Im Prinzip ist es einfach: Wer den Radsport-Zirkus als kriminell kritisiert, wer täglich die wahnwitzigen Ausmaße des Drogengeschäfts beschreibt, wer beständig auch die Verstrickungen von Journalisten, vor allem der öffentlich-rechtlichen Sender, in diesem mafiosen System brandmarkt, der muss irgendwann selbst die Frage beantworten, ob es noch angemessen ist, von der Tour de France zu berichten. So wie darüber diskutiert wurde, ob ARD und ZDF auf Tour-Übertragungen verzichten, muss zwingend gefragt werden, ob nicht auch eine Tageszeitung inne halten sollte. So viel Ehrlichkeit muss sein.Im Prinzip ist die Lage vertrackt: Denn es ist klar, dass auch ein Blatt wie die Berliner Zeitung, die seit 1997 Stammgast ist bei der Tour de France, mit ihrer Berichterstattung Teil einer Verwertungskette wurde - und damit letztlich selbst Promotion betrieb für eine verkommene Branche. Dieser Mechanismus ist nicht wegzudiskutieren, so sehr wir uns in den vergangenen Jahren um Abstand bemüht haben und um einen Blick hinter die Kulissen.Im Prinzip ist der Umgang mit der Spritztour der Radprofis kompliziert. Kann man sich für einen aufrechten, unabhängigen Sportjournalismus einsetzen, der nicht Promoter von Ereignissen sein will, sondern kritischer Begleiter; der mehr im Blick hat, als nur eine Unterhaltungsfunktion zu erfüllen? Und dann doch wieder, wie üblich, von der Tour berichten? Über die täglichen verlogenen Dramen, die gefallenen und neuen Helden, die wenig später mit gespenstischer Regelmäßigkeit als Betrüger enttarnt werden? Kann man ständig nur den als Journalisten getarnten Marktschreiern vom Fernsehen die Schuld zuweisen, die in der Tat lustvoll am Lügengebilde mitgebastelt haben, und sich selbst auf der sicheren Seite wähnen?Im Prinzip könnten wir uns hinter dem Allerwelts-Argument verstecken, Journalisten hätten Chronisten zu sein, im Auftrag ihrer Leser. Das stimmt selbstverständlich, aber es wäre zu billig. Denn es gibt Grenzen. Für das, was sich Radsport nennt, wäre ein täglicher Gerichtsreport die angemessene Form.Wir haben deshalb ausgiebig über Prinzipien diskutiert, darüber, ob wir in diesem Jahr überhaupt die Tour de France besuchen. Wahrscheinlich wäre nur das konsequent gewesen: Einfach einmal zu schweigen und die Branche mit Nichtachtung zu strafen. Aber Ausblenden ist auch kein journalistisches Kriterium, und deshalb haben wir uns für einen Kompromiss entschieden: Christian Schwager, der bereits acht Mal auf der großen Schleife war, wird zwar in diesem Jahr erneut bei der Frankreichrundfahrt vor Ort sein, aber die übliche Berichterstattung wird es nicht geben. Also: Keine Etappenberichte, keine Fotoserien, keine der üblichen Grafiken über die Schwierigkeitsgrade der Strecken, keine Folklore, die den Blick vernebelt auf das Wesentliche.Im Prinzip werden wir uns auf diese Kolumne konzentrieren. An dieser Stelle wird Christian Schwager von Montag an täglich versuchen, das Ringen der Radsport-Branche mit ihrem fundamentalen Problem in Form eines Tagebuchs zu beschreiben: Die Tour und die Drogen, der Radsport und die organisierte Kriminalität, das und nichts anderes sind die Themen. Sollten die Drogenfahnder erneut im Peloton aufräumen, werden wir natürlich zusätzlich darüber berichten. Nicht weniger, aber auch nicht mehr als nötig. Diese Form der Berichterstattung, die gewiss nicht nur Freunde finden wird, erscheint uns in diesem Jahr angemessen. Die Aufräumarbeiten im Radsport haben gerade erst begonnen. Es mag einige positive Entwicklungen geben, aber es wird immer noch betrogen und gelogen, vertuscht und geschwiegen, geleugnet und verborgen, verheimlicht und bestritten.Im Prinzip ist es so: Wer in Gelb fährt, ist völlig unerheblich.------------------------------Foto: Fälschung statt Folklore: Tour de France, vom 7. bis 29. Juli.