FRANKFURT A. M. Wolfgang Schäuble ist nicht nur hart zu sich selbst, sondern auch im Umgang mit seinen Mitarbeitern - das hat er mit seinem rüden Verhalten gegenüber seinem Sprecher Michael Offer bewiesen. "Ein Urteil sagt über den Sender ebenso viel aus wie über den Empfänger", sagt Dieter Frey, der Inhaber des Lehrstuhls für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians Universität in München. "Man hätte das auch mit Humor lösen können."Meistens führten Stresssituationen dazu, dass Spitzenkräfte die Grenze zu destruktiver Führung leichter überschreiten, sagt Frey. Damit meint der Wissenschaftler, dass Chefs ihre Untergebenen nicht nur unfair behandeln, sondern auch in ihrer Würde verletzen, indem sie sie öffentlich demütigen. "Leider passiert es sehr häufig, dass Führungskräfte so impulsiv reagieren", sagt Frey. "So etwas passiert täglich in Unternehmen", sagt auch Hanne Weisensee, die unter anderem für Politiker Coachings anbietet. Der Unterschied: In Firmen merkt es keiner, weil keine Fernseh-Kameras dabei sind.Schäubles Verhalten ist also beispielhaft für schlechte Führung - doch was versteht man in Deutschland unter guter Führung? In einer aktuellen Befragung von 300 Führungskräften aller Altersgruppen des Vereins Wertekommission ist nachzulesen, dass sich fast alle Chefs seit Jahren auf ein ähnliches Set von Werten berufen - Ehrlichkeit, Vertrauen und Zuverlässigkeit sind dabei zentral. Es zählen also Kompetenzen, die auch im Privatleben als wichtig erachtet werden. "Die Führungskräfte wollen ihre Werte nicht an der Garderobe des Unternehmens abgeben", sagt Frey.Große UnzufriedenheitDas Problem: Selbst- und Fremdwahrnehmung der Führungskräfte klaffen weit auseinander, sagt Georg Schreyögg, Professor am Institut für Management an der Freien Universität Berlin. Während sich die Beschäftigten von den Führungskräften gemobbt oder bloßgestellt sehen, hält sich der Chef selbst für umgänglich, witzig und durchweg sympathisch. Die Managementforschung wendet sich dem Phänomen schlechten Führungsstils gerade erst zu, sagt Schreyögg. Denn bislang untersuchte die Wissenschaft die Umgangsformen der Führungskräfte mit einem eher wohlwollenden Blick. Nun befassen sich die Wissenschaftler dagegen verstärkt mit den verschiedenen Varianten schlechten Führungsstils.Und der scheint ein Massenphänomen zu sein. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Gallup von 2009 machen 76Prozent der Beschäftigten in Deutschland nur Dienst nach Vorschrift. Und jeder Dritte hat innerlich bereits gekündigt. Sozialpsychologe Frey sieht als Ursache dafür auch schlechten Führungsstil und mangelhafte Unternehmenskultur. Dazu passt eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen für die Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2008. Demnach sind 67Prozent der Befragten nicht mit der Leistung von Führungskräften in der Wirtschaft zufrieden. Die Leistung von Spitzenpolitikern kritisieren 63 Prozent.Die Gründe dafür, warum Chefs im Umgang mit Beschäftigten patzen, sind vielfältig. Offenbar ist es für viele Führungskräfte nicht einfach, einerseits mit den Mitarbeitern gut klarzukommen, andererseits aber auch Ziele hartnäckig zu verfolgen und unbequeme Entscheidungen durchzusetzen. Für Frey liegt ein Problem darin, dass oft die besten Fachleute zu Chefs befördert werden, ohne auf ihr Führungspotenzial zu schauen. Vor allem in Wissenschaft und Politik werde oft suboptimal geführt, sagt Frey, dabei könnten es sich Unternehmen aufgrund des größeren Wettbewerbs eigentlich nicht mehr leisten, durch falsche Führung Motivation und Kreativität ihres Personals abzutöten.Zu einem guten Führungsstil gehört es natürlich auch, Mitarbeiter zu fördern. Das gilt für Politiker wie für Manager. Manchen Chefs fällt das nicht leicht, weil sie Angst haben, ihre eigene Konkurrenz aufzubauen. Wer seine Untergebenen klein hält, kann sich allerdings auch selbst schaden. Gerade in Politik und Wissenschaft haben die meisten Beschäftigten Zeitverträge. "Wenn Sie nicht gut führen, sind die guten Leute in Nullkommanichts weg", warnt Hanne Weisensee. Dass man durchaus etwas tun kann, um an seinem Führungsstil zu feilen, spricht sich herum. Vor allem Jüngere seien offen für Coachings, so Weisensee. Die SPD hat sogar eine Führungsakademie für Nachwuchskräfte ins Leben gerufen.Und wie ist es mit den Top-Leuten? Wird der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel auch systematisch trainiert? "Nein", sagt der SPD-Sprecher. "Gabriel braucht das nicht". (mit xjor.)------------------------------Vorgesetzte in Theorie und PraxisWie viele Führungskräfte es in Deutschland gibt, ist nicht klar. Schließlich ist das eine Frage der Definition. Je nachdem, welche Kriterien - Entscheidungsbefugnis, Personalverantwortung, Gehaltshöhe - man zugrunde legt. Beim Mikrozensus 2004 etwa hatten sich 819000 Deutsche als Top-Führungskraft eingestuft. Das Statistische Bundesamt registrierte 2007 643000 Unternehmer und Geschäftsführer.Frauen sind in Spitzenpositionen in Wirtschaft und Verwaltung nach wie vor unterrepräsentiert. So werden mehr als 70 Prozent der Betriebe von Männern geleitet, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung herausgefunden. In der zweiten Reihe liegt die Frauen-Quote etwas höher: bei 35 Prozent. Im mittleren Lebensalter hat fast jeder vierte Mann eine Führungsposition inne, aber nur jede achte Frau.------------------------------Foto: Erfolgreich nach außen, verhasst nach innen - Meryl Streep (r.) als tyrannische Chefin in "Der Teufel trägt Prada".FÜHRUNGSKRÄFTE - WAS MACHT EINEN VORGESETZTEN ZU EINEM GUTEN CHEF? DIE ANSICHTEN LIEGEN JE NACH POSITION WEIT AUSEINANDER.DIE ERKENNTNIS, DASS GUTE PERSONALFüHRUNG AUCH ERST GELERNT WERDEN MUSS, SETZT SICH IN DEUTSCHLAND NUR LANGSAM DURCH.