BERLIN. Eigentlich hasst er Chemie, der Maschinenbauingenieur Rudolf Jursic. Wärmetechnik und Festigkeitsberechnungen sind sein Gebiet. Seit fünf Jahren aber befasst er sich nun mit der Zusammensetzung von Molekülen. Er spricht viel von Kappungsgrenzen, Vergällung, Ethanol, Butanol und Heptanon, als hätte er sich nie mit etwas anderem beschäftigt. Denn Jursic, sechzig Jahre alt, hatte sich vorgenommen, die Unschuld seiner Schwägerin zu beweisen. Die Frau wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt und saß bereits zweieinhalb Jahre in Berlin im Gefängnis. Die Vorwürfe stützten sich hauptsächlich auf ein chemisches Gutachten des Berliner Landeskriminalamtes, das Jursic mit eigenen Nachforschungen widerlegen wollte. Seine Zweifel waren berechtigt. Am morgigen Mittwoch kann seine Schwägerin Monika de M. nach einem zweiten Prozess mit einem Freispruch rechnen.Was war geschehen? Am 18. September 2003 gegen ein Uhr nachts bricht in einer Doppelhaushälfte im Uhuweg in Berlin-Neukölln Feuer aus. Die heute 52-jährige Monika de M. und ihr damaliger Lebensgefährte können sich retten, ihr Vater, 76 Jahre alt, schwer krebskrank und nahezu bewegungsunfähig, kommt in seinem Krankenzimmer im ersten Stock in den Flammen um.Drei Wochen später wird Monika de M. verhaftet und im Januar 2005 in einem ersten Prozess wegen Mordes verurteilt. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass sie im Haus am Uhuweg literweise Brennspiritus als Brandbeschleuniger verteilt hatte. Unmittelbare Zeugen gibt es nicht. Aber ein Untersuchungsergebnis. Im Brandschutt hatten die Ermittler Proben genommen und im Labor chemisch analysiert. Ihr Ergebnis: In 14 dieser Proben konnte 3-Methyl-2-butanon nachgewiesen werden, eine Substanz, die typischer Bestandteil von Spiritus ist. Die Berliner Chemiker wenden eine Messmethode an, die sie selbst entwickelt haben: Ist 3-Methyl-2-butanon oberhalb einer bestimmten Grenze in den Proben vorhanden, muss aus ihrer Sicht Spiritus als Brandbeschleuniger vorhanden gewesen sein."Für mich waren die Anschuldigungen von Anfang an Blödsinn", sagt Rudolf Jursic, der Monika de M., die Schwester seiner Frau, seit 26 Jahren kennt. In keinem Moment sei ihm damals der Gedanke gekommen, dass die Schwägerin gezielt das Haus angezündet haben könnte. "Monika ist ein Mensch, der jeder Konfrontation aus dem Weg geht, die würde nie ihren Vater auf so grausame Weise umbringen."Rudolf Jursic sitzt in einem weißen Hemd und schwarzen Trainingshosen am Schreibtisch seiner Wohnung und raucht eine Zigarette nach der anderen. Vor ihm stapeln sich Berge von Papier und Bücher mit Titeln wie "Berichte zur Brandschutzforschung", "Die Klassifikation von Brandstraftätern" oder "Fire Scene Evidence", Brandspurenbeweise. Daneben liegen Päckchen mit Medikamenten. Jursic sagt, die muss er nehmen, seit er im Juni 2005 wegen der ganzen Sache einen Herzinfarkt erlitt. Er sagt, "ich bin nun mal ein Gerechtigkeitsfanatiker."Im Wohnzimmerregal bewahrt er Tatortfotos aus den Ermittlungsakten in schwarzen Mappen auf, er hat sie gescannt und vergrößert, um jedes Detail besser erkennen zu können. Vor dem Regal steht ein Modell des abgebrannten Hauses. Er hat es in seinem Keller aus Styropor nachgebaut, maßstabsgerecht, wie er sagt. Wie ein Puppenhaus sieht es aus. Die Möbel hat er aus Sperrholz gebastelt, auch das Krankenbett, in dem der alte Vater starb. Selbst der Haltegriff zum Hochziehen fehlt nicht. Das Modellhaus hat er mit ins Gericht genommen, damit sich die Richter besser ein Bild vom Tatort machen können. Als Nebenkläger in dem Prozess hat er keinen Verhandlungstag ausgelassen. Aber das Gericht hat sein Haus als Beweismittel nicht zugelassen.In seinem Wohnzimmer hängen Skizzen mit den Grundrissen der beiden Stockwerke des abgebrannten Hauses. Jeder Sessel, jeder Tisch ist eingezeichnet und die Position der Leiche des alten Mannes. Manche Stellen sind durch Kreise markiert, die nummeriert sind. Dort haben die Brandermittler ihre Proben aus dem Schutt entnommen.Rudolf Jursic hat stundenlang im Internet recherchiert, manchmal zwei Tage hintereinander, wie er sagt, weil es es ihm keine Ruhe ließ. Hunderte Male habe er "3-Methyl-2-butanon" als Suchbegriff eingegeben, in der Hoffnung, eine andere Erklärung für das Vorhandensein dieser Substanz nach einem Brand zu finden. Die Verteidigung, so hoffte er, könnte dann im Prozess entsprechende Beweisanträge zur Widerlegung der Vorwürfe stellen.Er hat auch Mails an etwa sechzig renommierte Fachleute geschickt, an Chemie-Professoren sämtlicher deutscher Universitäten und an Experten von Instituten für Bauchemie, deren Namen er im Internet fand. Es gehe um einen Mordvorwurf, hat er ihnen geschrieben und sie gebeten, ihm Literatur zu Rückständen bei Verbrennungsprozessen zu empfehlen, weil er allein nicht weiterkomme. Acht Spezialisten haben geantwortet und ihm Bücher genannt, die er sich dann besorgte - aus der Nationalbibliothek oder der Bibliothek der Technischen Universität Berlin, manche kaufte er, das teuerste für 130 Euro in London. "Das war rausgeschmissenes Geld", sagt er heute. Weil er nur wenig zum Thema 3-Methyl-2-butanon als Brandrückstand fand.Rudolf Jursic hat auch Kontakt mit anderen Beschuldigten aufgenommen, die wegen Brandstiftung mit Spiritus in Berlin vor Gericht standen: mit einem Mieter zum Beispiel, der vom Amtsgericht Tiergarten zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, weil er seine Wohnung gezielt in Brand gesteckt haben sollte. Er wurde erst in zweiter Instanz freigesprochen. Jursic telefonierte mit der Anwältin eines Postbeamten, der 2003 vor Gericht stand, weil er angeblich den behinderten Sohn seiner Lebensgefährtin durch einen mit Hilfe von Spiritus gelegten Brand töten wollte. Der 15-jährige Junge war an Rauchvergiftungen gestorben. Der Postbeamte wurde zweieinhalb Jahre nach dem Brand freigesprochen, weil ihm die Richter eine solche Tat nicht zutrauten. "Um ein behindertes Kind zu verbrennen", befanden sie in ihrem Urteil, "bedarf es eines völlig anders strukturierten Menschen."Gemeinsam mit dem Verteidiger der Schwägerin suchte Rudolf Jursic nach Gegengutachtern. Er fand vier Experten, drei Brandsachverständige und ein Chemieprofessor. Jursic zahlte ihnen 2 000 Euro aus eigener Tasche. Im Falle eines Freispruchs kommt in der Regel der Staat für solche Gutachten der Verteidigung auf. Alle vier Gutachter äußerten vor Gericht Zweifel an der These des Landeskriminalamtes und hielten eine Brandstiftung für unwahrscheinlich. Ihre Vermutung: Eher könnte ein Schwelbrand, ausgelöst durch eine Zigarette, das Feuer verursacht haben.Die Erklärungsversuche dieser Gutachter hätten die Richter nicht überzeugt, hieß es dann 2005 im Urteil. Monika de M. erhielt eine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes aus Habgier. Zugleich stellte das Gericht eine besondere Schwere der Schuld fest, was bedeutet, dass sie nach 15 Jahren Haft nicht vorzeitig auf Bewährung hätte entlassen werden können. Aus Sicht der Richter hatte sie besonders grausam gehandelt. Sie habe bewusst im Zimmer ihres schlafenden Vaters Feuer gelegt, um als Erbin von der Brandversicherung zu profitieren.Nach Meinung des Gerichts passte der Vorwurf zu der Persönlichkeit von Monika de M. Aufgewachsen in bürgerlichen Verhältnissen und seit 30 Jahren in einer Kreuzberger Privatpraxis als Arzthelferin tätig, stand sie nach dessen Auffassung "vor einem Abgleiten in die Asozialität". Dafür sprach, dass sie Schulden in Höhe von 1 500 bis 5 000 Euro hatte, weshalb ihr Gehalt gepfändet war. Sie war mit der Pflege des schwer kranken Vaters überfordert, ihr Lebensgefährte trank. Das Haus sei so verwahrlost gewesen, so die Richter, dass es nach dem Tod des krebskranken Vaters, der nur noch wenige Monate zu leben hatte, lediglich mit großem Aufwand zu verkaufen gewesen wäre. Der Brand hätte somit auch das Entrümpelungsproblem gelöst.Anfang 2006 hob der Bundesgerichtshof in Leipzig auf die Revision der Angeklagten hin das Urteil auf - mit deutlicher Kritik an den Berliner Richtern. Diese hätten sich vor allem auf das Brandgutachten des Landeskriminalamtes gestützt und die Widersprüche zu den Gutachten der anderen Sachverständigen nicht genügend geprüft. Das Landgericht habe nicht ausreichend erklärt, so die obersten Strafrichter, warum es sich vor allem auf eine chemische Messmethode zur Verwendung von Spiritus stützt, die "offensichtlich nicht standardisiert" sei und lediglich auf den eigenen Erfahrungswerten eines LKA-Chemikers aufbaue.Im März darauf wurde Monika de M. aus der Haft entlassen. Knapp ein Jahr später, in der vergangenen Woche, begann der zweite Prozess gegen sie - diesmal mit einer Brandsachverständigen des Bundeskriminalamtes. Silke Löffler, 48 Jahre alt, Diplom-Chemikerin und Leiterin des Fachbereichs Brandursachen, arbeitet seit 1991 beim BKA und war unter anderem Gutachterin zum Brand in einem Lübecker Asylbewerberheim, bei dem 1996 zehn Menschen starben. Vor Gericht schloss sie vergangenen Mittwoch eindeutig eine Brandstiftung aus.Sie hält es ebenfalls für wahrscheinlich, dass der Brand durch eine Zigarette des kettenrauchenden Vaters ausgelöst wurde. Die Spuren, die das Feuer an Decke, Wänden und Türen hinterlassen habe, würden eindeutig den Ergebnissen der chemischen Analyse der Berliner Kriminaltechniker widersprechen. Andere wissenschaftliche Meinungen seien ihr dazu nicht bekannt. Wie sie sich das Berliner Messergebnis erkläre, wurde sie gefragt. Sie sagte, dass man diese Frage den Berliner Kollegen stellen müsse. Vielleicht seien deren Messgeräte zu empfindlich oder es habe bei der Aufbereitung der Proben einen Fehler gegeben.Nach einem Freispruch steht Monika de M. eine Haftentschädigung von elf Euro pro Tag zu, das macht 9 768 Euro für 888 Tage Haft. Zudem kann sie Arbeitsausfall geltend machen. Sie wohnt jetzt in einer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung in Neukölln und lebt von Hartz IV. Ihr Job als Arzthelferin wurde ihr während der Untersuchungshaft gekündigt. "Verschenkte Zeit" nennt sie ihre Jahre im Gefängnis. "Du sitzt da und kapierst einfach nicht, wie dir so etwas passieren kann."------------------------------"Ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker, ich habe meiner Schwägerin so eine grausame Tat nicht zugetraut." Rudolf Jursic, Schwager von Monika de M.------------------------------Foto: Monika de M. gemeinsam mit ihrem Schwager Rudolf Jursic mit dem Modell jenes Hauses, in dem der Vater der Frau in den Flammen umkam.