BERLIN. Es ist eine kleine Geste. Michail Gorbatschow blickt zur Seite, er sieht Helmut Kohl an, der neben ihm sitzt. Vorne auf der Bühne redet der Bundespräsident, er hat Gorbatschow gewürdigt und Kohl und den früheren US-Präsidenten George Bush. Die drei haben unbewegt zugehört, kein Nicken, kein Lächeln, die Gesichter starr. Dass alle drei früheren Staats- und Regierungschefs gemeinsam hier sind, sei ein Zeichen der Hoffnung, sagt der Bundespräsident. Gorbatschow blickt zur Seite und nimmt Kohls Hand. Kurz ist der Moment, aber fast zärtlich.Es ist eine der vielen Einheitsfeierlichkeiten in diesem Jahr, in dem sich der Mauerfall zum 20. Mal jährt. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung hat dafür am Samstag in den Friedrichstadtpalast geladen, die Revue-Bühne in Ost-Berlin. "Europas größter Show-Palast" steht auf den Eintrittskarten der Gäste. Auf der Bühne hängt ein silberglitzernder Vorhang. Es ist eine von vielen Einheitsfeiern, es gibt den bei diesen Anlässen obligatorischen Kurzfilm mit Szenen von Grenzöffnung und Montagsdemonstrationen.Es gibt angemessene Momente auf dieser Veranstaltung und seltsame. Zu den angemessenen gehört die Rede von Horst Köhler, der den Blick weniger in die Vergangenheit als in die Zukunft richtet, für mehr Zusammenhalt in Europa plädiert und erklärt, dass Völker Staatsmänner und -frauen mit einem Blick für die geschichtliche Lage bräuchten.Zu den Seltsamkeiten gehört die erstaunlich bunt gestreifte Krawatte des Chefs der Konrad-Adenauer-Stiftung, Bernhard Vogel. Es gehört dazu die Rede von Michail Gorbatschow, der von den deutschen Soldatengräbern in Russland zu der Feststellung mäandert, dass die wichtigste Qualität eines Präsidenten die Schauspielkunst sei. Der die Verbesserung der deutsch-russischen Beziehungen auch daran festmacht, dass "man russische Bräute hierher gebracht hat". Gorbatschow redet und redet, er wirft sein Wasserglas um, und als Bush zweimal erklärt, dass die USA jetzt auch dringend eine Perestroika bräuchten, wirkt es einen Moment lang so, als könne es einen Eklat geben. Gorbatschow ist im übrigen der einzige, der auf dieser Veranstaltung das Wort "DDR" ausspricht. Die DDR, sagt er, habe auch einen Beitrag für die deutsch-russischen Beziehungen geleistet. Sie sei für die Sowjetunion das Fenster nach Deutschland gewesen.Das wirklich Besondere aber an dieser Veranstaltung ist Helmut Kohl: Er ist 79 Jahre alt, er ist viel im Krankenhaus gewesen in den letzten Jahren. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt seit langem, im Rollstuhl wird er auf die Bühne geschoben. Er sitzt darauf wie auf einem Thron. Ob Kohl auch an der Festveranstaltung der Regierung am 9. November teilnimmt, ist noch offen. In den Friedrichstadtpalast aber ist er gekommen. Kohls Gesundheitszustand ist in der Partei wie ein Staatsgeheimnis behandelt worden in letzter Zeit. Jetzt spricht der Altkanzler selbst darüber. Er sagt, es sei nicht klar gewesen, ob er nach Berlin reisen könne, er habe einen schweren Unfall gehabt vor einem Jahr. "Aber jetzt bin ich hier."Er hält eine kurze Rede, vor sich ein Blatt mit Notizen. Es fällt ihm nicht leicht zu sprechen, er verzichtet nicht auf Pathos, aber das bleibt gering dosiert, garniert mit kleinen Spitzen und ein wenig Selbstironie. Er bricht damit die Betroffenheit, die Beklemmung, die sich über den Saal gelegt hat angesichts seiner offensichtlichen Gebrechlichkeit.Einzelne Sätze und Passagen sind völlig klar, sie wirken umso mehr, als seien sie dem Redner besonders wichtig. "Am 9. November ist die Mauer gefallen", ist so ein klarer Satz. Was er über die Zweifel an der Wiedervereinigung sagt, wirkt dann wieder undeutlicher. Sie sei aber ja dennoch erreicht worden, gemeinsam, mutig, friedlich. "Das war alles nicht selbstverständlich", sagt Kohl und wendet sich damit an die, "die heute die Zeitungen voll- schreiben". Zu Journalisten hat Kohl immer ein gespaltenes Verhältnis gehabt.Ein wenig schnoddrig und zumindest nicht verklärend klingt es, als Kohl erzählt, das Verhältnis zu Gorbatschow und Bush sei nicht jeden Tag gleich gut gewesen. "Da gab es Unterschiede und Variationen." Aber wie man es dann so macht als Staatsmann: "Wenn es wichtig war, hast du das Telefon abgenommen und hast George Bush angerufen." Bush hat Kohl zuvor als "großen Staatsmann" gelobt: "Er war ein Fels, ein stabiler Fels", hat er gesagt.Es ist eine Einheitsfeier, vor allem aber ist es eine Helmut-Kohl-Feier. Vor dem Friedrichstadtpalast haben sich Mitglieder der Jungen Union mit Plakaten aufgebaut, auf denen steht, dass Kohl ihr Idol sei. Er habe diese jungen Leute noch nie gesehen, wird der Altkanzler in seiner Rede sagen. Und danach verkünden, es zeige sich, dass die Deutschen endlich zur Vernunft gekommen seien. Einen kurzen Moment kann man glauben, er spreche nicht über das internationale Ansehen Deutschlands, sondern über sein eigenes in Deutschland. Die Spendenaffäre, die nicht genannten Spendernamen, hängen Kohl immer noch an. Auch die CDU hat ihren Frieden mit dem Altkanzler noch nicht gemacht. Das zeigt sich daran, wie kurz die Begegnung zwischen Kohl und Kanzlerin Merkel ist. Sie hatte ihn einst in der Spendenaffäre von der Bühne gestoßen.Viele wollten nicht kommenEs zeigt sich auch an der Gästeliste, daran, wer gekommen, und vor allem daran, wer nicht gekommen ist: Wolfgang Schäuble etwa ist der Veranstaltung ferngeblieben, obwohl er es war, der den Einheitsvertrag mit ausgehandelt hat. Er hat sich von Kohl später um die Kanzlerkandidatur betrogen und in seiner jahrelangen Treue nicht belohnt gefühlt. Im Publikum sitzen aus dem aktuellen Kabinett nur Bildungsministerin Schavan und der neue Arbeitsminister Franz Josef Jung. Von den Ministerpräsidenten ist nur Wolfgang Böhmer aus Sachsen-Anhalt gekommen. Und auch der Einheits-Außenminister Hans Dietrich Genscher, der mindestens so zur Wiedervereinigung gehört wie Gorbatschow und Kohl, ist nicht dabei. Das einzige annähernd sozialdemokratische Gesicht ist DGB-Chef Michael Sommer. Bild-Chefredakteur Kai Dieckmann und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner dürfen hinter der Kanzlerin sitzen - der Springer-Verlag hat die Veranstaltung mit organisiert.Kohl beendet seine Rede mit dem Hinweis, die Wiedervereinigung sei ein Grund, stolz und dankbar zu sein. Die Deutschen hätten ja "nicht allzu viel Grund, stolz zu sein." Stolz, das ist ein wichtiges Wort für ihn. Auch er selber habe allen Grund dafür. Und noch einmal: "Ich habe nichts Besseres, als stolz zu sein auf die deutsche Einheit." Auch diesen Satz sagt Kohl sehr deutlich. Er bekommt stehende Ovationen. Und Bush tätschelt Kohls Hand.------------------------------"Wenn ich sehe, wer in Deutschland alles gegen die Einheit war, macht es mir einen Genuss zu sehen, wer nun alles für die deutsche Einheit ist." Helmut Kohl"Der Frieden ist, worum es wirklich geht." George Bush sen.Foto: Gebrechlich, gerührt, aber auch stolz auf die eigene Leistung: Der 79 Jahre alte Helmut Kohl wurde im Rollstuhl auf die Bühne geschoben.Foto: Freuten sich über das Wiedersehen: Michael Gorbatschow, George W. Bush sen. und Helmut Kohl (v. l.).