehen dagegen vier Bewerbungen für den Scharfrichterposten ein. Im Januar 1949 wird die Guillotine nach Mainz geschafft. Eine Messerschmiede wird polizeilich zur Herstellung des Messers gezwungen, der Maschinenbauer verzögert nochmals die Auslieferung des Fallbeils.Ausgerechnet Hans-Christoph Seebohm, einer der beiden Vorsitzenden der konservativen Deutschen Partei, später offiziell vom Bundeskanzler für seine Bemerkungen über das Heimatrecht Vertriebener und die Ehre der deutschen Soldaten gerügt, bringt im Dezember 1948 im Parlamentarischen Rat den ersten Antrag ein, die Todesstrafe im künftigen Grundgesetz zu verbieten. Nach heftigen Debatten wird dreimal die Abschaffung der Todesstrafe im Hauptausschuss mehrheitlich abgelehnt, ein weiteres verübtes Verbrechen beeinflusst die Stimmung. In einer letzten Sitzung am 6. Mai 1949 werden alle Argumente noch einmal vorgetragen. Währenddessen ist die Richtstätte in Mainz fertig geworden. Eine Vollzugsbeamtin in Diez, wo die verurteilte Kindsmörderin seit gut 630 Tagen einsitzt, verzögert den Transport nach Mainz. Am 8. Mai wird im Hauptausschuss über das Grundgesetz abgestimmt, mit dem Artikel über die Abschaffung der Todesstrafe. SPD, Zentrum, Deutsche Partei und KPD stimmen für die Abschaffung, die FDP entscheidet sich mit Ausnahme Thomas Dehlers, des späteren Justizministers, dagegen, etwa die Hälfte der Unionsabgeordneten votiert für den neuen Artikel.Am 8. Mai wird das Grundgesetz im Parlamentarischen Rat verabschiedet - mit dem neuen Artikel 102: "Die Todesstrafe ist abgeschafft." Das neue Bundesrecht bricht Landesrecht, die zum Tode verurteilte Frau ist fast gerettet. Am 11. Mai wird in Koblenz eine Aktennotiz gefertigt, die Richtstätte sei nun betriebsfertig. Bis zum In-Kraft-Treten des Grundgesetzes am 24. Mai 1949 ist die Verurteilte in Lebensgefahr. Sie überlebt.Später begnadigt Helmut Kohl in einer seiner frühen Amtshandlungen als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident die mit dem Leben davongekommene Frau, und im Juli 1970 nach fast 30 Jahren Haft wird sie aus dem Gefängnis entlassen. Als das Buch von Küppersbusch und Becker erscheint, ist sie eine Greisin von achtzig Jahren; sie ist nicht mehr ansprechbar.Friedrich Küppersbusch, Oliver Becker: Lebenslänglich Todesstrafe. Deutschlands letzte Todeskandidatin. Konkret Literatur-Verlag, Hamburg 2000. 160 S., 28 Mark.